Lily Collins als Schneewittchen. Foto: dpa-Film

Wer braucht Fantasyfilme, Horror­schocker und Romanzen, wenn er Grimms Märchen haben kann? Schneewittchen ist zurück.

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da gab es keine „Twilight“-Saga und keine „Vampire Diaries“ um schaurig-schön Teenagerherzen zu erobern; keine „Herr der Ringe“- und „Harry Potter“-Filme, die in Zauberwelten entführten. Dennoch schien die Welt voller Magie zu sein. Die Kinder- und Hausmärchen, die die Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm mit romantischem Ehrgeiz in ganz Europa sammelten und 1812 erstmals veröffentlichten, stellen einen Geschichtenfundus dar, der lange bevor es Kino und Fernsehen gab, für das allabendliche Unterhaltungsprogramm zwischen Grusel und Verzückung zuständig war – und jetzt wiederentdeckt wird.

Die Neufassungen von Grimms Märchen, die nun ins Kino und ins Fernsehen drängen, widersetzen sich allerdings mehr und mehr der Verniedlichung der im Original oft extrem gewalttätigen, unsittlichen und überhaupt nicht kindgerechten Geschichten. Schon die Grimms hatten ihre Textsammlung nach und nach bereinigt, zensiert, Grobheiten, Grausamkeiten entfernt, um bürgerlich-christliche Moralvorstellungen nicht zu verletzten. Und in Walt Disneys kindlich-konservativen Trickfilmversionen von Stoffen wie „Schneewittchen“ oder „Aschenputtel“ eskalierte schließlich die Verharmlosung der Märchenwelt ins Kitschige.

Julia Roberts als böse Königin

Jetzt entdeckt die US-Unterhaltungsindustrie den Märchenfilm aber aus dem Geist des Fantasy- und Mysteryfilms neu, will mit den Geschichten von Rotkäppchen und dem bösen Wolf, von Schneewittchen und den sieben Zwergen genau das Publikum für sich gewinnen, das sich sonst Filme mit Werwölfen und Vampiren, Zauberwesen und Dämonen anschaut.

Schneewittchen führt diese neue Märchenoffensive an. Diese Geschichte, die von einer Königstochter erzählt, die weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz ist, und von einer bösen Königin berichtet, die „gelb und grün vor Neid“ wird, als sie erfährt, dass Schneewittchen tausendmal schöner ist als sie, scheint sich ausgezeichnet für furiose Fantasyfilme zu eignen. An diesem Donnerstag kommt „Spieglein, Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“ in die Kinos. Eine trotz des Untertitels recht konventionelle Adaption von Grimms Märchen Nr. 53.

Zwar gibt der Film vor, die Geschichte aus der Perspektive der bösen Königin (Julia Roberts) zu schildern, die sich mit Hilfe ihres Dorian-Gray-Spiegels jung hält. Doch letztlich geht es einmal mehr doch nur um das verwaiste Königskind Schneewittchen (Phil Collins’ Tochter Lily Collins). Dass die sieben Zwerge nicht im Bergwerk arbeiten, sondern ihren und Schneewittchens Unterhalt mit Überfällen finanzieren, ist noch der originellste Einfall in Tarsem Singhs Regiearbeit.

„Snow White“ statt „Twilight“

„Snow White“ statt „Twilight“

Während sich der Film „Spieglein, Spieglein“ nicht entscheiden kann, ob er Parodie, Romanze oder Fantasymär sein will, weiß Rupert Sanders Film „Snow White And The Huntsman“ – Schneewittchen und der Jägersmann – offensichtlich genau, was er will. Der Streifen, der am 31. Mai ins Kino kommt, präsentiert sich vorab als spektakulär inszeniertes Fantasygroßwerk, das die Dramatik, die Action und die Romantik, die in der Vorlage angelegt sind, filmisch übersteigert. Kristen Stewart („Twilight“) spielt Snow ­White, Charlize Theron die böse Königin.

Ein drittes Schneewittchen becirct bereits seit Ende letzten Jahres die US-Fernsehzuschauer. In der Serie „Once Upon A Time“ mimt Ginnifer Goodwin die Prinzessin, die von der bösen Königin in unsere Welt verbannt wird – und mit ihr das komplette Personal aus Grimms Märchen. Ohne zu wissen, wer sie wirklich sind, fristen Schneewittchen, Rotkäppchen, Aschenputtel, Rumpelstilzchen, die sieben Zwerge und diverse Prinzen ihr Dasein in der tristen Kleinstadt Storybrook, die sie niemals verlassen können.

TV-Serien machen vor, wie es geht

„Once Upon A Time“ führt einmal mehr vor, dass inzwischen das Fernsehen oft die besseren Geschichten erzählt als das Kino. Es ist jedenfalls erstaunlich, wie kreativ der Autor Adam Horowitz („Lost“) mit den von Jacob und Wilhelm Grimm gesammelten Märchenstoffen umgeht, wie virtuos Geschichten aus der Märchenwelt und aus der Jetztzeit parallel erzählt und miteinander verschränkt werden.

Und nachdem schon im vergangenen Jahr der Streifen „Red Riding Hood – Unter dem Wolfsmond“ das Rotkäppchen-Märchen als Horrorfilm neu erzählte, versucht gerade eine weitere US-Fernsehserie Horror, Mystery, Thriller und Märchen zusammenzubringen, und erzählt von einem Polizisten, der Jagd auf aus Märchenbüchern bekannte Dämonen macht. Das Beste an der Serie ist ihr Titel: „Grimm“.

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