Unter Tränen beendete er im Januar seine Tennis-Karriere. Mit neuer Hüfte, neuem Mut und einem Titel beim Comeback ist er nun zurück: Andy Murray. Der große Kämpfer der Tennistour. Lesen Sie seine unglaubliche Geschichte.
London - Völlig erschöpft und mit Tränen in den Augen sitzt er da. Seine zittrige Stimme verrät: Hier kämpft einer mit sich, seinen Schmerzen, seinen Leiden, die weit über das Körperliche hinausgehen. „Es geht nicht mehr“, sagt Andy Murray. „Die Schmerzen sind zu groß. Es geht einfach nicht mehr.“ Schweigen. Kein Journalist traut sich nachzufragen, dann sagt Murray selbst: „Ich habe versucht, damit klarzukommen. Ich habe darüber geredet, aber davon geht es meiner Hüfte nicht besser.“
Episches Match zum Abschluss
Das war in Melbourne, im Januar, bei den Australian Open. Zuvor hatte sich Murray in der brütenden australischen Hitze einen über vierstündigen Kampf mit Roberto Bautista-Agut auf dem Centre-Court geliefert. Ein episches Match, das alles hatte, was den Briten in seiner Karriere auszeichnete: Kampf, Emotionen, Leidenschaft. Und irgendwie besiegte er am Ende mal wieder sich selbst.
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Schluss. Aus. Vorbei. Der Plan, bis Wimbledon weiterzuspielen und am Ort seiner größten Erfolge eine rauschende Abschiedsparty zu feiern, er war dahin. Dem frühzeitigen Rücktritt folgte eine Hüft-Operation, um die Schmerzen in den Griff zu bekommen. Die im Alltag wohlgemerkt. Die ihm aufstehen, hinsitzen, Auto fahren zur Qual werden ließen. An Tennis war nicht zu denken.
Fünf Monate nach der OP ist er zurück
Fünf Monate später sitzt Andy Murray wieder vor den Journalisten. In seiner britischen Heimat, im Londoner Queens Club. Mit neuer Hüfte, neuem Mut und einer neuen Sicht auf den Tenniszirkus. „Ich werde ganz sicher eine komplett andere Perspektive auf die Dinge haben als während der meisten Zeit meiner Karriere“, sagt der 32-Jährige.
Gemeinsam mit seinem spanischen Kumpel Feliciano Lopez tritt er beim Wimbledon-Vorbereitungsturnier im Doppel an. Zusammen gelingt ihnen unglaubliches: Im Match-Tie-Break gewinnen sie gegen Joe Salisbury und Rajeev Ram 7:6, 5:7, 10:5. Der Lohn: Der Titel, Vertrauen in seinen Körper und die Erkenntnis, wieder Spaß am Tennis zu haben. „Anfang der Woche war ich sehr relaxed. Aber je länger die Woche ging, umso mehr kam der Wettkampfinstinkt zurück“, sagt Murray und ergänzt: „Es war großartig, ich habe es sehr genossen.“
Am Donnerstag gab er gegen das Duo Robert Farah/Juan Sebastián Cabal sein offizielles Tour-Comeback. „Hip-Hip Hooray“, titelte die britische „Sun“, als Murray seine Teilnahme offiziell bestätigte. Für das Hauptfeld im Einzel hatten ihm die Macher im Londoner Nobelvorort West Kensington eine Wildcard reserviert. Aber der Schotte lehnte ab. Nur nichts riskieren. Er wolle erstmal schauen, wie der Körper auf die Belastung im Doppel reagiere. Nach dem gewonnen Doppel strahlte er: „Die Hüfte hält, ich hatte keine Schmerzen.“ Für Wimbledon hat er an der Seite des Franzosen Pierre-Huges Herbert gemeldet. Es gibt sie also, die Rückkehr auf den heiligen Rasen seiner größten Erfolge.
Ob man ihn wieder im Einzel sehen werde? „Ich könnte auch damit leben, gar nicht mehr zu spielen“, sagt Murray dazu. Der Mann, dessen Ehrgeiz ihn zu den Top-4 Tennisspieler der Welt werden ließ, der ihm aber auch fast genauso oft im Weg stand – er strahlte in diesen Londoner Tagen etwas anderes aus: Eine Gewissheit, mit sich, seiner Karriere und seinem Körper im Reinen zu sein.
Eine Zukunft im Einzel?
Die langjährigen Kollegen feierten das angekündigte Comeback ihres einst härtesten Rivalen. „Wir wären alle begeistert, wenn wir ihn wieder auf der Tour sehen würden. Wir haben alle gehofft, dass er zurückkommen würde“, sagt Roger Federer am Rande der French Open. Auch Rafael Nadal macht keinen Hehl daraus, dass er sich den Olympiasieger von 2012 und 2016 in den Tenniszirkus zurück wünscht: „Ich freue mich, dass er noch einmal spielen will.“ Und der Spanier weiß auch, warum es Murray auf die Tour zurück drängt: „Er ist noch jung und liebt das Spiel noch immer.“
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Er war nicht der einzige im Doppelfeld von Queens, der nach einer „Lebens verändernden“ (Murray) Hüft-Operation den Weg zurück auf die Tour fand. Der US-Amerikaner Bob Bryan hat eine ähnliche Leidenszeit hinter sich. Wie Murray ließ er sich bei Spezialist Dr. Edwin Su in New York eine neue Hüfte einsetzen. Allerdings schon im Sommer 2018, fünf Monate später stand er wieder auf dem Platz – mit 40 Jahren. Und doch staunt der Amerikaner, wenn er über Murray spricht: „Wenn man sich die großen Arbeiter der Tennisgeschichte anschaut, Lendl, Courier, Roddick – ich glaube, Andy toppt sie alle.“ Die vergangenen Monate standen sie in engem Austausch, immer wieder machte Bryan dem gebürtigen Schotten Mut, der 2016 von Queen Elizabeth zum Ritter geschlagen worden war.
„Ich will es viel mehr genießen“
Auch wenn der sich keinen Druck auferlegen will, im Idealfall will Murray gegen Ende des Jahres auch wieder im Einzel antreten – sofern die neue Hüfte weiterhin hält. Sollte das gelingen, hat er eine klare Vorstellung, wie seine zweite Karriere aussehen soll: „Ich will es viel mehr genießen, verschiedene Dinge erleben, und mich nicht nur auf das Gewinnen und den Erfolg konzentrieren“, sagt er. Er genieße jeden schmerzfreien Tag, auf dem Court und daneben. „Ich würde versuchen, ein bisschen mehr rauszugehen, Städte und Ausflugsziele zu erforschen. Wir dürfen fast immer an großartige Orte reisen, darunter die tollsten Städte der Welt, aber oft verbringen wir die meiste Zeit auf dem Tennisplatz beim Training oder in Hotelzimmern“, sagt Murray.
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Es scheint, als ob er gleich zwei Kämpfe gewonnen habe: gegen seinen Körper und gegen seinen Kopf. Der Mensch, der im Januar fast gebrochen schien, strahlt etwas aus, was ihm in großen Teilen seiner Karriere abging: Spaß am Tennis.
Und sollte er den Schläger nach Wimbledon doch wieder an den Nagel hängen müssen? Wenn die Niederlage in Melbourne das letzte Einzel seiner Karriere bliebe? „Das wäre auch ein fantastisches Ende. Es war ein großartiges Match, eine brillante Atmosphäre. Und irgendwie wäre es auch ein passendes Ende, so aufzuhören – denn ich hatte wirklich meine Probleme.“ Gestatten, der neue Andy Murray.
In der Bildergalerie finden Sie die wichtigsten Karriere-Highlights des Schotten.