Statistisch gesehen hat jeder Mensch in seinem Leben einmal Rückenschmerzen Foto: dpa-Zentralbild

Arbeit kann der Gesundheit schaden – nicht arbeiten aber auch. Aktuelle Studien zweier Krankenkassen zeigen unabhängig voneinander, wie sehr Stress die Gesundheit belasten kann, ­vor allem die Wirbelsäule.

Berlin - Der plötzliche Schmerz lässt einen in die Knie gehen – und dort auch erst einmal verweilen. Kein Wunder, dass der Volksmund dieser fast teuflischen Qual den Namen „Hexenschuss“ gegeben hat. Das Stechen seitens des Nervus Ischiadikus im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule gehört zu den häufigsten Leiden.

 

Statistisch gesehen hat jeder Mensch irgendwann in seinem Leben einmal Kreuzschmerzen. Die Techniker Krankenkasse (TK) hat es für den aktuellen Gesundheitsreport, den sie am Dienstag in Berlin vorgestellt hat, ausgerechnet: Fast jeder zehnte Fehltag bei Beschäftigten geht auf ein Rückenleiden zurück. Auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet sind das 40 Millionen Fehltage. Mit im Schnitt 17,5 Tagen dauere eine Krankschreibung wegen Rückenleiden fünf Tage länger als eine durchschnittliche krankheitsbedingte Fehlzeit.

Schuld tragen zwar in erster Linie verschlissene Knochen, die aufgrund von harter körperlicher Arbeit wie etwa in Pflegeberufen oder beim Bau in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Aber auch das moderne Arbeitsleben fordert seinen Tribut: So fielen auch Angestellte im Büro häufig wegen Rückenbeschwerden aus, sagte der TK-Vorstandsvorsitzende Jens Baas. Ebenso leidet bei Kraftfahrern das Kreuz aufgrund des ständigen Sitzens.

Der zunehmende Bewegungsmangel schmerzt, wie der Berufsverband der Orthopäden und Unfallchirurgen bestätigt: Die Muskeln verkümmern und geben keinen Halt. Die Wirbelsäule wird anfällig für schmerzhafte Verspannungen. Das wiederum behindert die Beweglichkeit. Der Patient schont sich, statt sein Muskelkorsett durch Bewegung zu stärken. Zudem werden die Nerven durch die Schmerzen empfindlicher. Die Folge: noch mehr Schmerz.

Diesen versuchen die meisten mit Hilfe einer Operation zu entgehen. Eine Fehlentscheidung, wie der TK-Vorsitzende Baas betont: eine sanftere Schmerztherapie helfe meist besser. Obendrein therapeutische Gespräche. Dieser Rat von Baas hat nicht zuletzt mit den hohen Kosten der Operationen zu tun, die die Kassen lieber vermeiden würden. Dennoch finden sich auch oft keine organischen Ursachen für das Rückenleiden.

Es sind vielmehr verschiedene Faktoren, wie etwa Bewegungsmangel, einseitige Belastung und Stress. Das zeigt auch eine Forsa-Umfrage: Demnach haben drei von vier Beschäftigten mit viel Stress automatisch auch Rückenbeschwerden. „Was sicher ist, dass es einen Zusammenhang zwischen Stress, psychologischen Belastungen und Rücken gibt“, sagt Baas.

Rückenschmerzen sind aber nur eines der Leiden, das durch Stress ausgelöst werden kann. Tatsächlich ist  die Liste der negativen Auswirkungen von Dauerstress noch viel länger: erhöhte Infektanfälligkeit, Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, schwindende Muskelmasse, Kopfschmerzen, Depressionen, Hörsturz oder Tinnitus.

Gefährdet sind weniger Topmanager, die von Termin zu Termin hetzen und spätabends im Büro verweilen: So zeigt der aktuelle Gesundheitsreport der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK), der am gleichen Tag veröffentlicht wurde, dass leitende Angestellte weniger unter chronischem Stress leiden als andere Bevölkerungsgruppen. „Betroffen sind eher die Studentin, die Alleinerziehende und der Arbeitslose“, sagte DAK-Vorstandsmitglied Thomas Bodmer.

Mit der Studie hat die DAK allerdings ein wissenschaftliches Stress-Konzept angewandt, das sich vom allgemeinen Verständnis von Stress im Sinne von Hektik, Zeitdruck und vielen Aufgaben unterscheidet. Zu den abgefragten Anzeichen von Stress, die DAK-Mitglieder im Alter von 25 bis 40 Jahren ankreuzen mussten, zählten Überforderung, mangelnde Anerkennung und Besorgnis.

„Frauen sind in diesen Punkten mehr gestresst als Männer“, sagte Jörg Marschall vom Forschungsinstitut IGES. Vor allem die Mehrfachbelastung durch Erziehung, Haushalt oder Beruf werde als auslaugend empfunden. Belegen lassen sich diese Aussagen durch Zahlen des Müttergenesungswerks: So ist der Anteil der Mütter, die wegen psychischer Störungen eine Kur machten, deutlich gestiegen. Lag er 2003 noch bei 49 Prozent, so waren es im vorigen Jahr 86 Prozent.

Wobei auch Unterforderung zur Erschöpfungsdepression führen kann. Wer sich ausrangiert fühlt, verliert den Halt. Arbeitslose etwa machen sich allzu viele Sorgen. „Sie sagen: Ich schaffe es nicht, die Leistung zu bringen, die von mir erwartet wird“, so Marschall. Ähnlich sei es bei Studierenden. „Auch sie haben oft die Befürchtung, ihre Aufgaben nicht erfüllen zu können.“

Doch ab wann macht Stress krank? Eine pauschale Antwort lässt sich darauf nicht geben, sagen Experten. Stress ist eben auch eine individuelle Empfindung. Günter Stalla vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München rät daher, es erst gar nicht zum Dauerstress kommen zu lassen: „Sich weniger vornehmen und ausreichend Bewegung in den Alltag einbauen.“ Auch Entspannungsübungen, Hobbys, soziale Kontakte und gesunde Ernährung seien wichtig. Man solle sich vor Augen halten, dass die durch chronischen Stress hervorgerufenen Schäden sich nicht rückgängig machen lassen.