Das Objekt der Begierde: der WM-Pokal Foto: AP

Das WM-Turnier in Russland hatte einiges zu bieten – auch Erleuchtungen im Keller und das Faszinosum des ruhenden Balles. Ein Rückblick.

Stuttgart - Zwei Partien noch, dann ist die Fußball-WM in Russland Geschichte. Wir ziehen vor dem Spiel um Platz drei und dem Finale Bilanz: mit bunten Farbtupfern, hellen Videokellern und einer stabilen Abwehrleistung – in vielerlei Hinsicht.

Die Sicherheit: Der Kollege nebenan hielt die dunkle Gestalt erst für ein sonderbares Maskottchen, das gleich von oben winkt. Doch bei genauerem Hinsehen wurde klar, dass der Mann in Schwarz, der seinen Platz direkt unter dem Stadiondach eingenommen hatte, eine andere Funktion ausübte.

Er war Scharfschütze.

Die Männer mit ihren Kalaschnikows im Anschlag waren in jeder WM-Arena zu sehen. Auch draußen standen sie, vor den Eingängen zur U-Bahn-Station etwa. Zu Hunderten in Reih und Glied, mit strengem Blick, und manchmal auch hoch zu Ross. Keine Frage: das Thema Sicherheit stand ganz oben auf der Agenda bei dieser WM. Nun, kurz vor dem Turnierende, lässt sich sagen, dass das Konzept wohl aufgegangen ist. Friedlich liefen die Spiele und das Drumherum ab. Der Plan, sich der Welt für ein paar Wochen als sicheres und gewaltfreies Land zu präsentieren, wurde konsequent umgesetzt. Die befürchteten Ausschreitungen russischer Hooligan-Gruppierungen blieben aus. Weil die Krawallbrüder entweder schon vorher weggesperrt wurden – oder weil ihnen deutlich gemacht wurde, welche Konsequenzen es haben wird, wenn sie während des Turniers auch nur einen Finger krumm machen.

Die Stimmung: Sportlich betrachtet ist es die WM der Europäer – stimmungsmäßig war es die der früh gescheiterten Südamerikaner. Zu Zehntausenden pilgerten sie nach Russland. Weltmeisterlich war die Atmosphäre, die Argentinier, Mexikaner, Kolumbianer oder Uruguayer ins große, ferne Land hinübertransportieren – traurig für sie war es, dass die Leistungen ihrer Jungs auf dem Platz damit nur selten mithalten konnten. In allen Ecken der Stadien veranstalteten die heißblütigen Südamerikaner einen Lärm, der die meisten so genannten Ultras hierzulande staunend zurücklassen würde. Unvergessen ist das Achtelfinale zwischen England und Kolumbien in Moskau, als James, der verletzte Star der Südamerikaner in Diensten des FC Bayern, sich auf der Tribüne irgendwann von seinen Landsleuten anstecken ließ – und die Lieder einfach lauthals mitsang und seine Trainingsjacke zum wirbelnden Fanschal umfunktionierte.

Auch die Gastgeber übrigens entdeckten irgendwann das Singen für sich – die Russen, getragen vom überraschenden Weiter­kommen ihrer Elf, pilgerten in die Fanzonen, sie waren plötzlich fröhlich und ausgelassen, sie hupten und schrien, was das Zeug hielt. Es entwickelte sich ein kleines russisches Sommermärchen. Ob es nachhaltig wirkt, wird die Zukunft zeigen.

Das Niveau: Es ist eine alte Weisheit, platt und abgedroschen, und doch so wahr: Der Sturm gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Titel, so heißt es. In Russland wurde die alte Wahrheit ­etwas gebogen, denn da heißt es jetzt: Die Defensive gewinnt Spiele – und wahrscheinlich auch den Titel. Viel Spektakel war jedenfalls selten zu sehen, oft wurde auf höchstem Niveau nur verhindert und nach hinten geschaut. Dabei gab es sie ja, die Ausnahmen – etwa dann, als die Mauerkünstler aus Frankreich die Fesseln lösten und zusammen mit den Argentiniern ein ­episches 4:3 im Achtelfinale boten. Oder als die Belgier und die Brasilianer ein spekta­kuläres Viertelfinale beim 2:1 auf den Platz zauberten.

Ansonsten aber herrschte oft spielerische Armut – in dieses Bild passt die Fülle an ­Toren nach Standards. Wenn es schon aus dem Spiel heraus nicht klappt, dann halt nach ruhenden Bällen. Lässt sich ja auch leichter trainieren und umsetzen. Diese ­Entwicklung war schon vor vier Jahren in Brasilien zu beobachten, als auch die deutschen Weltmeister oft nach Standards ­trafen. Auch da wurde die DFB-Elf jetzt abgelöst – von den wuchtigen Engländern etwa, den neuen, inoffiziellen Weltmeistern des ­ruhenden Balles.

Der Videoassistent: Es kommt selten vor, dass die Fifa, dieser skandalumtoste Weltverband des Fußballs, mal was richtig macht – bei dieser WM war es so weit. Mehr noch: die Fifa brachte sogar mal selbst irgendwo Licht ins Dunkel.

Sie brachte die Erleuchtung im Keller.

Was wurde nicht alles befürchtet vor dem erstmaligem Einsatz des Videoassistenten. Nach den teils fatalen Erfahrungen in der Bundesliga drohte der Videokeller in Moskau in der öffentlichen Wahrnehmung zum Todesgrab der WM zu werden. Schließlich hatten ja längst noch nicht alle Teilnehmerländer Erfahrungen gesammelt, geschweige denn alle Schiedsrichter. Und wenn es schon national nicht klappt, wie soll das erst . . .

Nein, Schluss, aus – es kam anders. Strittige Szenen gab es zwar weiterhin. Der Schrei der Empörung blieb aber aus. Weil die Fifa – hört, hört – viele Dinge richtig anpackte. Im Vergleich zur Bundesliga etwa kommen wesentlich mehr Schiedsrichter im Keller zum Einsatz. Das sorgt für schnellere und bessere Entscheidungen. Und obendrein bietet die Fifa – ja , diese Fifa – zumindest auf diesem Feld Transparenz. Denn der TV-Zuschauer und das Publikum im Stadion sehen die Entscheidungs­findung live. Liebe Bundesliga, bitte nachmachen!

Die Enttäuschungen: Vor knapp zweieinhalb Wochen ist die deutsche Elf bei dieser WM ausgeschieden – es war die erste und vielleicht auch die größte Enttäuschung des gesamten Turniers. Das allerdings im weiteren Verlauf noch weitere große Fußballnationen in Trauer zurückließ. Die Spanier etwa, die im Achtelfinale an Russland scheiterten – mit lahmem Ballbesitzfußball, der an die peinlichen Auftritte der deutschen Elf erinnerte. Denn Tiki Taka ohne Tempo, das ist wie ein Rennrad mit plattem Reifen: Die Luft ist raus – und nichts kommt ins Rollen.

Cristiano Ronaldo und ­Lionel Messi sind auch nicht so recht in Fahrt gekommen, die beiden Superstars haben es mit Portugal und Argentinien nicht geschafft, den WM-Thron zu besteigen. Die mehrmaligen Weltfußballer werden nicht Weltmeister. Weil selbst sie es nicht schaffen, die lange Mängelliste ihrer Mitspieler wettzumachen. Messi muss schon seit Jahren die Last der Erwartungen eines ganzen Landes schultern – wenn er mit einem funktionierenden Kollektiv um ihn herum einfach nur Messi sein kann, klappt das wie beim FC Barcelona. In der argentinischen Elf aber ist alles nur auf Messi ausgerichtet. Sämtliche Blicke – und das gesamte System. Und mit dem kleinen Filou zerbrach nun mal wieder das argentinische Spiel.

Die Farbtupfer: Die Bilanz? Für beide WM-Debütanten verheerend. Panama? Null Punkte, Letzter. Island? Ein Punkt, Letzter.

So weit die Fakten.

Aber die sind in dem Fall mal zu vernachlässigen. Weil sie langweilig sind. Besoffen vor Glück waren die Panamaer nicht nur nach ihrer ersten WM-Niederlage, einem satten 0:3 gegen Belgien. Dem Kapitän Roman Torres waren schon vor dem historischen Anpfiff in Sotschi die Freudentränen gekommen, hinterher weinte er nach der Pleite wieder vor Glück. Auch da war der bullige Verteidiger mit den Dreadlocks noch angefasst. „Alle Leute in Panama, auch wir, sind sehr glücklich für das, was wir erleben durften“, sagte der 32-Jährige – nach einem 0:3 wohlgemerkt. Die rund vier Millionen Einwohner in dem zentralamerikanischen Staat feierten während der WM jede der drei Niederlagen wie andere Nationen einen Sieg im Finale. In Panama-Stadt stand regelmäßig der Verkehr still. Tausende Fans hatten das Team sogar zum WM-Debüt begleitet. „Famos, vamos Panama“ – so klang es von den Rängen in Russland, ähnlich laut übrigens wie das berühmte isländische „Huh“, das schon vor zwei Jahren bei der EM durch Frankreich hallte. Jetzt brachten es die Isländer nach Russland. Mit Erfolg, zumindest in Sachen Völkerverständigung. Denn die russischen Fans adaptierten den Ruf nach dem Achtelfinaleinzug ihres Teams – und hatten so nach „Russia, Russia!“endlich einen zweiten Song in ihrem Repertoire.

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