Der Betriebsleiter von Block II in Neckarwestheim, Andre Knapp, am Abklingbecken. Er leitet den Rückbau des Kernkraftwerks. Foto: dpa/Marijan Murat

Seit Mitte Mai läuft die Demontage des letzten Blocks im Kernkraftwerk Neckarwestheim. Ein Besuch vor Ort und eine Geschichte darüber, wie man einen Atommeiler zerlegt.

„Sechs. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins. Bitte umdrehen.“ Die stählerne Schleuse vom Typ RTM 860 TS ist schmal, von zwei gläsernen Klapptüren begrenzt. Die Hände stecken in metallenen Käfigen neben dem Kopf, die Stirn lehnt an der Gitterwand. „Boden räumen“, befiehlt die weibliche Computerstimme. Eilig finden die Füße ihren Platz im vorgeschriebenen Bereich, die Hände wandern in zwei weitere Käfige über dem Kopf. „Drei. Zwei. Eins. Vielen Dank. Keine Kontamination.“ Die Ausgangstür öffnet sich. Auch wenn das kleine Dosimeter zur Messung der Strahlenbelastung, das die ganze Zeit in der Brusttasche steckte, „0,000 Millisievert“ zeigt: Es macht sich eine gewisse Erleichterung breit.

 

Denn noch befinden sich 665 Brennstäbe im Kernkraftwerk Neckarwestheim. Tief unten im Abklingbecken ruhen sie im geheimnisvollen Blau des riesigen Edelstahltanks und sorgen für schwüle Temperaturen. Noch immer sind viele unter ihnen mehrere hundert Grad warm. Drei bis vier Jahre dauert es, bis die urangefüllten Rohre das Becken verlassen können. Das sie umgebende Wasser, mit Bor versetzt, um die Neutronen zu bremsen, hat aktuell 33 Grad. Das passt zu den Rettungsringen ringsherum, ist aber auch das einzige, was in der Halle an Urlaub erinnert. An einem Metallschrank unter der riesigen orangefarbenen Lademaschine hängt ein Pop-Art-Druck, auf dem eine Frau mit aufgerissenen Augen: „Whaaat“ in den Telefonhörer ruft. „Letzte Revision 2023 GKN II“ steht handschriftlich darüber.

Nebenan, im Reaktordruckbehälter haben die Brennelemente jahrelang ihre Arbeit getan. Haben mit der Hitze der Kernspaltung Wasser so erwärmt, dass in einem zweiten Wasserkreislauf Dampf entstand, der seinerseits eine Hochdruck- und zwei Niederdruckturbinen umströmte, sodass sie den Generator antreiben konnten. 1400 Megawatt elektrische Leistung hatte der Block. Genug, um rund ein Sechstel des baden-württembergischen Strombedarfs zu decken.

193 Stück der gut vier Meter hohen Brennelemente haben bis zum 15. April 2023 ihre Arbeit getan. Seit dem 16. Mai wird nun auch der zweite Block des Kernkraftwerks Neckarwestheim abgewrackt. Oder besser: Rückgebaut. So heißt das offiziell. Block I ist bereits seit 6 Jahren 3 Monaten und 12 Tagen im Rückbau, wie eine Digitalanzeige am Eingang des Kontrollbereichs verrät.

Kein Sekt. Keine Schweigeminute.

„Am 15. April haben wir natürlich schon geschluckt“, sagt Andre Knapp, Leiter der Anlage und Chef des Rückbaus. „Aber wir wussten immer, dass irgendwann der Rückbau kommt.“ Das Abschalten an sich, glaubt man dem 48-Jährigen, war ein Routinevorgang. Ausgeführt vom Reaktorfahrer auf der Warte. Wie immer. Jahrelang geübt bei den routinemäßigen Wartungsintervallen des Kraftwerks. Danach kein Sekt. Und auch keine Schweigeminute. „Business as usual.“

„Jetzt schauen wir, dass es voran geht“, sagt Knapp. Statt die störungsfreie Produktion von Megawattstunden Atomstrom zu garantieren, überwacht er nun den minutiös geplanten Rückbau. GKN II, wie das Kernkraftwerk im Landkreis Heilbronn in der Inventarliste des Betreibers EnBW heißt, ist der letzte von fünf Atomblöcken im Konzern, der abgewrackt wird. In Obrigheim hat die EnBW 2008 als erster deutscher Kernkraftbetreiber mit dem Rückbau begonnen. Den ersten Antrag dafür hat die EnBW 2004, noch vor der vorübergehenden Laufzeitverlängerung für die deutschen Kernkraftwerke gestellt. Mit GKN II, einem der drei letzten Atommeiler, die bis Mitte April noch in Betrieb waren, schließt sich nun der Kreis.

„Wir haben in mehr als 20 Jahren Rückbau viel gelernt“, sagt Jörg Michels, der Chef der EnBW-Kernkraftsparte. Bei Obrigheim etwa habe man noch vier Einzelgenehmigungen für Stilllegung und Rückbau eingereicht, so Michels. Beim Block II Neckarwestheim ging es in einem Rutsch. Ein bis zwei Jahre braucht der Konzern für den Antrag. Drei bis vier Jahre dauert die anschließende Genehmigung. Und zehn bis 15 Jahre braucht es, bis die Anlage so demontiert ist, dass sie aus der atom- und strahlenschutzrechtlichen Überwachung entlassen werden kann – erst dann folgen ein Abriss oder eine anderweitige Nutzung.

Der Antrag umfasst 40 bis 50 breite Aktenordner und legt sogar millimetergenau die Schnitte fest, mit denen der Reaktordruckbehälter in einzelne Ringe zerlegt wird. Und auch, in was für Einzelsegmente diese Ringe dann geschnitten und wie sie möglichst platzsparend in Container verpackt werden, ist vorher dokumentiert. Stellt sich während des Rückbaus bei einem Teil eine Strahlenbelastung heraus, wird nicht der ganze Gegenstand entsorgt, sondern nur die Kontamination abgetragen: Das geht manchmal mit Hilfe von Wasserdruck, manchmal aber muss auch die oberste Schicht entfernt werden. „So muss am Ende nur eine Handvoll strahlendes Material gelagert werden und nicht das ganze betroffene Teil“, so Michels.

Ein Zwischenlager im Fels

Weniger als ein Prozent des demontierten Materials, so Michels, sind radioaktiv. 98 Prozent können wieder genutzt werden. Für hochradioaktive Abfälle muss laut dem deutschen Standortauswahlgesetz eine sichere Aufbewahrung über einen Zeitraum von eine Million Jahre gewährleistet sein. Und der Standort dafür ist noch nicht gefunden. Was aus dem Block I an Strahlendem bislang herausgeholt wurde, lagert in zwei Schächten unter dem Fels am Rande des Kraftwerks und ist nicht mehr Sache der EnBW: Ab dem Zwischenlager übernimmt die Bundesgesellschaft für Endlagerung die Verantwortung.

Etwa 600 Mitarbeiter sind mit dem Rückbau in Neckarwestheim derzeit zugange. Als das Kraftwerk noch produzierte, waren es rund 100 mehr. Das Durchschnittsalter beträgt 50 Jahre, und ihr Arbeitsplatz ist sicher. Noch gibt es genug zu tun im GKN. Und wenn es einmal nichts mehr zu tun gibt, garantiert eine Betriebsvereinbarung, dass die EnBW im Konzern nach einem anderen Arbeitsplatz sucht. Die Fluktuationsquote beträgt weniger als ein Prozent.

Dennoch ist es an diesem Mainachmittag gegen halb vier fast menschenleer auf dem Gelände. Feierabend. Am Eingang der Maschinenhalle hängt ein Spender für Gehörschutz. Ein Icon macht unmissverständlich klar, dass dieser drinnen zu tragen ist. „Bei Leistungsbetrieb“, ergänzt ein Schild. Der ist vorbei. Drinnen surrt nur noch leise die Lüftung. Die fünf Meter hohen Turbinenschaufeln in ihrer Stahlumhüllung stehen genauso still wie der gelb lackierte Generator. Erste Teile liegen schon demontiert und fertig für den Abtransport in einer Ecke der Halle.

Wie kann man so etwas künftig sinnvoll nutzen? Als Konzerthalle? Im nur wenige Kilometer entfernten Heilbronn wird bereits ein ehemaliges EnBW-Kohlekraftwerk als Veranstaltungsort und Kletterhalle genutzt. Vielleicht wäre die Halle eine gute Produktionsstätte für einen Maschinenbaubetrieb. Der könnte eventuell die Kraneinbauten noch gebrauchen. Zuvor aber müssten die mehrere Stockwerke tiefen Deckendurchbrüche geschlossen werden. Wie geht es also weiter nach dem Rückbau in Neckarwestheim? Michels hat darauf eine klare Antwort: „Ich weiß es nicht.“ Aber bei einem ist er sicher: Nicht mehr als Kernkraftwerk. „Das ist definitiv rum.“