Gerhard Strate (links) ist neuer Verteidiger Jürgen Rudloffs im Prozess um Steuerhinterziehung. Mit der Razzia im Saunaclub Paradise gingen die Ermittlungen gegen ihn in die offene Phase. Foto: dpa (2)Lichtgut/Leif Piechowski

Lange hat niemand damit gerechnet, dass der Mann vor Gericht erscheint, von dem der ehemalige Bordell-Besitzer Jürgen Rudloff hofft, dass er ihn entlasten könnte. Nun kam es anders.

Es waren wohl ein paar zu viele „Daran kann ich mich gar nicht erinnern“ und „Weiß ich nicht mehr“, die den Beweisstücken widersprachen. Immer wieder wies das Gericht den 68-Jährigen auf seine Wahrheitspflicht als Zeuge hin. Als der Vorsitzende Richter dann die Prozessbeteiligten in eine kurze Pause schickte und der Zeuge eigentlich entlassen war, setzte Oberstaatsanwalt Peter Holzwarth den aus Österreich angereisten ehemaligen Freund und Darlehensgeber Jürgen Rudloffs darüber in Kenntnis, dass vor dem Gerichtssaal zwei Polizeibeamte auf ihn warteten, und er ihn wegen uneidlicher Falschaussage festnehmen lasse.

 

Morgen sehe man sich dann beim Haftrichter. Und dann waren da auch schon die LKA-Beamten in zivil, die bei der Durchsuchung des Zeugen ein Bündel aus 200- und 100-Euro-Scheinen aus den Hosentaschen und zwei Mobiltelefone zu Tage förderten.

Das war dann schon der zweite Überraschungsmoment in diesem seit Juni ein wenig vor sich hin plätschernden Prozesses der ausgiebigen Beweisaufnahme gegen den ehemaligen Betreiber des Paradise-Saunaclubs Jürgen Rudloff wegen Steuerhinterziehung. An dessen Seite saß an diesem Montagmorgen zusätzlich zum Pflichtverteidiger nämlich ein weiterer Rechtsanwalt, eingeflogen aus Hamburg: der Revisions- und Wiederaufnahmeexperte Gerhard Strate. Zu seinen Mandanten gehören Gustl Mollath, Monika Bötticher, Carsten Maschmeyer und Ferdinand Piech. Nun ist er, wie er sagt, auch der Vertreter Rudloffs. „Für diesen Zeugen“ zunächst.

„Keine Konten in der Schweiz“

Das muss man wohl dahingehend deuten, dass der Angeklagte den Prozess nicht vorab durch eine Geldzahlung in Höhe von einer guten halben Million zu einem Ende bringen möchte. Erst neulich hatte Rudloff einen weiteren Versuch unternommen, das Gericht herunterzuhandeln. 250. 000 Euro bot er an. Diesen Betrag könne er innerhalb von 14 Tagen an das Finanzamt zahlen, um das Verfahren zu erledigen. „Mehr ist mir nicht möglich. Und dieses Geld muss ich mir durch Privatdarlehen besorgen“, sagte Rudloff. Er habe keine Konten in der Schweiz, die auf Dritte laufen, wie das Gericht unterstelle. Rudloff hatte nach der Razzia in seinem Bordellbetrieb für einige Zeit dort gelebt. Beim Gericht stieß er mit seinem Angebot zum wiederholten Mal auf wenig Gegenliebe.

Der Zeuge – kräftig gewachsen, kahler Schädel, dunkler wattierter Blouson – war bis zu diesem Verhandlungstag so etwas wie das Phantom dieses Verfahrens. Der Metzger, heutige Rentner, ehemalige Wasserballspieler, Boxfan und mittlerweile um die Welt reisender Pokerspieler war einer von Jürgen Rudloffs Geldgebern. Aktuelle Adresse lange unbekannt. Sehr zum Kummer Rudloffs, der auf seine Aussage hoffte. Mal gab Rudloff den Hinweis, er wisse, er halte sich in Spanien auf. Mal hieß es, er lebe in Österreich oder er sei vor drei Wochen noch auf einer Beerdigung in Stuttgart gewesen. Die Chance, ihn laden zu können, war dennoch gering. Und noch viel unwahrscheinlicher war es, dass er dieser Ladung folgen würde. Umso größer war die Überraschung, dass er sein Kommen wirklich ankündigte.

Kennen gelernt haben sich Rudloff und der Pokerspieler, so der Zeuge im noch unkomplizierten Teil seiner Aussage, bei einer Boxveranstaltung vor vielleicht 25 oder 30 Jahren. Als Rudloff dann mit dem Palace in Frankfurt sein erstes großes Bordell ins Werk setzen wollte, brauchte er Geld. Sein Boxfreund hatte welches. 300. 000 Euro, gewährt ohne Zinsen, „weil ich von Freunden keine Zinsen nehme“. Zurückzuzahlen irgendwann, wenn wieder Geld da sei. Die Sicherheit dafür: 50 Prozent der Anteile am Frankfurter Palace.

„Ich habe Rudloff vertraut“

„Diesem Zeugen“, wie Strate ihn nennt, und dem Wahrheitsgehalt seiner Aussagen, versuchte sich das Gericht über zwei Stunden anzunähern. Hat es nun einen Vertrag über die 300. 000 Euro Darlehen gegeben oder nicht? Warum sind Zinsen auf Rudloffs Konto geflossen, wenn der Geldgeber doch von Freunden keine Zinsen nehme? Immer wieder versucht der Pokerspieler – Rudloff: „Er ist ein Zocker“ – dem Gericht zu erklären, im Milieu schließe man keine Verträge. Das sei auch auf dem Kiez in Hamburg so, hatte zuvor Strate souffliert. „Ich habe Herrn Rudloff vertraut“. Inzwischen ist die Freundschaft erkaltet.

300. 000 Euro in bar wechselten damals den Besitzer. Gedacht war das Geld für den Bordellausbau. Als das Geld nicht zurückkam, habe er immer wieder nachgefragt. Seine Sicherheit sei gewesen, dass er die Hälfte der Geschäftsanteile von Rudloff bekommen werde, wenn dieser nicht zahle. Für 1,8 Millionen wechselten die anderen 50 Prozent den Besitzer. Das Gericht und Staatsanwaltschaft sind wenig geneigt zu glauben, dass für die andere Hälfte nur 300. 000 Euro geflossen sind, wo doch viel mehr Geld hätte fließen können.

Aktives Leben

Vertragsinhalte? Verträge, die habe er halt unterschrieben. Da kommt es sehr zupass, dass der Notar, der sie aufgesetzt hat und der auch viele Buchungen zu verantworten hat, verstorben ist. „Ich habe ein so aktives Leben, da kann ich mich nicht an Dinge erinnern, die vor fünf oder sechs Jahren geschehen sind“. So eine der letzten Äußerungen des Zeugen im Gerichtssaal. Seinen letzten Satz in Richtung Staatsanwalt ruft er an diesem Tag dann, als er schon in Obhut der beiden Polizeibeamten ist: „Ich habe damit gerechnet“, ruft er. Er meint seine Verhaftung.