Florian Roller ist dreifacher Weltmeister im Leichtgewichtsrudern und Champion auf dem Ergometer – aber nach Tokio durfte der Stuttgarter nicht.
Stuttgart - Die Bedingungen sind traumhaft. Der Ruderer Florian Roller lebt in Konstanz und trainiert am Bodensee. Mal rudert er Richtung Reichenau, mal Richtung Obersee hinaus, er findet da überall eine Ecke, in der er seine Ruhe hat. Allerdings sind die optimalen Zeiten immer vor acht Uhr am Morgen oder ab 18 Uhr am Abend. Da sind die Boote überwiegend weg. Was Roller zu schaffen macht, sind natürlich die Wellen der Motorboote, die im Sommer „viel zu zahlreich“ sind. Und: „Sie halten sich auch nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung“, sagt der Sportler von der Stuttgarter Rudergesellschaft.
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Florian Roller kann ohne Bewegung nicht leben. Zweimal am Tag müsse er was machen, sagt er, sonst sei er unglücklich. Deshalb fährt er mit dem Rad zu seinem Arbeitgeber in der Schweiz – 25 Kilometer hin, 25 zurück. Und am Abend geht es ins Boot. Sein Ehrgeiz hat ihn zweimal zum Weltmeister im Leichtgewichtsvierer gemacht und einmal im Achter. Was ihm zurzeit allerdings etwas Motivationsprobleme bereitet, ist der Umstand, dass er nicht zu den Olympischen Spielen nach Tokio durfte – zumal der Ruderer noch nie bei Olympia am Start war. Aber: Wie schon 2016 vor den Spielen in Rio ging seiner Ansicht nach in der Qualifikation vieles nicht mit rechten Dingen zu. Schon wieder fühlt Roller sich ausgebootet.
Ärger mit dem Verband
Er habe zuletzt Ärger mit dem Deutschen Ruder-Verband gehabt, sagt er. Im Einer wollte Roller bei der WM starten, auch um Ersatzmann für Olympia zu werden. Doch die Qualifikation fand ohne ihn statt, weil er nichts von ihr wusste. „Von der Leistung her hätte ich diesen Einer fahren müssen, weil ich der Schnellste für dieses Boot gewesen wäre, aber man hat beschlossen, mir nicht einmal zu erzählen, dass es da noch ein Rennen gibt, über das man sich qualifizieren muss“, sagt Roller. Nach Ansicht des Schwaben sollten anderer Ruderer vor ihm geschützt werden. „Die Bootbesetzungen werden nicht nach Leistungen vergeben“, kritisiert der Enttäuschte und fühlt sich benachteiligt. „Dann wollten sie mich in den Vierer stecken, da habe ich aber gesagt: Nein, da mache ich nicht.“
Florian Roller macht aus der Not eine Tugend – und überlegt sich, wie es mit ihm weitergeht. Klar, er möchte nach wie vor rudern, aber vielleicht nimmt er irgendwann auch mal an der Höllentour eines Ironman teil. Die Pandemie nutzte er Anfang des Jahres, um erneut Weltmeister zu werden – diesmal auf dem Ergometer und virtuell. Also saß Roller in seinem Konstanzer Wohnzimmer und gab dem Ruderergometer die Sporen. Auf dem Bildschirm konnte er verfolgen, wie sein Boot über eine sogenannte Race-Software als erstes über die Ziellinie kam. Er holte über 2000 Meter den Titel, das war prima.
Keine Medaille
Nicht so gut war die Belohnung. Es gab keine Medaillen, weil die Organisatoren umweltschonend sein wollten und das Verschicken mit der Post Ressourcen verbraucht hätte. „Es gab diesmal nur ein virtuelles Zertifikat, also eine Urkunde, die per Mail geschickt wurde“, sagt Roller, und darüber habe er sich ein bisschen geärgert. Ansonsten kam ihm die Indoor-Ruder-WM auf dem Ergometer wegen der Coronakrise wie gerufen. Um Technik geht es auf dem Ergo kaum, weil keine Wellen im Spiel sind und keine Winde. Aber wer auf dem Gerät, dass es auch in herkömmlichen Fitnessstudios gibt, genug Kraft und Ausdauer für einen WM-Titel hat, der ist auf jeden Fall fit genug für die Wettbewerbe im Wasser.
Nächsten Februar will er wieder bei der Indoor-WM mitmachen. Jetzt im Sommer geht es aber auf dem Bodensee „richtig raus aufs Wasser“, sagt der 28 Jahre alte Stuttgarter. Und wenn er dort nicht zu finden ist, sitzt er auf dem Rad oder schwimmt – der Drang nach Bewegung bestimmt sein Leben. Ganz aus den Augen möchte er die übernächsten Olympischen Spiele im Jahr 2024 aber auch nicht verlieren. Die finden in Paris statt – und das ist immer eine Reise wert. Die Frage ist nur, ob der Verband ihn diesmal lässt.