Die Internetseite ist eine Mischung zwischen Anklage an die Politik und Werbung fürs Viertel. Die Macher hoffen auf Mitstreiter. Foto: red

Das Leonhardsviertel verrottet, meint eine Handvoll Männer und hat eine Initiative zur Rettung des Rotlichtquartiers gegründet. Dieser Versuch ist keineswegs neu.

S-Mitte - Ein solcher Abend endet zwangsläufig mit einem Schnaps zu einer Verschwörungstheorie. Vier Mann rätseln an einer Altstadt-Theke. Die Stadt tut nichts – aber warum? Nun denn, es fließt viel Geld. Prost. Wenn man so will, ist dies die Gründung einer Bürgerinitiative.

Gemeint ist das Geld, das mit Prostitution im Leonhardsviertel verdient wird, während das Quartier verrottet. Das ist unübersehbar, und so ist es auf der Internetseite zu lesen, die jene Männer ins Netz gebracht haben, in der Hoffnung, dass der Gemeinderat sich erbarmt und das Viertel rettet. In der Hoffnung auch, Mitstreiter zu finden. Letzteres scheint nicht aussichtslos. Anders als der gemeine Stuttgarter annimmt, besteht das Quartier nicht nur aus Kneipen und Bordellen. Rund 800 Menschen wohnen dort.

Das Viertel ist wie ein Dorf: Jeder weiß alles über jeden

Einige davon bei Frank Schuster, einem Mann mit sich lichtendem Haupthaar und etwas schüchterner Höflichkeit. Sogar die Caritas zählt zu seinen Mietern. Er heißt in Wahrheit nicht Schuster. Er fürchtet Ärger, wenn sein Name in der Zeitung steht. Was merkwürdig scheint, denn das Viertel ist ein Dorf. Jeder weiß alles über jeden.

Schuster gehört jene Internetadresse. Vor zweieinhalb Jahren hat er sein Haus an der Weberstraße gekauft, samt dem Grundbucheintrag, dass er nicht an Prostituierte vermieten darf. Er kaufte in der Hoffnung auf ein gutes Geschäft, weniger wegen der Miete, mehr wegen der Wertsteigerung. Schließlich hat der Gemeinderat das Leonhardsviertel zu den Quartieren erhoben, in denen die Stadtsanierung vorangetrieben werden soll. Ein eigener Ausschuss und ein Runder Tisch beschäftigen sich mit ihm.

Sogar Bordellbetreiber beschweren sich über die Zustände

Es mag Ergebnisse geben aus diesen Sitzungen – die Öffentlichkeit ist von ihnen ausgeschlossen. Falls es sie gibt, sind sie unsichtbar. Historische Häuser verfallen. Die Armutsprostitution ist unübersehbar. Viele der Frauen sind so jung, dass sie für Schülerinnen gehalten werden könnten. Seit ein Poller Autos den Weg ins Quartier versperrt, stehen sie wieder an der Olgastraße. Zuhälter lungern in Gruppen herum. Sogar Bordellbetreiber beschweren sich über diese Zustände. In dieser Umgebung, sagt Schuster, findet er kaum mehr Mieter. Dennoch hat er neulich zwei junge Frauen abgelehnt. Deren Einzug „kann man nicht mehr verantworten“, sagt er.

Oliver Bierwag geht es um kein Geschäft. Ihm geht es um Geschichte. Bierwag ist IT-Dienstleister und hat jene Internetseite programmiert, „weil es unfassbar ist, wie die Stadt ein solches historisches Viertel verfallen lässt“, sagt er. Bierwag lebt nicht einmal in Stuttgart. Er stammt aus Düsseldorf und wohnt in Ludwigsburg.

Niemand hier hat etwas gegen Prostitution. Das Anschaffen „will keiner verbieten, der im Viertel lebt“, sagt Heinrich Huth. Er ist der Wirt hier, er wohnt über seiner Kneipe. Nur sollte doch auch in Stuttgart gelingen, was anderen Städten gelingt: Kneipen, Diskotheken und Bordelle zu einem bunten Nachtleben zu mischen.

Dies ist das Ziel. Darin herrscht sogar Einigkeit. Die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle wünscht es sich so, die eine stete Kämpferin fürs Viertel ist, aber vielen Bewohnern als Sauberfrau verdächtig. Die Stadt hat ein Papier erarbeitet, die Vergnügungsstättensatzung, die Bordelle erlaubt und Diskotheken vorsieht. Bisher ist keiner der Rotlichtbetriebe genehmigt, vier sind geduldet. Die stete Auskunft aus dem Rathaus lautet, knapp zusammengefasst: Die Rechtslage sei verworren. Juristische Streitigkeiten seien langwierig. Die Rettung des Leonhardsviertels dauere eben.

Was jene Männer erreichen wollen, haben schon andere versucht. Bei einem Treffen der Initiative „Rettet das Leonhardsviertel“ beklagten keine vier Mann in einer Kneipe, dass das Viertel verrottet, sondern 150 Bewohner in einem Saal. Sie gründeten Arbeitskreise und veranstalteten ein Fest, um für ihr Ziel zu werben. Hunderte strömten ins Quartier. Mütter kamen mit Kindern, Protestlieder wurden gesungen, die Kleine Tierschau trat auf. Matthias Hahn, heute Baubürgermeister, bestrich am Grill Leberkäse mit Senf. Jene Initiative ist längst aufgelöst. Gäbe es sie noch, hätte sie 2013 ihr 30jähriges Bestehen gefeiert.

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