Dunkle Wolken hängen über der Kreisgeschäftsstelle des Roten Kreuzes Foto: Stefanie Schlecht

Mitarbeiter werfen dem Geschäftsführer Wolfgang Hesl vor, mit ruppigen Methoden die Böblinger Kreisgeschäftsstelle des Roten Kreuzes zu führen. Die Stimmung ist mies.

Das Rote Kreuz im Kreis Böblingen kommt nicht zur Ruhe. Im Februar berichtete unsere Zeitung zu Führungswechseln im Rettungsdienst und Terminen vor dem Arbeitsgericht. Nun mehren sich Stimmen im Roten Kreuz, die von einem miesen Betriebsklima zeugen. Und das in einer Organisation, die sich eigentlich ganz anderen Werten verschrieben hat. Helfen, ohne zu fragen, wem – dieser eherne Grundsatz prägt die Rotkreuzarbeit seit mehr als 160 Jahren. Doch, gilt dieser hohe Anspruch noch für den Ableger in Böblingen?

 

Wer hineinhört in dieses Unternehmen mit über 1000 Mitarbeitern, erhält den Eindruck, dass es im Chefzimmer mit der universellen Menschlichkeit nicht allzu weit her ist. Im Zentrum der Kritik steht der seit Ende 2021 amtierende Kreisgeschäftsführer Wolfgang Hesl. Er kam damals als Nachfolger von Alexander Huth, der das Amt 2019 von Wolfgang Breidbach übernommen hatte, aber nur ein gutes Jahr im Amt war. Hesl stellte sich der Presse damals zupackend vor. „Ich möchte etwas bewegen“, sagte er.

Vier Klagen beim Arbeitsgericht

Digitalisierung, zwei neue Pflegeheime, ein Kindergarten, neue Elternangebote und mehr wolle er anstoßen, den Kreisverband umkrempeln. Wenn die Vorwürfe stimmen, scheint es allerdings, als habe er es mit dem Umkrempeln etwas übertrieben. Zumindest, was den Umgang mit Mitarbeitern anbelangt. Im Januar traf sich der Kreisverband mit zwei seiner Mitarbeiter zu einem Gütetermin vor dem Stuttgarter Arbeitsgericht.

Sie hatten jeweils dagegen geklagt, dass der Arbeitgeber ihnen eine Nebenbeschäftigung untersagt hatte. Eine Klägerin konnte eine gütliche Einigung erzielen, ihr Kollege lehnte ein Vergleichsangebot ab, weshalb sich die Parteien noch einmal vor Gericht treffen. Bei der Verhandlung sagte der Rotkreuzler öffentlich, das Betriebsklima in Böblingen sei so schlecht, dass er zusätzliche Dienste lieber bei den Maltesern leiste. Zwei ähnlich gelagerte Verfahren stehen im März noch bevor.

Zuvor schon ließen Ausstiege beim Rettungsdienst aufhorchen: Der Leiter des Rettungsdienstes geht, ebenso der leitende DRKler auf der Leitstelle. Zum Grund für ihren Weggang wollten sie sich nicht äußern. Eine eigene Sprache spricht allein der Blick auf die vielen Wechsel auf der Führungsetage: Nach Jahren der Kontinuität gab es eine beispiellose Zahl an Rochaden und Weggängen.

Steht in der Kritik: DRK-Chef Wolfgang Hesl Foto: DRK

Nicht mehr an Bord ist etwa Gerhard Fuchs, einst stellvertretender Kreisgeschäftsführer und Leiter von Rettungsdienst und Krankentransport. Ebenso nicht mehr da ist DRK-Urgestein Guido Wenzel als Geschäftsbereichsleiter Verwaltung. Nach kurzer Zeit wieder weg war auch sein Nachfolger Holger Döringer. Mehrere Wechsel kurz hintereinander gab es außerdem bei der kaufmännischen Leitung, im Controlling, bei den Sozialen Diensten, bei den Altenheimen und im Krankentransport. Außerdem bei den persönlichen Referenten des Kreisgeschäftsführers sowie in der Assistenz.

Es ist schwer, überhaupt eine Führungsposition zu finden, auf der seit Hesls Antritt Kontinuität herrscht. Das gilt auch für die elf Altenpflegeheime: Kaum eine Heimleitung ist heute noch so besetzt wie vor fünf Jahren. Nach außen halten sich alle bei den Gründen bedeckt. Mitarbeiter eine Etage darunter beklagen ein mieses Klima und sehen dafür vor allem einen Grund: den Chef.

Unserer Redaktion liegen Berichte vor, die diesen Eindruck stützen. Mehrere Mitarbeiter werfen ihm cholerische Ausbrüche vor, die mit dem Adjektiv impulsiv wohl noch schmeichelhaft umschrieben wären. Passender wäre wohl: haarsträubend.

Auf die Vorwürfe dieses harschen Umgangs angesprochen, schickt Hesls Stellvertreterin im Amt, Sonja Hein, eine ausführliche Stellungnahme. Die soll ein gänzlich anderes Bild zeichnen. Hein war 2024 von der Assistentin zur stellvertretenden Kreisgeschäftsführerin aufgestiegen. Um auf die multiplen globalen Katastrophen, Kriege und Krisen reagieren zu können, habe das DRK-Präsidium die „Operation Zukunft“ auf den Weg gebracht: Neue Geschäftsfelder, Neustrukturierung, Schulung und Weiterbildung. Von einem ruppigen Umgang will man hingegen nichts wissen.

DRK: „Nicht bei jedem gleiche Veränderungsbereitschaft“

„Nicht zuletzt setzen wir auf Nachhaltigkeit, ökologische Verantwortung sowie kommunikatives Teamwork als prägenden Arbeitsstil“, heißt es in der Antwort. Die Fluktuation im Kreisverband Böblingen und seinen Tochtergesellschaften liege nachweislich unter dem Durchschnitt der Gesundheits- und Sozialbrache. Aber: „Es ist nichts Neues, dass in Zeiten besonderer Herausforderungen nicht bei jedem im gleichen Maße die Bereitschaft zur Veränderung besteht.“ Das klingt so, als sei manch einer eben nicht veränderungsbereit – und passe nicht ins neue Konzept.

„Die Führungskräfte und insbesondere der Kreisgeschäftsführer gehen dabei wertschätzend, aber mit der notwendigen Klarheit die Veränderungen an“, schreibt das Rote Kreuz weiter. Mehrere Mitarbeiter beschreiben unabhängig voneinander jedoch ein regelrechtes System der Angst, das der Kreis-Chef um sich herum erschaffen habe.

Der Begriff „harsch“ beschreibe stets eine subjektive Wahrnehmung, hält die Geschäftsführung dagegen. Einzelne Eindrücke seien nicht verallgemeinerbar. Eine überwältigende Mehrheit der Beschäftigten beschreibe die Zusammenarbeit als „wertschätzend, klar strukturiert und unterstützend“. Ist also eigentlich alles in Butter beim Roten Kreuz? Wohl kaum. Mehrere Berichte aktueller Mitarbeiter widersprechen dem diametral: Sie erzählen von reihenweisen Kündigungen und einem Klima voller Angst und Missgunst.

Offenbar gehen die Meinungen im Roten Kreuz über das, was ein gutes Betriebsklima ist, sehr weit auseinander.