Rost in Atomkraftwerken Frankreichs Atomaufsichtsbehörde schlägt Alarm

Von Axel Veiel 

Das Atomkraftwerk Cattenom Foto: AFP
Das Atomkraftwerk Cattenom Foto: AFP

Alarmierender Befund in Frankreichs Atomkraftwerken: In 29 der 58 Reaktoren des Landes frisst sich Rost in Kühlwasserrohre. Bei Überschwemmungen oder Erdbeben droht eine Kernschmelze ähnlich wie in Fukushima.

Paris - Frankreichs Atomaufsichtsbehörde schlägt Alarm. Laut einem am Dienstag veröffentlichten Bericht der Agentur für Nuklearsicherheit (ASN) frisst sich in 29 der 58 Reaktoren des Landes Rost in Kühlwasserrohre, die in diesem Zustand einer Überschwemmung oder einem Erdbeben womöglich nicht gewachsen sind. Eine zur Kernschmelze führende Kettenreaktion wie in Fukushima könne die Folge sein. Betroffen sind 11 der 19 französischen Atomkraftwerke.

Fessenheim zählt nicht dazu

Die beiden Reaktoren des elsässischen Kernkraftwerks Fessenheim zählen nicht dazu. Der 1977 ans Netz gegangene, älteste Atommeiler des Landes soll stillgelegt werden, wenn mit der Inbetriebnahme des ersten europäischen Druckwasserreaktors (EPR) Ersatz bereitsteht, was 2019 der Fall sein dürfte. Wie aus der ASN-Sicherheitsexpertise weiter hervorgeht, ist der „heruntergekommene Zustand“ der Kühlwasserleitungen mangelhafter Wartung zuzuschreiben.  Die ASN hält den Missstand für so schwerwiegend, dass sie ihn auf der siebenstufigen Internationalen Skala für nukleare Zwischenfälle (INES) auf Stufe zwei einordnet – ein trotz zahlreicher ans Licht gekommenen Unzulänglichkeiten in Frankreichs Kernkraftwerken seit fünf Jahren nicht mehr erreichter Gefährdungsgrad. Die nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl eingerichtete Skala soll es der Bevölkerung erleichtern, bei Atomunfällen das Ausmaß der Bedrohung einschätzen zu können. Nach Angaben Rémy Catteaus, ASN-Spezialist für unter Druck stehende Nuklearausrüstung, sind einige Rohre derart verrostet, dass die Dichte der Ummantelung abgenommen hat und zwar in einem Ausmaß, dass „es ein reales Risiko gibt, dass die Leitungen im Fall eines Erdbebens den Erschütterungen nicht standhalten“. Während Frédérique Ménage vom Institut für Strahlenschutz und Nuklearsicherheit (IRSN) daraus den Schluss zieht, dass „die Effizienz der Wartung absolut zu erhöhen ist“, sieht der Kraftwerksbetreiber EDF keinen Grund zur Besorgnis. Die Alterung gewisser Materialien sei ein natürliches Phänomen, das dem Betreiber  bekannt sei und von diesem überwacht und berücksichtigt werde. Sie habe keinerlei tatsächliche Auswirkung auf die Sicherheit der Angestellten oder der Umwelt. Eine Woche zuvor war EDF von anderer Seite auf andere, offenbar nicht minder schwere Sicherheitslücken aufmerksam gemacht worden. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte den französischen Behörden am 10. Oktober eine Studie vorgelegt, wonach hoch radioaktive, in sogenannten Abklingbecken lagernde Brennelemente vor böswilligen, etwa terroristischen Eingriffen nicht ausreichend geschützt sind. Die Wände der außerhalb der Reaktoren liegenden Becken seien „extrem anfällig“, heißt es in dem Gutachten. Mit auslaufendem Kühlwasser würden große Mengen Radioaktivität freigesetzt.

Lebensdauer der Reaktoren soll verlängert werden

Um dem Befund zu untermauern, sind gut ein Dutzend Greenpeace-Aktivisten zwei Tage später in das Gelände des nahe der deutschen Grenze gelegenen Atomkraftwerks Cattenom eingedrungen und haben am Rand eines Abklingbeckens Feuerwerkskörper gezündet. Acht Minuten später wurden die Eindringlinge festgenommen. Über den Kurznachrichtendienst Twitter teilte der Betreiber damals mit: „Greenpeace-Aktivisten auf dem Gelände. Gestoppt von Gendarmen. Kein Zugang zur nuklearen Zone. Keine Auswirkung auf die Sicherheit der Anlagen.“ EDF hat angekündigt, in den nächsten zehn Jahren 50 Milliarden Euro zu investieren, um die ursprünglich auf 40 Jahre veranschlagte Lebensdauer zahlreicher Reaktoren zu verlängern. Bis 2022, dem Ende der derzeitigen Legislaturperiode, werden 23 der 58 Reaktoren die Schwelle überschritten haben. Von Greenpeace zitierte Experten beziffern den Investitionsbedarf mit 140 bis 222 Milliarden Euro.  

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