Der Komet aus drei Kilometern Entfernung – aufgenommen kurz vor der Landung Foto: Getty Images

Premiere im Weltall: Erstmals in der Geschichte der Raumfahrt ist die Landung auf einem Kometen gelungen. Forscher erhoffen sich Hinweise auf die Entstehung unseres Sonnensystems vor 4,6 Milliarden Jahren.

Darmstadt/Köln - Es ist kurz nach 17 Uhr, als im Kontrollzentrum der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) in Darmstadt und im Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) in Köln frenetischer Jubel ausbricht. Zehn Jahre, acht Monate und zehn Tage war die Sonde Rosetta unterwegs, hatte 6,5 Milliarden Kilometer zurückgelegt, um ein kühlschrankgroßes Labor auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko abzusetzen. Eine Mission, die es so noch nie gegeben hat und die manche Experten mit der Mondlandung im Jahr 1969 vergleichen. „Unsere ehrgeizige Rosetta-Mission hat sich einen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert“, jubelt Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain nach der geglückten Landung. „Wir sind die Ersten, denen das gelungen ist. Daran wird man sich erinnern. Mit Rosetta öffnen wir die Tür zum Ursprung des Planeten Erde und fördern ein besseres Verständnis unserer Zukunft.“

Nach der Landung am Mittwochnachmittag dann Aufregung am Abend: Zwei Harpunen zum Festzurren des Mini-Labors Philae auf dem Kometen Tschuri wurden nicht ausgelöst, eine Düse zum Aufdrücken des Labors auf dem Kometen funktionierte nicht. Die Verbindung riss zwischendurch ab. Es gab aber auch schon Daten, darunter Bilder von der Kometenoberfläche. Stephan Ulamec, Philae-Projektleiter beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln, vermutete, dass Philae noch einmal abhob, dann aber auf den Kometen zurückkehrte. „Wir sind also zweimal gelandet“, scherzte er. Nach 20 Uhr brach die Funkverbindung wie erwartet zusammen, weil sich Rosetta dann auf der Rückseite des Kometen befand und keine Signale empfing.

Vor lauter Freude Tränen in den Augen

Am Morgen hatte sich Philae wie geplant von der Raumsonde Rosetta gelöst. Sieben Stunden später, gegen 16.35 Uhr, landete Philae auf dem 500 Millionen Kilometer von der Erde entfernten Kometen. Eine halbe Stunde später erreichte das sehnlichst erwartete Signal Darmstadt. „Viele hatten vor lauter Freude Tränen in den Augen“, erzählt Hans Jürgen Jung, Diplomingenieur bei Airbus Defence & Space in Friedrichshafen und maßgeblich beteiligt am Baum des Landesystems. „Da fällt schon eine Last von einem ab, weil man sich ja bis zuletzt die Frage stellt, ob man alles richtig gemacht hat.“

Gerade die Landung hatte in Darmstadt für Bedenken gesorgt. Über die Konsistenz der Kometen-Oberfläche war wenig bekannt, zudem meldete einer der Düsen, die den Lander auf dem Kometen fixieren sollten, eine Fehlfunktion. Ob die Düse letztlich funktionierte, ist noch unklar, die Harpunen, die in den Boden geschossen werden sollten, um das Labor am Boden zu verankern, lösten anscheinend nicht aus. „Philae steht, ist aber nicht so tief eingesunken, wie wir erwartet haben, 40 Millimeter statt 100“, berichtet Jung. „Jetzt werden die Systeme nach und nach aktiviert, um die Oberfläche zu untersuchen und Bodenproben zu entnehmen.“ Die Oberfläche stellte sich nach ersten Daten als eher weich heraus. An vielen Stellen ist der Komet mit Gesteinsbrocken übersät, es gibt aber auch hoch aufragende Felswände und steile Abgründe.

Gestartet war Rosetta am 2. März 2004 vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana. Weil bisher kein Raketenantrieb existiert, der für eine so weite Reise ausgereicht hätte, musste die Sonde mehrfach „Schwung“ holen. Bei diesen „Swing- by“-Manövern flog Rosetta dicht an der Erde, am Mars und zwei Kometen vorbei, um deren Geschwindigkeiten auf sich zu übertragen. Um Energie zu sparen, wurde Rosetta im Juni 2011 dann in eine Art Winterschlaf versetzt. Doch am 20. Januar 2014 klingelte der Wecker. Die Sonde heizte ihr Navigationssystem wieder auf, richtete ihre Solarzellen-Flügel zur Sonne aus und drehte ihre Antennen in Richtung Erde. Anfang August 2014 erreichte Rosetta den Kometen.

Deutschland beteiligte sich mit 300 Millionen Euro

Die Kosten der Mission belaufen sich auf rund eine Milliarde Euro, Deutschland beteiligte sich mit 300 Millionen Euro. „Das Problem war, ein System zu konstruieren, das zwölf Jahre fliegt und das selbstständig arbeitet“, so Jung, „schließlich können wir das System nicht mit einem Joystick steuern.“ Doch das ist alles vergessen, als Philae sein erstes Signal von der Oberfläche ­sendet.

Die Wissenschaftler hoffen nun auf einen Blick in die Kinderstube des Sonnensystems, das vor 4,6 Milliarden Jahren entstand. Kometen sollen weitgehend unveränderte Materie aus dieser Zeit enthalten – sie gelten als Boten der Vergangenheit. Rosetta und das Landegerät sollen den Kometen nun analysieren. Philae hat zehn Instrumente an Bord, um den Kometen zu untersuchen: etwa Mupus, um die Temperatur zu erforschen. Oder Sesame, eine Art Echolot in den drei Füßen des Landers. „Wir horchen in Tschuri hinein, welche akustischen Eigenschaften der Kometenkern hat“, beschreibt DLR-Sprecherin Manuela Braun. Für das Instrument Consert sollen Philae und Rosetta Tschuri für eine Art Tomografie in die Mitte nehmen und ihn durchleuchten. „Wir hoffen auf Antworten zum Ursprung des Lebens auf der Erde“, meint der Darmstädter Esa-Direktor für bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb, Thomas Reiter.

Die Mission soll noch bis Ende 2015 dauern. Philae könnte seine Arbeit aber schon früher einstellen: Die Batterien reichen für 60 Stunden. „Dann warten wir, bis der Komet näher an der Sonne ist und untersuchen, welche Stoffe aus dem Kometen austreten.“ Da Tschuri Richtung Sonne unterwegs ist, dürfte Philae die Sache aber irgendwann zu heiß werden – dem kleinen Labor, das die Erforschung unseres Sonnensystems voranbringen soll, droht am Ende der Hitzetod.