Mitte 2021 soll der Rosensteintunnel zwischen dem Neckar und dem Pragsattel eröffnet werden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Baukosten für die beiden je 1,3 Kilometer langen Tunnelröhren zwischen Wilhelma und Pragsattel verteuern sich erneut. Es ist beileibe nicht die erste Kostenexplosion bei dem Großprojekt. Die Stadt rechnet jetzt mit Gesamtkosten von etwa 330 Millionen Euro.

Stuttgart - Der Bau des Rosensteintunnels steht unter keinem guten Stern: Nach Informationen unserer Zeitung steigen die Gesamtkosten für den Bau der beiden 1300 Meter langen Röhren unter dem Rosensteinpark und der Wilhelma hindurch bis zum Pragsattel von zuletzt rund 293 Millionen auf etwa 330 Millionen Euro. Es ist nicht die erste Kostenexplosion: 2015 musste die Stadt bereits Mehrkosten von 40 Millionen Euro schultern. Das Projekt war 2012 von CDU, SPD, Freien Wählern und FDP im Rathaus bei einer Kostenschätzung von gut 190 Millionen Euro politisch auf den Weg gebracht worden, wenige Monate später belief sich die Kalkulation bereits auf etwa 231 Millionen Euro. Ein Meter Tunnel kostet mittlerweile ­127 000 Euro.

Gründe: Baupreissteigerungen und kostentreibende Neuausschreibungen

Technikbürgermeister Dirk Thürnau (SPD) bestätigte auf Anfrage unserer Zeitung die erneute Kostensteigerung. Als Gründe werden allgemeine Baupreissteigerungen sowie die kostentreibenden Neuausschreibungen von Aufträgen genannt, nachdem die Stadt 2017 den Vertrag mit dem Zuffenhausener Bauunternehmen Wolff & Müller gekündigt hatte. Als Gründe für die Vertragsauflösung hatte die Stadt seinerzeit massive Sicherheitsverstöße auf der Baustelle am Verbindungstunnel Leuze-Knoten sowie unverhältnismäßig hohe Nachtragsforderungen des Unternehmens genannt. Das Unternehmen hatte die Vorwürfe vehement bestritten und seinerseits die Stadt für Verzögerungen bei den Bauarbeiten durch Planungsänderungen etwa bei der Verkehrsführung verantwortlich gemacht. Stadt und Wolff & Müller streiten derzeit vor Gericht über die Nachtragsforderungen von etwa 40 Millionen Euro. Wolff & Müller war auch an der Arbeitsgemeinschaft Rosensteintunnel beteiligt, die die beiden Tunnelröhren zum Pragsattel erstellt.

Mit der erneuten Kostenerhöhung ist nun auch der Risikotopf für das Gesamtprojekt Rosensteintunnel/Leuzetunnel komplett ausgeschöpft und müsste per Gemeinderatsbeschluss neu befüllt werden. Eine zeitliche Verschiebung der für Mitte 2021 geplanten Tunneleröffnung ist laut Thürnau nicht zu befürchten. Am kommenden Dienstag müssen sich die Stadträte im Technischen Ausschuss des Gemeinderats mit der Materie befassen. In der Vergangenheit hatten sie sämtliche Kostenerhöhungen stets – wenn auch mit Bedauern – durchgewinkt. Nach Recherchen unserer Zeitung will die Stadt einmal mehr auch diese anfallenden Mehrkosten gegenüber Wolff & Müller geltend machen.

Baukostensteigerungen sind – wenn auch nicht in dieser Höhe – derzeit kein Einzelfall

Bei der sogenannten dritten Leuze-Röhre, bis dato maßgeblicher Kostentreiber des Gesamtprojekts, ist die Lage anders. Aufgrund der Neuausschreibung und Neuvergabe des Bauauftrags an die Firma Züblin, die nach der Kündigung für Wolff & Müller den Zuschlag erhielt, verschiebt sich die Fertigstellung des Leuzeknotens offenbar erneut um ein Jahr bis 2024.

Baukostensteigerungen, wenn auch nicht in dieser Höhe, sind in der Stadt derzeit kein Einzelfall. Bereits am vergangenen Dienstag hatten Thürnau und der Leiter des Hochbauamts, Peter Holzer, den Stadträten eine sogenannte Sammelkostenerhöhungsvorlage präsentiert. In dem Papier sind zahlreiche laufende Bauprojekte in der Stadt aufgelistet, die allesamt deutlich teurer werden als vorab veranschlagt. Thürnau sprach in dem Zusammenhang von einer„völlig überhitzten“ Marktlage. Im Klartext: Es gehen derzeit nur wenige Angebote auf öffentliche Ausschreibungen ein, weil die Baubranche ausgelastet ist wie selten zuvor. Die wenigen Baufirmen, die sich an Ausschreibungen beteiligen, offerieren dann Angebote, die teilweise bis zum Doppelten über den in der Ausschreibung genannten Kosten liegen. Weil die Projekte – etwa Schulen, Kindertagesstätten und Kultureinrichtungen – aber fertig werden müssen, ist die Stadt häufig gezwungen, entweder den Zuschlag zu einem höheren als dem kalkulierten Preis zu erteilen oder die Ausschreibung aufzuheben. Eine Neuvergabe kostet ebenfalls Zeit – und damit auch Geld.

Kommen dann noch Faktoren wie Schadstoff- und Altlastenerfassung oder neue gesetzliche Normen und Standards dazu, ergeben sich schnell Kostensteigerungen von einer Million Euro und mehr. Am heftigsten schlägt die Steigerung der Baupreiskosten – wie jetzt beim Langzeitprojekt Rosensteintunnel – ins Kontor. Nach Angaben der Stadt sind diese in den vergangenen zehn Jahren um 25 Prozent gestiegen. Dieser Trend werde anhalten.

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