Schwabstraße Der Bürgermeister vom Westen

Von Nina Ayerle 

Reinhard Riesch ist im Westen aufgewachsen – und dort geblieben. Foto: Joe Bauer
Reinhard Riesch ist im Westen aufgewachsen – und dort geblieben. Foto: Joe Bauer

Reinhard Riesch hat Agrarwissenschaften studiert, war schon einmal Bürgermeister in Weissach. Inzwischen gehört ihm das Grüne Eck oberhalb des Rosenbergplatzes. Ein Gespräch über sein Quartier.

Stuttgart - Wenn beim Bäcker Bosch die Schlange mal wieder zu lange ist, dann verteilt Reinhard Riesch gerne mal an die Wartenden ein bisschen Obst und Gemüse aus seinem Laden. Wenn seine Kunden dringend etwas brauchen, dann fährt er nach Feierabend auch mal einen Umweg und liefert kostenlos Brot und Foccacia aus. Bekannten, die im strömenden Regen durch den Westen latschen, bietet er Obdach. Nicht in seinem Laden, sondern im Café Stöckle zwei Straßenecken weiter. Man kennt ihn dort. Nicht nur die Bedienungen, auch einige ältere Damen grüßen ihn freundlich vom Nebentisch.

Reinhard Riesch unterhält sich aber nicht nur gerne. Er kümmert sich auch. Mit der Stadt hat er sich ewig auseinander gesetzt, dass er ebenso wie der benachbarte Bäcker und der Metzger die Kurzparkplätze gegenüber brauche. Kleine Läden sind auf jeden Kunden angewiesen. „Leute von überall her, aus Wales oder aus Mexiko, finden es hier schön“, sagt Rio, der Besucher aus dem Ausland, die sich in seinen Laden verirren, auch gerne erstmal durchs Viertel führt. „Für Außenstehende ist der Westenwie ein kleines Dorf.“ Und der zeitgeistige Großstädter schätzt ja eh alles, auf dem irgendwie „bio“ oder „regio“ steht. Auch wenn es ganz unschwäbisch etwas teurer ist. Der alteingesessene Westler kauft am liebsten vor Ort. Es gibt ja auch fußläufig noch alles. Das ist selten geworden in Stadtquartieren. Genauso selten wie Menschen wie Reinhard Riesch.

Er ist nicht nur Obst- und Gemüsehändler. Er ist Zuhörer, Kümmerer, Seelsorger und auch ein bisschen die Infozentrale des Viertels. Er kennt irgendwie jeden und weiß immer eine Geschichte zu erzählen. „Der Bürgermeister vom Westen“, werde er genannt, erzählt Reinhard Riesch im Café Stöckle bei einem Weinschorle weiß-sauer. Ob er diesen inoffiziellen Titel selbst in die Welt gesetzt und verbreitet hat, sagt er nicht, während er selbstvergessen mit einem Kugelschreiber ein „R“ auf seine Hand kritzelt. „Ich wäre gerne wieder Bürgermeister“, gibt er ehrlich zu.

Reinhard Riesch, der fast sein ganzes Leben im Westen verbracht hat, war nicht schon immer Obst- und Gemüsehändler am Rosenbergplatz. Das macht der 59-Jährige erst seit knapp neun Jahren. Eigentlich ist er studierter Agraringenieur und hat als solcher jahrelang gearbeitet. Die ökologische Landwirtschaft ist immer noch eines seiner Lieblingsthemen.

Ebenso wie diese Bürgermeistersache. Sein Spitznamen kommt ja nicht von ungefähr. Riesch war mal Schultes in der Porsche-Kommune Weissach. Gut getan hat ihm der Job aber nicht. Es habe ihn krank gemacht, erzählt er. Die kommunale Immobilienpolitik, all die Mauscheleien, haben ihm zu schaffen gemacht. „Ich glaub, ich hab mich zuviel um die vielen kleinen Sachen gekümmert“, glaubt er im Nachhinein. „Öffentliche Menschen müssen sich abgrenzen können.“ Nach nur einem Jahr hat er hingeworfen.

Seitdem geht es ihm besser. Er ist wieder daheim im Westen, hat seinen eigenen Laden. „Die Menschen kaufen gerne bei uns ein“, sagt Riesch. Über deren Motive kann er nur spekulieren. Vieles gebe es doch woanders billiger. „Vielleicht weil sie uns mögen?“, sagt er. Und er mache es ja auch gerne, das Grüne Eck, auch wenn es „ökonomisch schwierig“ sei. „Ich glaube, die Leute hier suchen ein Gefühl“, meint er. „Das muss nicht mal super persönlich sein. Einfach ein Ort, wo man sich begegnen kann.“ Für ihn selbst ist der Mix aus den unterschiedlichen und guten Kontakten im Viertel ja auch wichtig: „Unfassbar, wie einen das pusht. Also mich pusht das.“

Und gerade in den letzten Jahren habe sich viel getan. Neue Cafés haben aufgemacht, ein paar hundert Meter weiter, rund um den Hölderlinplatz, eröffnen ständig kleine Lädchen mit außergewöhnlichem Sortiment, selbst gemachte Accessoires oder Interieur. „Das Viertel ist so lebendig“, sagt er. „Die Leute haben immer wieder eine Idee, wegen der sie sich hier niederlassen.“ Andere Nachbargemeinden wiederum hätten ja oft mit Leerständen zu kämpfen. Der Einzelhandel ist nicht mehr beliebt. Es lohnt sich oft nicht mehr, gegen große Ketten oder Online-Versandhändler anzukämpfen. Da, in dieser Ecke des Westens, funktioniert es noch einigermaßen. Die Leute wohnen auch gerne dort. „Viele Kunden erzählen mir, dass sie jetzt gerade in das Haus des Großvaters eingezogen sind“, sagt Riesch. Seine walisische Kundin habe geschwärmt, „wie schön“ die Leute dort leben würden und – erstaunlicherweise – wie wenig Verkehr es gebe.

Trotz all der Schönheit, der guten Nachbarschaft und der vielen netten Menschen dort sieht Riesch natürlich auch die Probleme im Stadtbezirk: die Parkplatznot („Man muss ja nicht mehr abends um 22 Uhr Strafzettel verteilen.“) und der Wohnungsdruck. „Das gefährdet einen Stadtteil, wenn alles so teuer ist.“ Wenn Familien sich vergrößern und mehr Zimmer brauchen, finden sie im Westen keinen Platz mehr. Außerdem bräuchten die Menschen gute Arbeitgeber. „Mehr als zugeparkte Kreuzungen und Gehwege.“ Eigentlich gibt es einiges zu tun: „Wenn ich nicht schon so alt wäre, würde ich OB von Stuttgart werden wollen.“ Was er dann gerne machen würde? „Den Charme des Westens auf die ganze Stadt übertragen“. Eine einfache Erklärung hat er dafür auch: „Hier ist ein guter Teil von Stuttgart.“

Redaktion Stuttgart-West

Ansprechpartnerin
Kathrin Wesely
s-west@stz.zgs.de

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