Die Flut im Juni 2024 hat im Sinnespark „Eins + Alles“ vieles zerstört – und Platz für eine neue Attraktion gemacht. An Pfingsten können Besucher den Ort erstmals erleben.
Auf die Spitze der Mattisburg führen viele Wege. Wer hoch hinauf will, klettert über Felsblöcke und Hölzer, quetscht sich durch enge Luken, hangelt sich über Strickleitern. Hinunter geht es dann ganz schnell – über zwei lange Röhrenrutschen. Unten warten Entdeckungstouren durch den Mattiswald und den Dunkelwald, ganz Mutige wagen den Sprung über den Höllenschlund.
Fans von Astrid Lindgrens Kinderbuch „Ronja Räubertochter“ dürfte bei der neuen Attraktion im Sinnespark „Eins + Alles“ in Welzheim (Rems-Murr-Kreis) vieles bekannt vorkommen. Kein Wunder, schließlich diente der Klassiker, der von zwei verfeindeten Räuberbanden und deren befreundetem Nachwuchs Ronja und Birk handelt, als Inspirationsquelle für das, was sich in mehreren Bauabschnitten zum neuen Zentrum des Sinnesparks entwickeln soll.
„Der UrSprung“ nennt sich der Spiel- und Erfahrungsraum, der den Spiel- und Aktionsplatz Herzstück ersetzt. Diesen haben im Juni 2024 die Wassermassen zerstört, die sich ihren Weg durch das enge Tal bahnten. Die Wieslauf, die dieser Tage als idyllischer Bach durchs Gelände plätschert, hatte sich im vergangenen Jahr wegen des starken Regens in eine Flutwelle verwandelt. Sie drückte schwere Stahltüren einfach weg, setzte Gebäude und Plätze unter Wasser. Letzteres schoss zudem über den Hang herab, floss in die neuen Wohnhäuser, zerstörte die Weide der Lamas und ließ Unmengen von Schlamm zurück.
Viele Helfer nach der Flutkatastrophe
„Wir hatten zum Glück viele Spontanhelfer, und so war die Situation nach drei Tagen wieder halbwegs okay“, sagt Daniela Doberschütz von der Christopherus Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Laufenmühle. In deren Einrichtung leben knapp 140 Menschen mit einer geistigen Behinderung, die dort auch arbeiten – zum Beispiel in der Kaffeerösterei und der Kerzenmanufaktur. Auf den großen Schreck sei schnell die Frage gefolgt, wie es weitergehen soll, berichtet Daniela Doberschütz: „Wir haben uns überlegt, ob wir die Schäden reparieren oder mutig sein und etwas ganz Neues wagen sollen.“
Für die kommenden Jahre hatte das „Eins + Alles“ ohnehin Veränderungen geplant. „Wir wollen auf das reagieren, was in der Gesellschaft passiert und uns positionieren“, beschreibt Daniela Doberschütz die Zukunft. Konkrete Konzepte gab es allerdings noch nicht. Die zündende Idee kam dann einem Beschäftigten der Laufenmühle nach Feierabend. „Er hat seinen Kindern aus ,Ronja Räubertochter’ vorgelesen.“ Von der Idee, Ronja Räubertochter und das Thema Spaltung zu wählen, bis zu ersten Skizzen der Räuberfestung dauerte es nur wenige Wochen.
Spielraum für Kinder zwischen 4 und 99
Im Buch spielen Themen wie Vertrauen und Misstrauen, Feindbilder, Ressourcenverteilung, Gemeinschaft, Spaltung und der Blick auf andere eine große Rolle. All diese Bereiche lassen sich auf dem Burggelände bestens spielerisch bearbeiten und ausprobieren – sei es im freien Spiel oder im Rahmen eines der Programme, welche der Bereich Erlebnispädagogik entwickelt hat. Die neue Mitte des Erfahrungsfelds sei gedacht für „Kinder von 4 bis 99“, sagt Marcia Krieg, die beim Projekt „UrSprung“ für das Fundraising zuständig ist.
Den nun vollendeten ersten Bauabschnitt habe die Christopherus Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Laufenmühle mit viel Mühe aus eigenen Mitteln finanziert, berichtet Marcia Krieg. Rund 800 000 Euro sind in den Bau von Mattisburg und Borkafeste samt Umfeld geflossen. Eingegangene Spenden zur Beseitigung von Hochwasserschäden seien aber ausschließlich in Reparaturen und nicht in dieses neue Projekt investiert worden, betont Daniela Doberschütz. „Wir haben gespart, wo es ging, und vieles in Eigenleistung gemacht.“ Die Pflasterung und die Gestaltung der Beete hat beispielsweise die hauseigene Gartenwerkstatt übernommen.
Mattisburg und Borkafeste aus dem Holz von Robinien
Die mit viel Liebe zum Detail gebaute Räuberfestung mit bunten Glasfenstern hat ein Team von Kukuk Spielwerk vor Ort aus Robinienholz gebaut. „Jede Leiste ist von Hand angepasst“, sagt Daniela Doberschütz – das trage zur ganz besonderen Ästhetik bei. Die mächtigen Felsbrocken drumherum sind in einem Schwarzwälder Steinbruch ausgewählt und per Schwerlastkran an ihren Standort verfrachtet worden.
In drei weiteren Bauabschnitten sollen rund um die Festung noch Skulpturen, Wind-, Sand-, Wasser- und Sinnesspiele, ein Zukunftsturm mit Steg, eine Friedensbrücke als barrierefreier Zugang und eine Feuerstelle mit Wetterschutz entstehen. Insgesamt rechnet man mit Kosten von rund 1,7 Millionen Euro, Spenden sind daher höchst willkommen.
Der „UrSprung“, für den die Landtagspräsidentin Muhterem Aras die Patenschaft übernommen hat, soll Schritt für Schritt inklusiver werden. „Die Möglichkeiten wachsen mit jedem Abschnitt“, sagt Daniela Doberschütz, „später kann man mit dem Rollstuhl sogar die Spitze des Turms erreichen, und es wird spezielle Schaukeln für Rollstuhlfahrer geben.“
So kommt man zum „Eins + Alles“
Am Pfingstwochenende gibt es erstmals die Gelegenheit, die Räuberfestung zu stürmen. Am Samstag, 7. Juni, und Sonntag, 8. Juni, hat das „Eins + Alles“ von 10 bis 18 Uhr geöffnet, an beiden Tagen gibt es ab 15 Uhr Livemusik, das Konzertticket ist im Eintrittspreis enthalten. Am Samstag tritt „Me & the Headlights“ auf, am Sonntag das Sarah Lesch Duo. Die Anfahrt zum „Eins + Alles“ ist derzeit sowohl über Rudersberg als über Welzheim möglich. Vom Parkplatz Bockseiche bei Welzheim gibt es an beiden Tagen einen kostenlosen Shuttleservice zum Sinnespark.
www.einsundalles-derursprung.de