An einem viel schöneren Ort als im Südgarten des Residenzschlosses kann ein Zelt nicht stehen – finden die Zirkusleute. Foto: factum/Granville

Keine Tiere, kein Plastik, aber ganz viel Zauber: Der Circus Roncalli ist wieder in der Stadt, um möglichst viele Menschen zu beglücken. Allerdings sind auch die Zirkusleute ziemlich glücklich, dass sie hier sein dürfen.

Ludwigsburg - Der Popcorn-Wagen, der mehr als 200 Jahre alt ist und früher eine Kutsche war, steht, wo er stehen soll. Das Domizil für den Direktor ist auch vorbereitet. Der Schlafwagen, der Küchenwagen, der Salonwagen – alles da, Bernhard Paul kann anreisen. Und das Zelt, das eigentlich ein kleiner Palast ist, mit samtenen Logen und gepolsterten Bänken, ist längst aufgebaut, natürlich. Ein paar Griffe und Kontrollen noch, dann kann es los gehen. An diesem Mittwoch hebt sich der Vorhang in Ludwigsburg zum ersten Mal.

Dreieinhalb Wochen gastiert der Circus Roncalli im Blühenden Barock. Zwei Vorstellungen gibt es täglich, außer montags und dienstags, zweieinhalb Stunden dauert ein Durchgang. Wenn es gut läuft, wollen sich wieder 40 000 Besucher verzaubern lassen wie beim ersten Roncalli-Gastspiel vor zwei Jahren. „Ludwigsburg ist wie aus einer anderen Welt“, schwärmt Markus Strobl, der Medienchef des Zirkus’.

Zitronen und Fontänen vor Augen

Wenn Markus Strobl aus seinem – natürlich sehr schönen – Wohnwagen schaut, erblickt er Zitronen an Bäumen. Und Rosen und Azaleen und Fontänen aus Wasser, die kunstvoll in die Höhe spritzen. Seine Kollegen, hat Strobl beobachtet, verkriechen sich abends nicht in ihre Domizile, sondern blicken staunend auf die beleuchtete Fassade des Schlosses, neben der das ebenfalls illuminierte Roncalli-Dorf noch fantastischer aussieht als am Tag ohne Lichtspiel. Man hat sogar schon Roncalli-Kinder über das Gelände springen sehen, die selig rufen: „Ich bin eine Prinzessin!“

Auf fast einen Kilometer Länge bringt es der Sonderzug, mit dem die mehr als 80 historischen Zirkuswagen transportiert werden. Auf sechs Kilometer kommen die Stromkabel, die auf dem Gelände verlegt werden, auf fünf die Wasserschläuche. Mit 122 Spezialankern ist das Zelt im Boden befestigt – 50 weniger als an anderen Spielorten. Weil sich unter der Erde im Blühba teilweise Gewölbe befinden. Und weil der Platz über der Erde begrenzt ist, hat der Großteil der Zirkus-Leute sein Lager in Kornwestheim aufgeschlagen, auf dem Festplatz bei der ehemaligen Eishalle. Ist aber alles gar kein Problem. Oder, wie Michael Scholz sagt: „Win-Win“.

Früher Saatgut, heute Stars

Michael Scholz ist der Geschäftsführer der Eventstifter, jener Agentur, die den Zirkus in die Stadt gebracht hat. Scholz ist von Haus aus Groß- und Außenhandelskaufmann und hat mit dem Verkauf von Agrarbedarf begonnen. Dann entdeckte der Oßweiler die Vermarktung von Baseballkappen und T-Shirts für sich und den Verleih von Festbedarf. Hinzu kamen das Catering und die Veranstaltung von Festen – und auch von Konzerten. Mit Udo Jürgens, Vanessa Mae und Jan Delay fing alles an: 2010 bei den ersten Music Open im Schlosshof. Es ging weiter mit Clueso, Philipp Poisel, Andreas Gabalier, Mark Forster, Pur, Dieter Thomas Kuhn. In diesem Jahr kommen unter anderem James Blunt und Joan Baez.

Außerdem ließen Scholz und seine etwa 15 Mitarbeiter Gunther von Hagens’ Körperwelten in der MHP-Arena aufbauen und 150 Krieger aus Ton, besser bekannt als Terrakotta-Armee. Bei diesen Geschäften lernte der Michael Scholz auch Sascha Freudrich kennen, einen der Roncalli-Geschäftsführer. Als der vor ein paar Jahren bei Scholz anrief und fragte, ob er eine gute Location in der Region kenne, wo Roncalli sein Zelt aufschlagen könnte, sagte Michael Scholz: „Natürlich!“

Der Eventstifter versammelte den Stadt- und den Schlossverwalter, den Zirkus- und den Blühba-Direktor, alle erkannten, dass vom Gastspiel in Ludwigsburg alle profitieren würden – und 2016 rollte Roncalli das erste Mal im Südgarten des Schlosses an. „Ludwigsburg ist das Schwungrad Europas“, sagt Scholz. Er lacht, weiß, dass er übertreibt. Aber nur ein bisschen.

Plastik und Glühbirnen sind tabu

In der Manege, in der an diesem Vormittag noch eine Hebebühne steht, wird schon bald eine Dampflokomotive aus dem Zylinder von Paolo Casanova steigen, der Autodesigner war, aber als Künstler Carillon glücklich wurde. Kong Haitao wird auf Stühlen bis unter die Zeltkuppel klettern, und die Bello Sisters werden aus ihren Körpern lebende Statuen bauen. „Storyteller“ heißt das diesjährige Programm, und die Geschichte, die die Artisten erzählen, handelt vom Zirkus. Vom Zirkus, wie er gestern war, heute ist und wie er morgen sein wird.

Natürlich wird es einen Clown geben. Aber eben nicht nur den, der Spaß macht oder Poesie bringt. Sondern auch den, der breakdancend zum Colaautomaten wird. Der Zirkus von morgen kommt aus dem Computer. Mittels Holografie werden Dinge auf eine ultrafeine Rundumleinwand projiziert, die gar nicht da sind. Der Heißluftballon etwa, der auf den Aberhunderten Werbeplakaten in der Region zu sehen ist. Oder Pferde, die vor 250 Jahren die Tradition des Zirkus’ im Allgemeinen überhaupt erst begründeten – und die es bei Roncalli inzwischen so wenig gibt wie andere Tiere. Und wie Plastikbecher oder Glühbirnen. Tatsächlich stecken in den hübschen Birnen LED-Leuchten. Auch das ist Zirkus heute.

26 Tage wird das Roncalli-Dorf geöffnet sein. Die Premiere ist schon lange ausverkauft, die Karten für die anderen knapp 40 Vorstellungen sind auch gefragt, obwohl sie relativ kostspielig sind. Eine schöne Vorstellung, dass Menschen aus 29 Ländern zusammen arbeiten, um Zuschauern aus womöglich noch mehr Ländern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Und auch beruhigend, dass sich viele Menschen ein Lächeln wünschen.

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