Autor Jörn Precht las in Waldenbuch aus seinem Buch „Ritter Sport – Ein Traum von Schokolade“. Foto: Eibner-Pressefoto/Andreas Ulmer

Ein Roman erzählt die Biografie der Unternehmerin Clara Ritter und ihren maßgeblichen Anteil am Welterfolg von Ritter Sport. Eine zart-schmelzende Urlaubslektüre.

Bevor der Autor Jörn Precht anfängt, aus seinem Roman vorzulesen, räumt er erst einmal mit zwei Missverständnissen auf. Zunächst die Verwirrung um den Autorennamen: Wer auf der Lesung des Romans „Ritter Sport – Ein Traum von Schokolade“ im Waldenbucher Museum Ritter eine gewisse Romy Herold erwartet hatte, den müsse er enttäuschen. „Das ist ein vom Verlag erdachtes Pseudonym für das Autoren-Duo aus Eva-Maria Bast und mir“, sagt Precht. „Damit sich das Buch besser verkauft.“ Der Marketingtrick hat funktioniert: Der in diesem Jahr erschienene Roman schaffte es auf Platz drei der Spiegel-Bestsellerliste.

 

Das zweite Missverständnis dreht sich um die Rolle der Schokoladenfabrik. Nein, das Buch sei keine Auftragsarbeit von Ritter Sport, beteuert der Autor. „Allerdings hatten wir bei der Recherche großzügige Unterstützung vom hauseigenen Archiv“, sagt Precht, der gemeinsam mit seiner Co-Autorin rund drei Jahre an dem Buch gearbeitet hat.

Bei der Lesung bietet das Museum in Waldenbuch die ideale Kulisse, die Sitzreihen sind voll besetzt, der Raum hoch und hell, an den Wänden hängt Kunst, häufig quadratische. Die überwiegend weiblichen Zuhörerinnen hängen Precht an den Lippen, als er drei Schlüsselszenen aus dem Buch vorliest. Die erste spielt im Dreikaiserjahr 1888 auf dem Landgut der Familie Göttle in Tomerdingen auf der Schwäbischen Alb, von dem Clara Ritter stammt.

Der Roman schaffte es auf die Bestsellerliste des Spiegel. Foto: Verlag

Ein Handelsvertreter des Schokoladenherstellers Riquet aus Leipzig macht dort Rast – und gibt der kleinen Clara ein Stück zum Probieren. „Sie stellen etwas ganz Wunderbares her“, sagt die begeistert. Damit ist ihr Traum von der Schokolade geboren, die im 19. Jahrhundert noch eine seltene und teure Delikatesse ist. Precht und Bast zeichnen auf den folgenden 490 Seiten auf Basis intensiver Recherchen das Leben von Clara Ritter nach, das von glücklichen Fügungen ebenso gezeichnet ist wie von Schicksalsschlägen.

Moderne und durchsetzungsstarke Frau

Dabei entsteht das Bild einer für damalige Verhältnisse sehr modernen und durchsetzungsstarken Frau, deren Anteil am Erfolg des Unternehmens bisher weniger bekannt war, als es ihr zustünde. Nach einer Handelslehre in Ulm eröffnet Göttle 1909 in der Cannstatter Marktstraße ihr eigenes Zuckerwarengeschäft, danach noch eine Filiale in der Bahnhofstraße – in der sie wenig später Alfred Ritter kennenlernen sollte. Der sechs Jahre jüngere Konditormeister baute dort seine Firma auf.

Einige Gäste ließen sich das Buch signieren. Foto: Eibner/Andreas Ulmer

Nach der Heirat mit Göttle im Jahr 1911 wächst und wächst das Unternehmen, das immer mehr zu ihrem gemeinsamen wird. Nicht zuletzt dank des Verkaufsgeschicks von Clara Ritter. Sie war es, die schon den ersten Markennamen erfand: Alrika. Ein Akronym aus Al-fred Ri-tter Ka-nnstatt. Noch durchschlagender ist allerdings der Erfolg ihrer zweiten Marketingidee, die ihr erst in Waldenbuch kommt. Dorthin siedeln Ritters 1930 um, da die Fabrik in Bad Cannstatt zu klein wird.

Die Legende, wie es zu den weltberühmten quadratischen Tafeln kam, erzählt das Buch noch einmal genau: In der Halbzeitpause eines Fußballspiels im Jahr 1932 will sich der Fahrer der Ritters mit einer Tafel Alrika stärken – doch schon beim Hinausgehen zerbricht ihm die Langtafel in der Trikottasche. „Machen wir doch eine Tafel, die in jede Tasche passt“, fasst die geschäftstüchtige Clara Ritter daraufhin einen Gedanken: quadratische Schokolade für Sportler, oder auch: Ritters Sport-Schokolade. Wenngleich der spätere Slogan „Quadratisch. Praktisch. Gut.“ tatsächlich aus der Feder des Werbers Michael Grashoff stammt, der mit der Agentur Dewe in Hildrizhausen zusammenarbeitete.

Anekdoten ausgeschmückt

So sei der Roman zwar an vielen Stellen eine exakte historische Nacherzählung, wie Precht auf der Lesung in Waldenbuch sagt. Wenngleich manche Anekdoten und Begebenheiten erzählerisch ausgeschmückt daherkommen. Das tut dem Stoff gut, der nicht immer von Spannung getragen ist. Dafür gibt er interessante Einblicke in die Wurzeln von Ritter Sport und das Leben in Bad Cannstatt und Waldenbuch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die beiden Weltkriege samt politischer Verwerfungen arbeiten die Autoren geschickt ein.

Ebenso Bezüge zu weiteren Stuttgarter Erfindern und Unternehmern, wie dem Flugzeugkonstrukteur Ernst Heinkel oder Sigmund Lindauer, dem Erfinder des Büstenhalters Marke Hautana, der später in Böblingen fabriziert wurde. Vor allem aber ist es ein großer Verdienst des Romans, den Anteil von Clara Ritter an der Erfolgsgeschichte des Unternehmens herauszuarbeiten. Dies sei außerdem ein Wunsch von Marli Hoppe-Ritter gewesen, Clara Ritters Enkelin.