In seinem Roman „Sanditz“ gräbt sich Lukas Rietzschel durch die Schichten der Zeit. Er bietet eine Art Welttheater am Rand der Kohlegrube.
Der Tagebau hat sich immer weiter ins Land gefressen und irgendwann auch das Dorf erreicht, in dem die Leute gelebt haben, die man in dem neuen Roman „Sanditz“ von Lukas Rietzschel kennenlernt. Und bevor man nun das Bild zusammenzusetzen versucht, das dieser außerordentliche Roman aus verschiedenen Zeitschichten entwickelt, verweilt man am besten noch für einen Moment an der Abbruchkante.
Der Blick weitet sich über monströse Maschinen, so groß, „als hätten die Franzosen ihren Eiffelturm zerlegt und in der Kohlegrube entsorgt.“ Ihr titanisches Zerstörungswerk verschlingt den Lebensgrund der Menschen, um an den Rohstoff zu gelangen, der ihre Ökonomie befeuert. In charakteristischer Brechung zu diesem Widerspruch steht der imponierende Tagebau des Romans, den man so nennen kann, weil auch hier etwas ans Licht gebracht wird.
Die Gegend um das titelgebende fiktive, aber umso realere Städtchen in der Lausitz wird zum Schauplatz, an dem aus Sedimenten der jüngeren Geschichte das Material geborgen wird, aus dem wir gemacht sind: Träume, Sehnsüchte, Verbohrtheiten. Oder in der religiösen Grundierung der Familie, die im Mittelpunkt dieser zutiefst menschlichen Komödie steht: Glaube, Liebe, Hoffnung – und alles, was dieser Trias widerspricht. Zuoberst liegt die Schicht der Corona-Heimsuchung, die an Weihnachten 2021 einen Keil zwischen Geimpfte und Ungeimpfte treibt, in wechselseitiger Halsstarrigkeit, so dass der ehemalige Polizist Tom das Fest nicht im Kreis seiner Familie feiern kann. Seinen Job hat er verloren, weil er sich einer Bewegung gegen jene pandemiebedingten Freiheitsbeschränkungen angeschlossen hat, die er in seiner offiziellen Funktion hätte durchsetzen sollen. Und auch die Freundin sendet bedenkliche Signale.
In „Sanditz“ wird die Zeit zum Erzählraum
Darunter folgen die Wendejahre, in denen Toms Vater Roland als Arbeitspendler im Frankfurter Speckgürtel wohlig warme Fußböden für barfuß gehende Westdeutsche verlegt und sich fragt, ob er für dieses Leben einst als Bürgerrechtler gekämpft hat. Wobei sein eigentlicher Schmerz noch tiefer reicht, in die DDR-Vergangenheit, wo er die Liebe seines Lebens, Achim, einer Ehe mit seiner Jugendfreundin geopfert hat, um deren ungewollte Schwangerschaft zu decken.
In dieser Schicht stößt man auf einen Schutzraum gegen die Zudringlichkeiten des Regimes, den Versammlungsort der Landeskirchlichen Gemeinschaft, wo ein ältliches Geschwisterpaar im Arbeiter- und Bauernstaat verbotene Bücher abtippt und damit, wer weiß, mit einem Satz oder einem einzelnen Wort den Mut stimuliert, mit dem die friedlichen Revolutionäre später auf die Straße gegangen sind.
Was Lukas Rietzschels „Sanditz“ von Werken Juli Zehs unterscheidet
Die Tektonik der Zeit wird zum Erzählraum, in dem drei Generationen Platz finden. Die Figuren dieses Querschnitts leben von der Veranschaulichung ihres Gewordenseins und nicht von der demonstrativen Absicht ihres Autors. Das unterscheidet die Vielansichtigkeit der Bewohner von Sanditz von den didaktischen Schemen der literarischen Gesellschaftsspiele Juli Zehs. Zwar gibt es Spiele auch hier: Toms Schwester Maria, eine Lokaljournalistin, die für größere Zeitungen aus dem Osten nur berichten darf, wenn es „um AfD oder Wölfe“ geht, muss für einen Regional-Sender das neue Lausitz-Monopoly rezensieren. Doch während darin die Welt auf ihre Käuflichkeit reduziert wird, entfaltet der Roman alles, was darüber hinausgeht, in präzise erfassten sozial-, kultur- und industriegeschichtlichen Szenenfolgen.
Vielansichtigkeit heißt, dass man nicht nur die Verhältnisse aus verschiedenen Perspektiven kennenlernt, sondern auch das, was am menschlichen Wesen hinter seinen bevorzugten Schauseiten liegt. Tom etwa hat eine Vergangenheit, in der er mit abrasierten Haaren Ausländern aufgelauert hat. Als Figur erledigt ihn das so wenig wie sein Chat-Gruppen-Aktivismus in Querdenker-Kreisen. Die christliche Ethik seiner Großmutter stiftet Halt in den vielfältigen Regime- und Ortswechseln des Jahrhunderts, gleichzeitig herrscht auf der Rückseite ihrer bewundernswert widerständigen Statur ein strenges Leistungsprinzip, auf dem die zerstörerischen Selbstzweifel ihres scheuen Sohnes gedeihen, von dem noch gar nicht die Rede war, was ihn durchaus charakterisiert. Aber man sollte niemand vorzeitig abschreiben.
Lukas Rietzschel erklärt nicht – er zeigt, was ist
Syrische Gaststudenten, denen die sozialistische Gastfreundschaft das Fürchten lehrt, korrupte Wendegewinnler, enttarnte Stasispitzel, von der Wiedervereinigung halbierte NVA-Offiziere haben ihren Auftritt. Und dann sind da noch die Raben. Im Prolog flattern sie aus der sorbischen Krabat-Sage herbei, weil sie nicht mehr mitansehen können, wie der muffige Geist der Vergangenheit wieder durch die Lande wirbelt. Am Schluss erscheinen sie Tom wieder, der als Söldner im Kampf gegen die russische Invasion der Ukraine seinen ultimativen Lebenssinn gefunden hat.
Lukas Rietzschel wurde bisher als Erklärer ostdeutscher Befindlichkeiten vereinnahmt. Aber in Wirklichkeit ist er der Phänomenologe eines im einstigen Braunkohlerevier angesiedelten Welttheaters. Hier wird nichts erklärt, sondern gezeigt, wie es ist. Und das hat seine Gültigkeit weit über den Grubenrand hinaus. „Sanditz“ legt offen, was sich unter der Oberfläche von Ideologien und Überzeugungen birgt: ein gemeinsamer Grund, von dem aus all die Verschiedenheiten, die daraus hervorgehen, erst verständlich werden, in einer ambivalenten Schönheit, über die sonst nur das Leben selbst gebietet, sofern es nicht von Baggern verschlungen wird.
Lukas Rietzschel: Sanditz. DTV. 480 Seiten, 26 Euro.
Der Autor Lukas Rietzschel
Autor
Lukas Rietzschel wurde 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen geboren. Schon sein Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ (2018) war ein Bestseller, der für das Kino verfilmt wurde. 2021 erschien der zweite Roman „Raumfahrer“.
Auszeichnungen
Lukas Rietzschels Romane und Theaterstücke wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Gellert-Preis, dem Sächsischen Literaturpreis und dem Literaturpreis „Text & Sprache“.