Im Blätterwald der Geschichte: Katerina Poladjan Foto: FUNKE Foto Services

Für „Goldstrand“ ist Katerina Poladjan mit dem Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Wie uns das Buch gefallen hat, erfahren Sie hier. 

Es ist die vielleicht berühmteste Szene der Filmgeschichte: der Kinderwagen, der in Sergei Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ inmitten des von der zaristischen Armee angerichteten Gemetzels auf der großen Treppe in Odessa den Händen einer erschossenen Mutter entgleitet und Stufe um Stufe abwärts holpert. Der Film erschien 1925, ziemlich genau vor hundert Jahren, anlässlich des 20. Jahrestags der russischen Revolution.

 

Drei Jahre früher spielt ein anderer Film, in dem eine junge Frau, ein Mann und ein Junge eben jene Treppe herunterkommen, um sich auf einem Passagierdampfer einzuschiffen. Mit dieser Szene beginnt „Goldstrand“ von Katerina Poladjan. Gedreht hat ihn Jahrzehnte später der Sohn jenes Jungen auf der Suche nach der Vorgeschichte der Krankheit seines Lebens. Und wenn dies nun etwas verwirrend klingt, ist es das krasse Gegenteil von dem geradlinigen Sog, mit dem dieser Roman in den Strudel der Geschichte reißt.

Szene aus „Panzerkreuzer Potemkin“ Foto: imago/Mary Evans

Wie sich herausstellen wird, sind die drei in dem Film auf der Flucht vor jenen revolutionären Kräften, deren Sieg über die zaristische Despotie Eisenstein feiert. Von Odessa sind sie unterwegs nach Konstantinopel, das kurz darauf in Istanbul umbenannt wird. Etwa nach der Hälfte der Fahrt tritt die junge Frau auf das Achterdeck: „Sie legt die Hände auf die Reling, schwingt ein Bein darüber, der Fuß findet Halt. Dann das andere Bein. Sie zögert. Sie springt.“

„Goldstrand“ aktualisiert ein tieferliegendes Wissen

Ihr Name ist Vera. Später wird der Regisseur seine Tochter nach ihr benennen. Was geschehen ist, wirkt weiter und greift in das Leben der Nachgeborenen ein. Es beherrscht ihre Erzählungen, wird zum Gegenstand von Kunstwerken. Und es tarnt sich hinter Symptomen, die die Menschen unglücklich machen. Dann kann es sein, dass sie auf dem Sofa einer Therapeutin landen. Oder einer Dottoressa, wie jener Regisseur.

Er heißt Eli, lebt in Rom, ist mittlerweile etwas um die 60 Jahre alt und eine Berühmtheit, nicht zuletzt wegen jenes Films, den er gerade der Dottoressa erzählt. In der psychoanalytischen Praxis nennt man die Erfassung dessen, was bisher geschah, Anamnese. Vor dem Hintergrund der platonischen Herkunft des Begriffs geht es dabei auch um die Wiedererinnerung eines ursprünglichen, tieferliegenden Wissens.

Und im Falle Elis liegt mit der eigenen Familiengeschichte nicht nur die Ideologie- und Unheilshistorie Europas mit auf der Couch, sondern auch der kulturelle Bestand an Formen, in denen Geschichte Gestalt gewinnt: Mythologien, Märchen, Robinsonaden, Bilder, Filme, Bauten. Aus dem geflüchteten Jungen, dessen Schwester ins Wasser ging, wurde ein Architekt, der am Schwarzen Meer ein Utopia für den Neuen Menschen des Sozialismus entworfen hat, jenen „Goldstrand“, der dem Roman den Titel gibt: ein Versuch, durch Klarheit in Form und Materie die Welt zu verändern.

Der Hotelkomplex jenseits aller Klassenschranken mit Meerblick in die glänzende Zukunft eines nach dem Krieg neuerstandenen Kontinents weckt das Interesse einer Gruppe junger italienischer Architekten. Zu dem Kreis zählt auch eine junge Römerin. Und für eine Nacht finden der „Goldstrand“-Visionär und die renitente Tochter eines unverbesserlichen Mussolini-Anhängers zusammen. „Damit begann die Tragödie meines Lebens“, erzählt Eli der Dottoressa bei einer ihrer Sitzungen.

Höllenhunde und eine Holzente

Nach der Geburt ihres Sohnes wird die verlorene Tochter von ihrer Familie verstoßen, Eli wächst bei den Großeltern auf. Über einen Komparsen-Job kommt er zum Film, wird berühmt, lernt eine deutsche Kunsthistorikerin kennen. Als in Berlin die Mauer fällt, kommt die gemeinsame Tochter auf die Welt, die zweite Vera. Später wird sie in Deutschland italienische Reisegruppen durch das Konzentrationslager Oranienburg führen. Aber da haben sich ihre Wege schon längst getrennt, und Eli liegt auf der Couch, verlassen, von einer kosmischen Müdigkeit erfüllt, in einer Welt, die nicht in guten Händen liegt, in die der Krieg zurückgekehrt ist.

Auf seiner privaten Geschichte lasten die Traumata des Jahrhunderts. Aber vielleicht war ja alles auch ganz anders. Was man Therapeuten erzählt, ist interpretationsbedürftig, vor allem, wenn eine Totgeglaubte auf dem Rücken eines Stiers wie die phönizische Königstochter Europa durch das Bild reitet. Immer wieder bricht der Text aus, wechselt seine Gestalt, in römische Skizzen mischen sich mythologische Szenen. Elis Lebensodyssee führt weit zurück, statt der Zauberin Kirke verwandelt ein gewisser Kirk die Gäste einer schwülstigen Touristenhochburg in Schweine. Die Argonauten, monstergebärende Schlangenfrauen, Höllenhunde und eine Holzente weisen den Weg in hadeshafte Sphären. Was im Meer begann, führt dorthin zurück.

„Vielleicht müssen Geschichten nicht zu Ende erzählt werden, wir müssen sie nur weiterleben und weitertragen“, sagt Elis Tochter Vera einmal. Katerina Poladjan, eine deutsche Schriftstellerin, die in Moskau in eine armenisch-russische Familie hineingeboren wurde, reicht sie weiter – in filmischer Anschaulichkeit und tiefenpoetischer Verdichtung. Und wer weiß – würde ihr anamnetischer Roman uns einmal zum Bewusstsein unserer selbst verhelfen, ob dann nicht doch noch alles zu einem guten Ende käme.

Katerina Poladjan: Goldstrand. S. Fischer Verlag. 160 Seiten, 22 Euro.

Info

Autorin
Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Sie schreibt Theatertexte und Essays, auf ihr Prosadebüt „In einer Nacht, woanders“ folgte „Vielleicht Marseille“. Mit „Zukunftsmusik“ stand sie 2022 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. In diesem Jahr wurde sie mit dem „Großen Preis des Deutschen Literaturfonds“ geehrt.

Termin
Am 30. Oktober stellt Katerina Poladjan ihren Roman im Literaturhaus Stuttgart vor.