Der Roman „Das Haus der Verlassenen“ erinnert an reale Ereignisse wie die Entdeckung von Kindergräbern im Jahr 1975 im westirischen Tuam. Foto: AFP

Emily Gunnis hat einen Thriller über ein düsteres Frauenheim geschrieben. Im Roman „Das Haus der Verlassenen“ verarbeitet sie das brutale Schicksal junger, lediger Mütter in England und Irland.

Stuttgart - Von den vielen Schicksalen, die vor allem Kindern und Frauen unter dem Deckmantel christlich-katholischer Nächstenliebe in den vergangenen 150 Jahren widerfahren sind, zählt jenes der Insassen der irischen Magdalenenheime zu den düstersten überhaupt. In den Häusern, in denen ursprünglich einmal so genannte „gefallene Mädchen“, also Prostituierte, Unterschlupf gefunden hatten, gerieten im 19. und 20. Jahrhundert zunehmend junge, ledige Mütter in sklavenähnliche Verhältnisse und mussten, ihrer neugeborenen Kinder beraubt, für ihre Unterkunft zum Beispiel als Wäscherinnen arbeiten. Bis zu 30.000 Frauen sollen dieses Schicksal erlitten haben.

Bis in die 1990er Jahre hinein blieb dieses grausame Treiben katholischer Nonnen und Geistlicher nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit, bis 1993 ein Nonnenorden in Dublin einen Teil seines Klosters verkaufte. Auf dem Gelände wurden die Überreste von 155 verstorbenen Menschen entdeckt, was schließlich in einen Skandal mündete. Diese und weitere Entdeckungen führten schließlich dazu, dass sich 2013 der irische Premierminister Enda Kenny für das jahrzehntelange Verbrechen weiblicher Zwangsarbeit öffentlich entschuldigte.

Kinder wie Abfall entsorgt

Diese traurig-schockierenden Geschichten muss der Leser im Kopf haben, wenn er „Das Haus der Verlassenen“ der englischen Autorin Emily Gunnis in die Hand nimmt. Ihr Roman erinnert auch an das Schicksal von knapp 800 Kindern, deren Überreste schon 1975 im westirischen Tuam entdeckt worden waren, die lange Zeit als Opfer einer Hungersnot galten. Heraus kam indes Jahre später, dass auch dort über Jahrzehnte junge Frauen wegen ihrer ehelosen Schwangerschaft bewusst bestraft, gequält und misshandelt wurden. Die Kinder wurden wie Abfall entsorgt.

Gunnis hat einen Thriller geschrieben, der im Grunde ein Kondensat der geschilderten Skandale darstellt. Er handelt vom fiktiven St. Margaret’s Heim für ledige Mütter im englischen Sussex, in das 1956 die schwangere Ivy Jenkins von ihrem lieblosen Stiefvater abgeschoben wird – und das Heim nicht mehr lebend verlassen wird.

Thriller bleibt unter seinen Möglichkeiten

Sechzig Jahre später findet die Journalistin Sam eher zufällig in der Wohnung ihrer Großeltern einen Brief von Ivy Jenkins, der sie dazu bringt, die grausige Geschichte von St. Margaret’s zu recherchieren. Dabei entdeckt sie immer wieder geheimnisvolle Todesfälle und gerät schließlich selbst in Gefahr. Denn Sams eigene Familiengeschichte ist mit der dunklen Geschichte des Klosters verwoben.

Dass der Heyne-Verlag den Roman optisch wie einen leicht schwülstigen Romantik-Thriller oder einen Jugendroman vermarktet, ist einerseits schade, weil es dem Ernst des Themas nicht angemessen ist. Andererseits ist es konsequent, weil auch Emily Gunnis zwar einen flott erzählten Roman geschrieben hat, dem allerdings an der einen oder anderen Stelle etwas weniger Pathos und Melodramatik gut getan hätte.

So bleibt unterm Strich ein ordentlicher und durchaus lesenswerter Thriller über ein Thema, über das nicht genug geschrieben werden kann, der aber letztlich unter seinen Möglichkeiten bleibt.

Emily Gunnis: Das Haus der Verlassenen. Roman. Aus dem Englischen von Carola Fischer. Heyne-Verlag München 2019. Hardcover mit Schutzumschlag, 400 Seiten, 20 Euro.

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