Plakative Kritik an Franziskus in Rom Plakat-Protest gegen den Papst

Von Markus Brauer/dpa 

Quer durch Rom tauchen wie aus dem Nichts papstkritische Poster auf. Anonym und umso schwerer in den Vorwürfen. Aus welcher Richtung dem Pontifex der raue Wind entgegenschlägt, ist unklar. Doch es gibt einen Verdacht.

Rom - Es ist ein Wust an Wut gegen den Papst, der sich in den Straßen von Rom manifestiert. Quer durch die Stadt bis vor die Mauern des Vatikans tauchen am Samstagmorgen Poster auf. Die römische Polizei spricht von mehr als 200 in mehreren Stadtvierteln verteilt, gekleistert an städtische Plakatwände, mit einem Foto eines grimmig dreinblickenden Franziskus. Ohne Hinweis auf den Absender, dafür mit schweren Vorwürfen gegen den Pontifex. Formuliert im römischen Dialekt, als wäre der Argentinier ein Kumpel, nicht der Heilige Vater.

„A France’“ – was so viel heißt wie „He Franz“ –, beginnen die anonymen Autoren der Plakate ihre Botschaft, „du hast die Kongregationen unter Aufsicht gestellt, Priester entfernt, den Malteserorden und die Franziskaner der Immakulata enthauptet, Kardinäle ignoriert . . . Aber wo ist deine Barmherzigkeit?“.

Wer steckt hinter der geheimen Plakataktion?

Das sitzt. Die wenigen Worte stehen für eine Reihe an Kritikpunkten, die immer wieder aus konservativen Kreisen der Kurie verlauten. Italienische Medien spekulieren, dass die Plakataktion aus dieser Richtung gesteuert wurde. In Rom wird fieberhaft nach den Urhebern gesucht.

Eine Touristin macht ein Foto. „Ich verstehe nicht, was da drauf steht, aber mein Freund heißt auch Franz“, sagt sie. Im Vatikan wird man sehr wohl wissen, wie die Poster zu verstehen sind. Sie sind eine Offenbarung des Unmuts gegen Franziskus, der in den eigenen Reihen wächst und wächst. Gegen seinen Reformkurs, gegen sein hartes Durchgreifen im Führungsstreit des Malteserordens, gegen das Fehlen einer Reaktion auf einen offenen Brief von vier Kardinälen.

„Die Fälle, die da ineinander gerührt werden, sind sehr verschieden und haben nichts miteinander zu tun, außer dass der Papst der Handelnde ist“, analysiert der Leiter der deutschen Redaktion von Radio Vatikan, Bernd Hagenkord. „Man kann sich vorstellen, woher es kommt. Es sind diejenigen, welche auf Einhaltung von Regeln achten, wenn der Papst das aber tut, ihn auf Barmherzigkeit hinweisen. Und wenn der Papst barmherzig ist, dann wollen sie die Regeln. Je nach eigener Problemlage.“

Konservative und Reformer ringen um den Kurs der Kirche

Franziskus’ Gegnern sind so einige Dinge ein Dorn im Auge. Seit seiner Wahl zum 266. Bischof von Rom am 13. März 2013 treibt der argentinische Jesuit den interreligiösen Dialog voran, lobt die Reformation, empfängt am Montag (6. Februar) sogar die Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland in Rom.

Er lobt Martin Luther, greift Themen wie die Sexualmoral der Kirche auf, erlaubt in Ausnahmefällen den gebrauch von Kondomen, überlässt es den Bischöfen, das Abendmahl in Einzelfällen auch wiederverheiratet Geschiedenen erteilen zu lassen, macht eine Frau zur Chefin der Vatikanischen Museen. Zuletzt schaltete er sich in den Führungsstreit im Malteserorden ein, jetzt hat er den jahrhundertealten Ritterorden unter Aufsicht gestellt.

Dass seine Marschrichtung nicht nur Wohlwollen findet – darüber ist sich der Papst im Klaren. In seiner Weihnachtsansprache vor der Kurie sprach er gar von offenen, verborgenen und böswilligen Widerständen. Dass er aber einen Brief von vier altgedienten Kardinälen zum apostolischen Schreiben über Familie und Liebe, „Amoris Laetitia“, unbeantwortet ließ, macht den Ärger einiger nur noch größer. Ende 2016 gingen die deutschen Kardinäle Joachim Meisner (83) und Walter Brandmüller (87) sowie die Kardinälen Raymond L. Burke (USA) und Carlo Caffarra (Italien) mit ihren Fragen an die Öffentlichkeit. Andere Päpste hätten einen solchen Affront wohl mit dem Entzug der Kardinalswürde geahndet, hieß es.

Wie soll die Kirche mit wiederverheiratet Geschiedenen umgehen?

Im Kern geht es um die Frage, wie man in der Kirche mit wiederverheiratet Geschiedenen umgehen soll und ob sie anders als bisher in Ausnahmefällen (was Papst Johannes Paul II. noch strengstens untersagt hatte) zur Kommunion zugelassen werden dürfen oder nicht. Der Brief sei ein unglaublicher Vorgang, meinen viele. Von einem „schwerwiegenden Skandal“ sprach Pio Vito Pinto, der ehemalige Dekan der Römischen Rota, einem der höchsten Kirchengerichte. „So einen direkten Angriff von Kardinälen gegen den Papst hat es noch nie gegeben“, sagte der italienische Vatikanexperte Marco Politi. „Und das ist nur die Spitze des Eisberges einer ständig wachsenden Opposition.“

„Die Gegenbewegung ist ein wenig wie die Tea-Party in den USA“, sagt Autor Politi mit Bezug auf die konservative politische Bewegung in Amerika. Dabei geht es längst um mehr als nur um Franziskus’ Amtszeit. „Die Bewegung will Einfluss auf die Entscheidung über einen Nachfolger.“

Kampf um die Nachfolge

Noch ist Franziskus Papst, warum also über einen Nachfolger sprechen? Die Debatte erinnert an die letzten Monate des Pontifikats von Joseph Ratzinger. Franziskus selbst war es, der das Thema Rücktritt schon zu Beginn seiner Amtszeit auf den Tisch gebracht hatte. Auch er könne sich einen solchen Schritt vorstellen, wenn er zu schwach für das Amt werde, hatte er damals gesagt.

Wie gesund oder krank der Papst wirklich ist, ist vatikanisches Staatsgeheimnis. In seiner Jugend musste Franziskus wegen einer Lungenkrankheit ein Teil eines Lungenflügels entfernt werden. Das Mammutprogramm, das er jeden Tag absolviert, deutet nicht darauf hin, dass er schwächelt. Das Geheimnis seiner Energie? Er schlafe wie ein Stein, sagte er unlängst in einem Interview.

Der Papst ist von Traurigkeit und Bedauern erfüllt

Die italienische Nachrichtenagentur Ansa will erfahren haben, dass er mit „Unbeschwertheit und Distanz“ auf die Plakataktion reagiert habe. Der Papst selbst habe gelassen auf die Plakate reagiert, berichtet die Tageszeitung „Corriere della Sera“ unter Berufung auf eine vatikanische Quelle. Franziskus’ Stellvertreter als Bischof von Rom, Kardinalvikar Agostino Vallini, teilte mit, die Poster erfüllten ihn mit „Traurigkeit und Bedauern“.

Wenige Stunden später sind die Poster verschwunden, von der römischen Stadtreinigung entfernt. „Weil sie widerrechtlich aufgehängt wurden“, sagt ein Beamter in Zivil, der mit Kollegen ein Poster nach dem anderen inspiziert. „Da drüben ist noch eins“, sagt er und eilt weiter. Wer in Rom lebt, weiß, dass solche Dinge in der Ewigen Stadt normalerweise ziemlich schleppend laufen. Doch die Kritik überlebt nicht lange. Sie wird einfach weggeschrubbt.

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