Auf vier Rollen in der Stuttgarter City unterwegs: Rollschuhfahrer im Jahr 1979 auf der Königstraße. Foto: Uli Kraufmann

In den 80er und 90er Jahren rollten sie über den Kleinen Schlossplatz oder bretterten die Weinsteige hinunter: Rollschuhfahrer gehörten zur Stuttgarter Jugendkultur. Ein Besuch bei einem ewigen Cruiser.

Stuttgart - „Erinner mich wie wir am kleinen Schlossplatz rum gesessen sind / Ich war 12 und Rollerskater / Cryptos, breite Achsen unter ollen Tretern / Fuhr mit 50 Sachen Downhill und mich hats gebrettert / Hab meinen Arm geschreddert, fuhr erst wieder Wochen später.“

Das sind Reime aus „1ste Liebe“, der Hip-Hop-Ode, die der Rapper Max Herre einst über Stuttgart schrieb. Den Geist, den diese Zeilen vermitteln, Pavlos Tsimprikidis lebt ihn – bis heute. Wenn man den 39-Jährigen in seinem Laden nebst angeschlossener Werkstatt im Stuttgarter Westen besucht, erkennt man auf den ersten Blick, dass das Rollschuhfahren seine Leidenschaft ist. Eine, die er 2008 zum Beruf gemacht hat: Seither betreibt er Rollschuhe.de, einen Onlinehandel für das Lebensgefühl auf vier Rollen.

Vor dem Kartenhäusle übten sie Tricks

„Ich fahre Rollschuh, seit ich denken kann“, sagt Tsimprikidis, der in Botnang aufgewachsen ist. „Meine älteren Brüder haben mich mit zum Kleinen Schlossplatz genommen. Das war Mitte der 80er Jahre.“ Dort war in den 1980ern und 90ern die Stuttgarter Rollerskater-Szene zu Hause. Vor dem legendären Kassenhäusle übten sie ihre Tricks und Sprünge.

„Alle, die ein bisschen besser Rollschuh fahren konnten, sind dort zusammen gekommen“, erinnert sich Tsimprikidis an den Hotspot seiner Jugend. „Dann haben wir Sprünge ausprobiert, über Hindernisse oder Treppen runter.“ Ein Stockwerk tiefer, im früheren Autotunnel unter dem Kleinen Schlossplatz – von den Jugendlichen makabererweise „Gaskammer“ genannt – trafen sich die Skateboarder.

Gern gesehen seien sie nicht gewesen am Kleinen Schlossplatz mit seinem spröden Betoncharme. „Die Leute haben schon Angst bekommen, wenn die Rollschuhfahrer mit Vollspeed angefahren kamen. Die Frauen haben ihre Handtaschen festgehalten“, erzählt Tsimprikidis. „Gefühlt wöchentlich war ein Artikel in der Zeitung über die ‚Rowdies’ vom Schlossplatz.“

Wenn man im Archiv der Stuttgarter Zeitung und Nachrichten gräbt, fördert man tatsächlich Artikel darüber zutage: „Das Erschrecken von Passanten, das Eng-an-ihnen-vorbeiflitzen oder Sehr-kurz-vor-ihnen-abbremsen gehört mit zum Reiz des Rollschuhfahrens“, heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1998.

Einfach übers Polizeiauto gesprungen

Auch Begegnungen mit der Polizei waren keine Seltenheit. Der 39-Jährige erinnert sich noch lebhaft an ein Zusammentreffen mit den Ordnungshütern. Die Polizisten hatten ihr Auto an die Treppen vom Kleinen Schlossplatz gestellt, um ein ernstes Wörtchen mit den „Rowdies“ auf Rollen zu reden. Das flößte einem besonders wagemutigen Fahrer offenbar wenig Respekt ein: „Alex ist zwanzig Stufen gesprungen und übers Polizeiauto drüber. Selbst die Polizisten haben geklatscht.“

Andere suchten den besonderen Kick: Downhill-Fahrten von der Halbhöhe in den Stuttgarter Kessel. Der Dachswaldweg oder auch die viel befahrene Neue Weinsteige waren – und sind bis heute – prädestinierte Abfahrten. „Wir lieben den Geschwindigkeitsrausch“, sagt Tsimprikidis. 85 Kilometer pro Stunde könne man dabei erreichen. Die Polizei drücke heute meist ein Auge zu. „Die tun eher so, als hätten sie uns nicht gesehen.“ Natürlich brettern die Rollschuhfahrer auch nicht zur Hauptverkehrszeit die Weinsteige talwärts. „Sonntagmittag ist eine gute Zeit. Oder zur Fußballweltmeisterschaft – am besten, wenn Deutschland im Finale steht. Dann kann man mit verbundenen Augen da runter fahren.“

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Verletzungen bleiben beim Rollschuhfahren, wie die Gruppe um Pavlos Tsimprikidis es betreibt, natürlich nicht aus. Aufgeschürfte Arme, offene Schienbeine, weggescheuerte Hosen – wahrscheinlich jeder Rollerskater kann die Blessuren aufzählen, die er über die Jahre eingesammelt hat. Bis heute sind Tsimprikidis und seine Freunde ohne Helm oder Knie- und Ellenbogenschützer unterwegs. „Ich will das gar nicht verteidigen. Aber als wir in den 80ern mit Rollschuhfahren angefangen haben, gab es eben noch keine Helme. Und dabei sind wir einfach geblieben.“

Auf Youtube kann man alte Videoaufnahmen vom Kleinen Schlossplatz sehen. Da rollen, springen und chillen (auch wenn das damals noch niemand so nannte) sie – die Jungs und Mädels mit ihren Karottenhosen, den aufgerollten Pulliärmeln und den herrlichen Frisuren, die die 80er hervorgebracht haben. Tsimprikidis kennt sie alle.

Breaker, Rollerskater, Hip-Hoper – im Jugendhaus West kamen alle zusammen

Rollschuhfahrer gehörten zur Stuttgarter Jugendkultur – genauso wie die Sprayer, Breakdancer oder Rapper, die den Stuttgarter Hip-Hop über die Grenzen des Kessels hinaus bekannt machten. In den Jugendhäusern West und Mitte kamen die verschiedenen Gruppen zusammen. Max Herre und sein Freundeskreis, die Massiven Töne – „Alles Freunde von uns. Viele von denen sind auch Rollschuh gefahren“, sagt Tsimprikidis. Und auch Alex Scheffel, besser bekannt als DJ 5ter Ton von den Hip-Hoppern „Massive Töne“, der heute in vielen Stuttgarter Clubs auflegt, erinnert sich: „Mein erster DJ-Mentor, der mir das Auflegen beigebracht hat, war auch in der Rollschuhfahrerszene aktiv. Die waren zwei, drei Jahre älter als wir und wir sind zum Kleinen Schlossplatz gekommen, um ihnen zuzuschauen.“

Ähnlich wie die Kolchose im Hip-Hop hatten auch die Stuttgarter Rollschuhfahrer Sendungsbewusstsein. „Wir haben viel rausgetragen.“ Rollschuhmeisterschaften führten die Stuttgarter bis in die Schweiz und Frankreich – „Da wollten alle die verrückten Deutschen sehen.“ Schließlich waren die Schwaben dank der Topografie ihrer Heimatstadt die versiertesten und wagemutigsten Downhiller.

Das Ende der goldenen Rollschuh-Zeit in Stuttgart kam Ende der 1990er. „Da war dann plötzlich der Inliner modern – und der Rollschuh ist ausgestorben.“ Die Firmen stellten keine Rollschuhe mehr her, es gab keine Ersatzteile mehr. Dabei ist Tsimprikidis überzeugt: Inliner können mit Rollschuhen nicht mithalten. „Es geht ums Feeling, ums Cruisen. Ein Inliner ist ein Skistiefel, komplett starr.“ Auch er, gesteht der 39-Jährige, sei den Rollschuhen eine Zeit lang untreu geworden: „Mit 17, 18 fand ich das auch nicht mehr so cool.“

Rollschuhverkäufer im Hauptberuf

Doch die Abstinenz dauerte nicht lange. 2008 brachte seine Liebe zum Rollschuh Pavlos Tsimprikidis zu einer Geschäftsidee. Als er sich neue Rollschuhe zulegen wollte, fand er in keinem Sportgeschäft welche. „Schließlich habe ich meine alten Rollschuhe aus dem Keller geholt. An dem Tag haben mich bestimmt 50 Leute gefragt: Wo hast du die her? So ist die Idee entstanden.“ Er sicherte sich die Domain Rollschuhe.de.

Inzwischen ist Tsimprikidis Rollschuh-Einzelhändler im Hauptberuf. Er hat Kunden in der ganzen Welt. „Sie schätzen die Qualität. Alles, was wir verkaufen, haben wir selbst getestet.“ Der 39-Jährige kann aus jedem Schuh einen Rollschuh bauen. Sonderwünsche inklusive: In seinem Laden im Souterrain eines Hauses in der Ludwigstraße gibt es Rollen in allen Farben des Regenbogens. Bis zu 750 Euro kann man für Profi-Rollschuhe hinblättern.

Die Stuttgarter Rollschuhszene erlebt seit ein paar Jahren ein kleines Revival. Sonntags trifft man sich um 14 Uhr am Finanzamt. Dann werden Sprünge und Kunststücke probiert und anschließend durch die City gecruist. „Da sind viele von der alten Gruppe dabei – auch wenn sie inzwischen über 50 sind.“ Rafften die Damen früher ihre Handtaschen, wenn ein Rollerskater nahte, sind die Reaktionen heute viel freundlicher, wenn Pavlos Tsimprikidis vorbeirollt: „Wenn ich die Straße runterfahre, lächeln mich alle an und viele werden ganz nostalgisch: ‚Boah, das bin ich auch mal gefahren.’“

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