Da geht noch immer was! Die Herren Ron Wood, Mick Jagger, Charlie Watts und Keith Richards (von links) bei ihrem Auftritt in Berlin am vergangenen Wochenende Foto: AFP

Stuttgart fiebert dem Auftritt der Rolling Stones in der Mercedes-Benz-Arena am Samstag entgegen. Dale Skjerseth, der Production Manager der Band, hat vorab über Mythen und Wahrheiten rund um die Kultband gesprochen.

Stuttgart - Seit über zwanzig Jahren arbeitet der Skandinavier Dale Skjerseth für die Rolling Stones. Und im Gegensatz zu seinen vier Chefs plaudert er gern über die Tour und ihre Geheimnisse.

Herr Skjerseth, zunächst einmal ein kurzer medizinischer Check: Wie fit sind die Jungs? Und inwiefern ist das bei so einer Tour ein Thema?
Oh, sie sind fitter als ich! Bei Weitem! (lacht) Und deshalb ist das auch nach wie vor kein Thema – also es gibt keine gesundheitlichen Bedenken oder Probleme irgendeiner Art. Im Gegenteil, ich habe sogar das Gefühl, dass sie heute besser drauf sind als in den 90ern, als ich angefangen habe, für sie zu arbeiten. Das ist wirklich so – ich schwöre. (lacht) Von daher sind sie nicht nur bereit für diese Auftritte, sie können es kaum erwarten, bis sie endlich wieder vor ihren Fans stehen.
Dann ist die Musik der Stones so etwas wie ein Jungbrunnen?
Ja, aber mehr für sie als für mich.
Was ist das Besondere an dieser Tour?
Eigentlich ist das Besondere allein die Tatsache, dass die Stones das wirklich noch einmal machen. Und mit ihnen unterwegs zu sein ist ohnehin etwas Einmaliges, ganz anders als mit anderen Bands. Es ist etwas Großartiges, eben ein richtiger Kick. Im Grunde müsste ich sie dafür bezahlen, aber nicht sie mich.
Hat sich die Bühnenproduktion der Band in den letzten 24 Jahren, die Sie dabei sind, verändert?
Es ist mehr fokussiert auf die Performance an sich, auf die Musik. Und nicht mehr so sehr auf die Spezialeffekte oder den Showteil. Klar, haben wir große Video-Bildschirme, die gigantisch sind – so hoch wie ein Mehrfamilienhaus. Aber alles andere wie die Beschaffenheit der Bühne, das Licht und die Pyrotechnik sind im Grund sehr minimalistisch und simpel. Und diesen Ansatz verfolgen wir seit 2012, als wir anfingen, das Drumherum deutlich zurückzuschrauben und andere Schwerpunkte zu setzen, nämlich hörbare. Die Band fand es wichtiger, das Optische auf ein Minimum zu reduzieren und sich stattdessen auf einen besseren Sound zu konzentrieren – auf eine Abbildung dessen, was auf der Bühne passiert.
Also keine aufblasbaren Monstrositäten mehr?
Nein, nichts zum Aufblasen. Das haben wir hinter uns. Es ist wirklich alles sehr bodenständig. Aber es ist immer noch eine große Produktion, keine Frage.
Geht bei den Stones gar nichts schief? Ist alles so perfekt, so harmonisch und so eingespielt?
Natürlich laufen auch mal Dinge falsch. Aber die Kunst ist eben, das so zu kaschieren, dass es nicht alle mitkriegen. Genau das ist mein Job. Und da bin ich wie ein guter Koch – wenn etwas mal nicht so gut ist, tue ich alles, um es irgendwie zu retten. Meistens gelingt mir das auch – in 99,9 Prozent aller Fälle.
Was macht die Band in den Stunden vor dem Auftritt?
Sie bereitet sich intensiv vor. Sie wählt die Klamotten für die Bühne aus, kümmert sich um Haar und Make-up und spielt sich warm, also nichts Außergewöhnliches. Und sie bereitet sich mental vor – die Jungs hängen zusammen ab, reden, haben Spaß und grooven sich ein.
Was ist mit dem legendären Billardtisch?
Den gibt es nicht mehr. Und wir haben auch keine Lounge mit speziellen Möbeln mehr. Darüber liest man zwar ständig, aber das haben wir schon vor Jahren aufgegeben, um weniger Ballast zu haben. Das zeigt, dass sich auch die Stones verändern, und zwar im positiven Sinne. Für mich sind sie wie ein guter Wein, der in Würde gereift ist, denn das, was sie heute abliefern, klingt und schmeckt viel besser als früher.
Wie sieht es Backstage aus?
Jedes Bandmitglied hat seinen eigenen Raum, um sich zurückziehen zu können. Und der ist nach ihren individuellen Wünschen eingerichtet. Also egal, was es ist – wir haben es immer dabei. Aber es ist längst nicht so aufwendig, wie man vermutet. Ihnen geht es in erster Linie darum, ein bisschen Privatsphäre zu haben und sich nicht die ganze Zeit in einem völlig überlaufenen Bereich aufhalten zu müssen.
Stimmt es, dass die Band es sich nicht nehmen lässt, ihren Soundcheck immer noch selbst zu bestreiten, was heutzutage alles andere als üblich ist?
Yep, das ist ihnen wichtig. Und sie nutzen das nicht nur, um die Anlage und das Equipment zu testen, sondern auch, um immer neue Songs auszuprobieren, die sie vielleicht irgendwann ins Set integrieren wollen. Das ist so etwas wie ihr Ritual, und dafür nehmen sie sich Zeit. Normalerweise sind sie fünf Stunden vor Beginn der Show vor Ort. Das ist ihnen wichtig. Und sie mögen es nicht, unter Zeitdruck zu stehen oder gedrängelt zu werden. Das ist nicht ihr Ding, und das schätze ich an ihnen, weil es meinen Job ebenfalls leichter macht. Im Sinne von: Ich kann mich auf sie verlassen und muss mir keine Sorgen machen – ganz im Gegensatz zu anderen Künstlern, die ich kenne.
Wann steht die Setliste der Band? Wie spontan sind Mick & Co.?
Die Show hat eine feste Struktur – es kann höchstens sein, dass sie am Anfang oder am Ende etwas ändern und ein paar Sachen in der Mitte umstellen. Das kommt vor, und zwar regelmäßig. Wobei sie aber immer die Sachen beibehalten, von denen sie wissen, dass die Leute sie unbedingt hören wollen. Da sind sie ziemlich verantwortungsvolle Dienstleister.
Die bereits in den späten 80ern ihren Abschied von der Bühne verkündet hatten, aber immer wieder rückfällig wurden. Wie lange werden Sie das Ihrer Meinung nach noch machen? Und ist die Mär von der letzten Tour mittlerweile so etwas wie ein Running Gag?
Nein, das ist kein Witz. Und sie selbst haben nie gesagt, dass sie aufhören – nicht ein einziges Mal. Das sind nichts weiter als Gerüchte und Vermutungen, die von außen an die Band herangetragen werden. Und ich glaube auch nicht, dass es je so weit kommen wird. Ich meine, das ist ihre Band und sie ist populärer denn je – warum also aufhören? Und warum gerade jetzt?
Demnach machen sie weiter, bis man sie im Sarg von der Bühne trägt – in der Manier der alten Blues-Musiker?
Das würde ich so unterschreiben. Aber selbst, wenn sie irgendwann nicht mehr können oder aus irgendeinem Grund aufhören müssen: Die Musik der Stones wird ewig weiterleben, denn sie macht Spaß und sorgt für gute Laune. Ich höre sie sogar im Büro und auch privat – obwohl ich mich jeden Tag beruflich damit befasse. Das sagt doch alles. Ich denke, dass sie längst unsterblich sind und so lange weitermachen werden, wie sie nur können. Ich wüsste nicht, was sie daran hindern sollte.
Zumal Sie nach einem Popularitätsknick in den 90ern und frühen 2000ern wieder extrem angesagt sind?
Wenn man sich das Publikum anschaut, dann sind da Großeltern mit ihren Enkeln – und allem dazwischen. Es ist eine generationsübergreifende Sache, und es ist nicht reine Nostalgie, sondern immer noch aktuelle, zeitgemäße Rockmusik. Deshalb sollte man sich das unbedingt anschauen, wenn man die Gelegenheit dazu hat. Das gilt insbesondere für jüngere Bands, denn sie werden erkennen: Jesus, ich sollte meine Hosen hochziehen und so spielen wie diese alten Typen da oben.
Hand aufs Herz: Wie viel Sex und Drugs sind bei den Stones heute noch im Spiel?
Na, was meinen sie? Ich glaube nicht, dass sie noch irgendwelchen Blödsinn machen – oder zumindest habe ich sie noch nie dabei überrascht. Die Zeiten dürften endgültig vorbei sein.
Zum Schluss noch eine Frage zu den Ticketpreisen, die auch für diese Tour astronomisch sind: Wo liegt die Schmerzgrenze?
Sorry, aber das ist nicht mein Terrain. Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass es sich um Angebot und Nachfrage handelt: Wenn die Stones nicht gut wären, also wenn sie das Geld nicht wert wären, wären die Stadien bestimmt nicht so voll, wie sie das aktuell sind. Sie müssen also etwas richtig machen.

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