Mick Jagger tänzelt so beweglich über die Bühne wie eh und je. Foto: AP

Zusammen sind die vier Herren 293 Jahre alt. Dennoch flimmern nach ihrem Tourauftakt die Worte „Bis bald“ über die Videoleinwände. Und das Hitfeuerwerk der Rolling Stones wirkt so lebendig wie eh und je.

Hamburg - Wie Mick Jagger, ehemals ein Student der Wirtschaftswissenschaften, die Theorie in die Praxis umzusetzen vermag, das hätte seine einstigen Dozenten gewiss erfreut. 123 Euro kostet ein Sitzplatz auf der Tribüne im hintersten Eck des von 750 Helfern eigens für diesen Anlass errichteten Konzertareals im Hamburger Stadtpark, weiter vorne werden astronomische Preise fällig, ganz weit vorne sogar abartige: Achthundert Euro müssen für die Luxustickets direkt vor der Bühne hingelegt werden – für Stehplätze wohlgemerkt. Da fallen die sechs Euro für eine Cola oder die vierzig Euro für ein Stones-T-Shirt vom Merchandisingstand auch nicht mehr ins Gewicht. Die Rolling Stones live zu sehen ist ein in jeder Hinsicht exklusives Vergnügen.

Aber die Nachfrage ist da. Nur eine Stunde hat es gedauert, dann waren sämtliche 82000 Tickets für den Auftritt weg, mit dem das britische Quartett am Samstagabend seine Europatournee eröffnet hat. Auch das sprengt alle Dimensionen.

Zusammen sind die vier Herren 293 Jahre alt

Wenn sich die größte Rockband der Welt die Ehre gibt, wollen eben alle dabei sein. Weil es das erste Mal seit vielen Jahren ist. Weil es ohnehin schon unerwartet kam, dass die Rolling Stones zunächst – im vergangenen Dezember – ein neues Album vorgelegt und sich anschließend nochmals zu dem aufgerafft haben, was jahrelang ausgeschlossen schien: nämlich auf Tour zu gehen. Oder aber, weil diese vier sowieso nicht allzu reisefreudigen Herren zusammen 293 Jahre alt sind, nach 55 Jahren Berufstätigkeit eh längst das Renteneintrittsalter erreicht haben und es diesmal tatsächlich das allerletzte Mal sein könnte.

Doch wer weiß! Die Worte „Bis bald“ werden am Ende eines langen Konzertabends auf die vier Videowände hinter der Bühne projiziert, die hochhausgroß sind und dies auch sein müssen, damit die hundert Meter entfernt sitzenden Besucher auf den „billigen“ Plätzen überhaupt die Gewissheit haben, dass die stecknadelkopfgroß ganz weit vorne zu erahnenden Menschen tatsächlich und leibhaftig die Rolling Stones sind. Ein echtes Liveerlebnis geht anders, könnte man meinen; doch dem ist gar nicht so. Die Videoregie ist vorzüglich, gekonnt werden alle Bandmitglieder in Szene gesetzt. Die Stimmung im buchstäblich wie im übertragenen Sinne reifen, weil dem Anlass angemessen euphorischen und doch sehr fachkundigen Publikum, ist bestens. Es ist weit mehr als eine durch ein halbes Jahrhundert musikalische Sozialisierung zusammengeschweißte Schicksalsgemeinschaft, die pflichtschuldig nur zusammengekommen ist, um ein letztes Mal Tribut zu zollen und die sich jetzt angesichts der enormen Eintrittspreise selbstvergewissernd gute Laune einreden muss. Die Wiedersehens- und Hörensfreude ist bei den Zuschauern spürbar.

Das Hamburger Konzert ist weit mehr als nur ein Pflichtübung

Und die Rolling Stones, sie bieten auch weit mehr als nur eine Pflichtübung. Einerseits präsentieren sie natürlich – wer hat, der hat! – einen nicht enden wollenden Abend voller Welthits. „Sympathy for the Devil“, „It’s only Rock’n’Roll (but I like it)“ und „Tumbling Dice“ heißen die drei Kracher zum Auftakt, „Start me up“, „Brown Sugar“ und „(I can’t get no) Satisfaction“ die drei Großerfolge zum Abschluss des bald zweieinhalbstündigen Konzerts. Dazwischen gibt’s reichlich mehr aus dieser Güteklasse, „You can’t always get what you want to“, „Paint it black“, Honky Tonk Women“, Midnight Rambler“ oder „Street fighting Man“ etwa. Dazu, ein bisschen erwartbar natürlich, Reminiszenzen an den Blues von ihrem aktuellen Coveralbum, Huldigungen an Größen wie Jimmy Reed, die es – kaum zu glauben – schon gab, als die Stones noch nicht da waren. Dazu hervorragend vorgebrachte Perlen wie „Out of Control“ und zwei Songs, die Keith Richards singt. Auf vorab ausloteten Publikumswunsch hin wird erstmals seit über einem Jahrzehnt „Under my Thumb“ wieder live gespielt, ausgegraben werden zudem echte Raritäten wie „Play with Fire“ (zuletzt vor knapp dreißig Jahren im Repertoire) und „Dancing with Mister D“ (zum ersten Mal seit über vierzig Jahren auf der Rechnung).

Angenehm wird so das Hitfeuerwerk aufgelockert, künstlerisch wertvoll klingt alles, klug eingebaut bekommen gegen Ende auch die beiden seit Jahrzehnten in der Begleitband tätigen Stammkräfte ihre Soloeinlagen, Darryl Jones am Bass und Chuck Leavell an den Keyboards. Abgesehen von ein paar Schnitzerchen wird von allen Beteiligten toll musiziert, die reichlich bekannten Lieder bekommen in ihren Liveinterpretationen feine neue Kleider verpasst, die den Wiedererkennungswert sichern und trotzdem gelungene Akzente setzen.

Am Ende liest man auf der Videowand: „Bis bald!“

Zur Zugabe folgen schließlich, nicht dass noch etwas aus dem Kanon vergessen wird, „Gimme Shelter“ und „Jumpin‘ Jack Flash“, dann leibhaftig in den Himmel geschossen ein kleines Feuerwerk – und eben der Schriftzug „Bis bald“. Bis bald? Auf der Bühne geben sich die Stones wie schon vor zehn oder zwanzig Jahren, nicht nur optisch zeigen sich die vier Musiker, die mittlerweile alle über Siebzig sind, nahezu unverändert. Ron Wood agiert gewohnt lebhaft an der Gitarre. Keith Richards als sein Gegenpart wirkt extrem in sich ruhend, fast schon kontemplativ. Charlie Watts gibt sich in artig geknöpftem weißem Hemd wie üblich verhalten, bei der Bandvorstellung tritt der Schlagzeuger fast schon schüchtern an den Bühnenrand. Mick Jagger tänzelt beweglich wie eh und je über die fußballfeldbreite Bühne, mit nach wie vor laszivem Hüftschwung und mit mehr Umkleidepausen, als sich Pink oder Lady Gaga für gewöhnlich gönnen. Gut aufgelegt ist er obendrein, munter brabbelt er auf Deutsch dahin, gipfelnd in der launigen Ansage, dass die Stones Hamburg als Startort dieser Tournee auswählten, weil ihnen ein paar Freunde aus Liverpool geraten hätten, dass man hier seine Karriere besonders gut in Gang bringen könne. So viel zur vermeintlichen Rivalität mit den Beatles, so viel auch zur Altersweisheit einer Band, die längst gelassen zurückschauen kann.

Vierzehn Konzerte in neun europäischen Ländern haben sich die Stones auferlegt, zwei davon – am Dienstag in München, am 9. Oktober in Düsseldorf – noch in Deutschland. Das wirkt wohldosiert. Dennoch wird das Quartett allein am Ende dieser Tour vor über einer halben Million Menschen gespielt haben, die – wenn’s überall so überzeugend wie in Hamburg läuft – allesamt gewiss gerne schon am Tag darauf anfangen, auf Eintrittskarten für die kommende Tournee zu sparen. Ob’s dazu kommt, liegt in der Hand einer Band, die allerdings auf keinen Fall den Eindruck erweckt, dass auf dieser Tournee der letzte Vorhang fällt.

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