Roland Ostertag neben seinem 5,5 auf 5,5 Meter großen Stuttgart-Modell Foto: Jan Reich

Er gilt als Mahner der Stadtentwicklung, äußert sich auch in den Stuttgarter Nachrichten immer wieder kritisch zu Themen wie Stuttgart 21 oder zur Vernachlässigung des Neckars. An diesem Freitag wird der Architekt Roland Ostertag 85.

Stuttgart - Herr Ostertag, lieben Sie Stuttgart – eine Stadt mit dieser herrlichen Lage?
Mit der Lage haben Sie recht. Das wird auch in meinem neuesten Buch so stehen, das im April herauskommt. Der erste Teil des Titels heißt „Zauber der Topografie“. Dann muss aber noch eine kritische Ergänzung kommen, ein schärferer zweiter Satzteil – aber den verrate ich noch nicht, das soll eine Überraschung werden. Ansonsten gibt’s keine Zweifel an meiner Liebe zur Stadt. Ich möchte Stuttgart zurückverhelfen zu ihrer früheren Schönheit. Da muss man sich zwar täglich an Niederlagen abtrainieren. Aber die Stuttgarter haben ein Recht auf eine schöne, menschenwürdige, lebenswerte Stadt. Deshalb sind meine kritischen Anmerkungen letztlich eine Liebeserklärung eines Stuttgarters an Stuttgart.
Einer Stadt mit dem Rössle als Wappentier . . .
Ja, aber das trifft schon lange nicht mehr zu: Ein Maulwurf wäre viel passender oder ein Abrissbagger. Stuttgart ist die Stadt mit den meisten Unterführungen – aber Menschen sind nicht Ratten, die untendurch müssen. Der Stadtboden gehört allen, nicht nur den Autos wie derzeit. Vor einigen Jahren gab es eine Werbebroschüre der Stadt mit einem Jungen, der ein Lenkrad in den Händen hält. Klar, die Kinder kommen hier schon mit dem Steuerrad zur Welt. Dabei habe ich gar nichts grundsätzlich gegen Autos, ich fahre ja selber. Aber es darf doch keine Vorherrschaft des Autos über alles andere geben.
Eigentlich müssten Sie doch schwer frustriert sein angesichts dessen, was alles schiefläuft?
Ach, ich halte es mittlerweile mit der Überschrift „Tagebuch einer Schnecke“. Es geht langsam voran, man darf nicht verzweifeln. Aber sicher, die Stuttgarter Sünden, die ich auch in meiner Architektur-Ausstellung „Stuttgart: Woher? Wohin?“ hier auf dem Gähkopf präsentiere, können schon an einem nagen. Sinnlose Einkaufstempel, trostlose Plätze. Wenn Sie etwa an den Österreichischen Platz denken – ein Schandfleck. Ich sage immer: Was haben die Österreicher uns getan, dass wir diesen Platz nach ihnen benennen? Stuttgart ist eine reiche Stadt ohne Vision, ohne Identität. Ich kenne Stuttgart noch mit der kompletten Zerstörung des Neuen Schlosses zum Ende des Zweiten Weltkriegs, da war ich 14. Aber was hier auch später noch alles abgerissen wurde, etwa die alte Stadthalle, die in den 50er Jahren dem Süddeutschen Rundfunk weichen musste, bis zu den heutigen Zerstörungen im Zuge von Stuttgart 21, zum Beispiel der Amputation des Hauptbahnhofs.

Der Geist der Stadt

Immerhin, manches konnte dank Ihres Einsatzes auch gerettet werden.
Das trifft zu, etwa beim Neuen Lusthaus. Da hieß es in einem Brief aus dem Landes-Finanzministerium: „Lassen Sie die Ruine doch in Würde sterben.“ Da kann man nur den Kopf schütteln, aber das ist der Geist der Stadt. Ebenso beim Alten Schauspielhaus. OB Manfred Rommel war gar nicht damit einverstanden, dass wir so auf die Renovierung, die 1984 beendet war, gedrängt haben. Eigentlich wollte die Stadt dort eine Hochgarage oder ein Kaufhaus errichten.
Dass das geklappt hat, macht Sie schon stolz?
Das möchte ich nicht verhehlen. Ebenso wie das Bosch-Areal in Stuttgart oder das Rathaus in Kaiserslautern. Von 1956 bis 2008 war ich selbstständiger freier Architekt, in der Zeit sind 70 Bauvorhaben geplant und realisiert wurden. Neun Bauten im In- und Ausland wurden unter Denkmalschutz gestellt – das sind, und darauf bin ich durchaus stolz, mit Abstand die meisten unter Denkmalschutz stehenden Projekte eines Architekten in Baden-Württemberg.
Ein zentrales Thema für Sie ist das Wasser?
Natürlich. Das Gold, das Silber, das Wasser muss in unserer Stadt nicht neu erfunden werden. Es ist vorhanden, es ist von uns Menschen in den Untergrund verbannt worden. Doch diese versunkene Welt muss wiedererweckt, an die Oberfläche geholt werden – so wie wir ein Realisierungskonzept für den Neuen Nesenbach entwickelt haben. Oder der Neckar mit seinen abgeschotteten Ufern. „Betreten strompolizeilich verboten“, heißt dort die Parole. Doch die Uferzonen gehören von den Betonmauern befreit. Was Heidelberg kann, können wir doch auch. Oder der Wasen: Da gibt’s das Frühlingsfest und das Cannstatter Volksfest, dann an den Rändern mal einen Zirkus – und ansonsten liegt er zehn Monate brach, mitten in der Stadt, direkt am Neckar, ein trostloser Bereich.
Sie sind Stuttgarter durch und durch und waren doch von 1969 an fast 30 Jahre lang Professor in Braunschweig. Haben Sie da als Schwabe nicht ein wenig gefremdelt?
Keineswegs. Klar wurde in den Vorlesungen meine schwäbische Tönung registriert. Aber ich sage immer: Schimpf ja nicht über die Norddeutschen. Gerade in den dortigen Hansestädten herrscht bis heute ein offenes Klima. Stuttgart war nie eine Messe-, eine Handels-, eine Freie Reichsstadt, sondern immer eine kleine Residenzstadt. Diese hat sich in wenigen Jahrzehnten enorm entwickelt, 1850 waren es 30 000 Einwohner, 1913 zehnmal so viele – Menschen, die von außen kamen, weil sie Arbeit fanden. Der Grund, warum Stuttgart so eine Abrissstadt ist, ist aus der Historie erklärbar. Hier hat sich nur ein bescheidenes bürgerliches Selbstbewusstsein entwickelt. Da legt man weniger Wert auf den Erhalt der Vergangenheit – und ich denke, das spielt bis heute eine Rolle.

Sozialdemokrat seit 60 Jahren

Wenn wir in Ihrer Biografie zurückblicken, sehen wir, dass Sie vor 60 Jahren Sozialdemokrat wurden.
Ja, aber zuvor war ich noch drei Jahre im Vorstand der von Gustav Heinemann gegründeten Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) in Württemberg, zusammen mit meinem Freund Erhard Eppler. Deren Erfolg war bei Wahlen mäßig, und wir wollten keine Sekte werden. So bin ich am 15. Januar 1956 der SPD beigetreten, mittlerweile also seit 60 Jahren Parteimitglied. Damals waren 40 Prozent der Stimmen noch die untere Grenze. Jetzt liegen die letzten Umfragen für die Landtagswahl bei 15 Prozent – ein Trauerspiel. Doch ich habe schon im vergangenen Jahr bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gesagt: Ich bin vor allem Sozialdemokrat und erst in zweiter Linie SPD-Mitglied.
Außerdem waren Sie als junger Mann aktives Mitglied der Akademischen Fliegergruppe der Stuttgarter Hochschule.
Auf dem Gelände der heutigen Uni-Gebäude K I und K II standen damals, 1952, Baracken, in denen Sport-, Kultur- und Freizeitgruppen drin waren. Für die Fliegergruppe musste man 100 Pflichtstunden basteln, so habe ich die ersten Segelflugzeuge gebaut. Dann durfte man mit einem anderen Flieger, dem Schulgleiter SG 38, einem Rutschgleiter mit Schienen, in die Luft gehen. Dieser Anfängerflieger wurde mit Gummiseil und einer Winde hochgezogen, dann ausgeklinkt, und man ist geflogen und den Hang runter wieder auf den Kufen gelandet. Das ging etwa 200 Meter weit und dauerte eine Minute – wenn ich mich recht erinnere, war das in der Nähe von Schwieberdingen.
Vom jungen Mann zum Senior. Der 85. wird groß gefeiert?
Nein, das bleibt im kleinen, privaten Rahmen mit 30 Gästen, mein alter Wegbegleiter Erhard Eppler ist auch dabei, nur einer hat krankheitsbedingt abgesagt. Zum 80. war’s größer, mit 300 Gästen im Theaterhaus, aber jetzt ist es ja kein runder Geburtstag.
Na, dann halt wieder zum 90. – dann, 2021, soll ja auch Stuttgart 21 fertig sein.
Na, daraus wird doch nichts. Wenn die Bahn im bisherigen Tempo weitermacht wie die letzten Jahre, wird der Tiefbahnhof frühestens 2030 fertig.
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