Einst ein Vorbild für die Villen eines selbstbewussten Bürgertums, heute ein Sanierungsfall: Die in Stuttgarts Osten gelegene Villa Berg. Foto: Leif Piechowski

Stuttgart besitzt mit dem Park und der Villa Berg ein Kleinod, ein Juwel, letzte Perle in der Perlenkette der Parkanlagen vom Schloss bis zum Neckar – doch wie an anderer Stelle auch ist man sich aus Sicht unseres Gastautors Roland Ostertag dieser Qualitäten nicht bewusst.

Auf einer Anhöhe, dem„Höllschen Brühl“, finden sich Park und Villa Berg. Der Park war ehemals streng auf die Achsen der Villa bezogen, die keine Rückseiten und Hauptfassaden aufwies, als allseits orientierter Kubus realisiert war. Friedrich Neuner, der letzte königliche Hofgärtner, hatte diesen Park entworfen. Als Gefüge unterschiedlichster architektonischer und gärtnerischer Elemente wie Orangerie, Gewächshäuser, Pergolen, Statuen, Denkmäler, Springbrunnen, Wasserfall und Orchideenhaus.

Die Villa hatte der Architekt Christian Friedrich Leins (1814–1892) für den Kronprinzen geplant, den späteren König Karl I. (1823–1891). Ein typischer Bau des 19. Jahrhunderts, des Historismus, der römischen und toskanischen Renaissance. Damit wurde der klassizistische Baustil Stuttgarts, verbunden mit Namen wie Salucci (1769–1845) und Thouret (1767–1845), Anfang des 19. Jahrhunderts abgelöst. Leins prägte mit vielen Bauten das Gesicht Stuttgarts. Zu nennen sind Königsbau (1856–1860), die alte Liederhalle (1863–1865), einige Bauten des Polytechnikums, der heutigen Universität (1875–1879), Johannes-Kirche (1864–1879).

Die Villa Berg, diese kronprinzliche höfische Neo-Renaissance-Villa wurde Vorbild und Prototyp für viele städtische Villen der neuen bürgerlichen wohlhabenden Oberschicht bis Ende des Jahrhunderts. Durch Krieg und Abriss wurden die meisten beseitigt, wenige stehen noch an der Johannes-, der Reinsburg- und der Rotebühlstraße.

Park und Villa Berg waren mit ihren Rundblicken und Bezügen auf die Stadt ein weit über seine unmittelbare Umgebung ­hinauswirkendes, räumlich-architektonisches Ordnungselement.

Als einzige Perle in der Perlenkette vom Schloss bis zum Neckar gehörten Park und Villa Berg nicht zum Krongut, ging der einstige kronprinzliche Landsitz in den Privatbesitz der prinzlichen beziehungsweise königlichen Töchter Olga und Elsa über. 1912 erwarb die Stadt das gesamte Anwesen. Der damalige Oberbürgermeister Karl Lautenschlager setzte sich vehement dafür ein, wohl wissend, dass dieses Prachtstück auch seiner Stadt zusätzliche Attraktivität verleiht. Derselbe OB, der sich 15 Jahre später wieder im Interesse der Stadt dafür einsetzte, dass die Weißenhof-Siedlung zustande kam und nach Ausstellungsschluss 1927 in den Besitz der Stadt überging. Lautenschlager wurde 1933 von dem Nazi-OB Karl ­Strölin abgelöst.

Villa brannte im Jahr 1944 aus

Von 1920 an wurde die Villa für städtische, für öffentliche Veranstaltungen, als Städtische Gemäldegalerie benutzt, der Park in einen „Volks- und Ausstellungspark“ „besucherfreundlich“ umgestaltet, leider dabei „vereinfacht“, kommerzialisiert, banalisiert.

Bei Luftangriffen wurde 1944 die Villa schwer getroffen, sie brannte aus. Pergolen, Orangerie, Gewächshäuser verschwanden. Der Baukörper, die Fassaden blieben im Wesentlichen erhalten, der Park blieb weitgehend verschont.

Leider gab es 1950 einen Tausch zwischen dem späteren Süddeutschen Rundfunk (SDR) und der Stadt: Es handelt sich um die Silberburganlagen und die Karlshöhe: dort sollte in der Nazi-Zeit der „Reichssender Stuttgart“ gebaut werden. Der spätere SDR erhielt nun Villa und Park in diesem Tauschgeschäft – ohne Verpflichtung des Erhalts der denkmalgeschützten Villa und des Parks.

Nun begann eines der schlimmsten Kapitel des Wiederaufbaus der Nachkriegsgeschichte Stuttgarts. Der SDR plante und baute ohne Rücksicht auf die Geschichte der Anlage Studios, Sendeanlagen, ein siebengeschossiges Verwaltungsgebäude und eine fragwürdige Tiefgarage in den Park. Beim Einbau eines Sendesaals in die ausgebrannte Villa wurde auch deren Äußeres erheblich verändert, „bereinigt“.

Die charakteristischen belvedereartigen Ecktürme, die historischen Flügel und Anbauten wurden vollends beseitigt, die Parkanlagen durch Tiefgarage und andere Eingriffe bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, die Sichtachsen und Bezüge beseitigt. Die Stadt wiederum bediente sich des Parks als Bauland­reserve, etwa durch den Einbau des Wirtschaftsgymnasiums Ost. Er wurde von fast 25 auf 18 Hektar reduziert. Gegen diese massiven Eingriffe in das Gedächtnis der Stadt wehrten sich damals Stuttgarter ­Bürger und auch unsere Zeitung, die einen „Bürgerentscheid“ und den authentischen Wiederaufbau der Villa forderte. Doch ohne Erfolg.

Meine und vieler älterer Stuttgarter positive Erinnerungen an Park und Villa Berg bestehen im Angebot und den Besuchen hervorragender Konzerte und Veranstaltungen im von Egon Eiermann in die Villa eingebauten und denkmalgeschützten Sendesaal. Ein Ort der Experimente, der Zukunft, der Aufgeschlossenheit, von Überraschungen. Was geschah da nicht alles?

Der Spaziergang führt nirgendwo hin

Aus der Literatur, auf dem Weg zur Villa Berg, begegnete einem in der Neckarstraße der irische Nobel-Preisträger Samuel Beckett. Bei Veranstaltungen Alfred Andersch mit seiner „talentierten Genietruppe“, Helmut Heißenbüttel, der junge Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Johannes Poethen. Klassische, romantische, moderne, zeitgenössische, experimentelle, innovative Musik wurde angeboten. Man traute sich vieles, alles, war unerschrocken. Man bot ein Spiegelbild unterschiedlicher, heterogener Stile in allen Kunstgattungen, im Hörfunk ebenso wie beim beginnenden Fernsehen. Das Öffentlich-Rechtliche lebte seine Freiheiten, Mittel und Möglichkeiten.

Seit dem Auszug des Senders in seine neuen Gebäude an der Kuhn-/Camererstraße werden Villa Berg und umliegende Gebäude nur noch wenig benutzt. Man versucht, diese „heruntergekommene Vornehmheit“ an Interessenten zu verkaufen. Obwohl unter Denkmalschutz, hält die Denkmalpflege die Anlage, Park und Villa „für nicht bedeutend“. Einmal weil das Gebäude aus dem in manchen Kreisen immer noch kunsthistorisch-wissenschaftlich fragwürdigen 19. Jahrhundert stammt. Zum anderem, weil es in Teilen nicht mehr original ist, durch Krieg und Wiederaufbau Teile auch aus ­jüngeren Zeiten aufweist.

Ein Gang durch Park und Villa gerät zu einem nachdenklich stimmenden, einem traurigen, einem beschämenden Spaziergang durch Stuttgarts Geschichte. Missachtung des Gedächtnis der Stadt, Besichtigung einer „zivilisatorischen Katastrophe“, eines unendlichen Fortschritts in den Verlust. Der Zustand von 1949 ist wiederhergestellt – wie eine Ruine von einem Bauzaun umgeben, Fenster im Erdgeschoss mit Brettern zugenagelt. Ein Stück Stadt, das einmal viel zu ­sagen hatte, spricht nicht mehr, ist namen-, charakterlos geworden. Der Spaziergang führt nirgendwo hin.

Aus dem Spaziergang ergibt sich aber auch die Forderung, dieses Kulturdenkmal, Park und Villa Berg, wieder zum Sprechen zu bringen. Die Villa Berg und Teile der umgebenden Parkanlagen gehören heute einem Investor, genauer, dessen Insolvenzverwalter, einer Bank. Der Richtung Rosenstein orientierte Längsbau ist Eigentum des Südwestrundfunks, der ihn noch gelegentlich nutzt.

Erhebliches räumliches Defizit für musikalische Themen

Ist es zu viel verlangt zu erwarten, dass der öffentlich-rechtliche SWR die Immobilie für einen symbolischen Euro der Stadt überlässt? Oder ist diese Hoffnung an die Öffentlich-Rechtlichen – jährlich mit 7,5 Milliarden Euro aus den Kassen der Bürger finanziert – zu richten sinnlos? Umso mehr, da dieser Sender, um fünf Millionen Euro jährlich zu sparen, seine zwei hochrangigen Orchester, das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart (RSO) und das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, zu einem einzigen Klangkörper fusioniert.

Sitz des fusionierten Klangkörpers soll von 2016 an Stuttgart sein. Daraus ergibt sich erheblicher Raumbedarf. Es braucht Räume zum Proben, Üben, Aufnehmen, Vorführen, Forschen, Experimentieren und Unterrichten. Ein Orchester ist ein lebendiger Organismus, ist ein Wesen, das vor allem einen Ort, ein Zuhause braucht.

Stuttgart aber hat ohnehin ein erhebliches räumliches Defizit für musikalische Themen und benötigt dringend ein zweites Musikzentrum neben dem Komplex Liederhalle.

Für beides, den neuen Klangkörper und das Neue Musikzentrum, bietet sich idealerweise die Villa Berg, das Haus Friedrich Leins’, als Ort an. Es gilt, die ortsfremden, Park zerstörenden Bauten zu beseitigen, die neuen Bauten des Musikzentrums zu erstellen. Als Beispiel bietet sich das Festspielhaus in dem Tiroler Ort Erl in Österreich an. Realisiert innerhalb von zwei Jahren, finanziert ausschließlich von privater Hand.

Dass hier endlich etwas geschieht, wäre mehrfacher Gewinn für die Stadt, das Land, seine Bürgerinnen und Bürger. Die erforderlichen Investitionen werden nicht nur räumliche, musikalische, öffentliche Gewinne sein, sie werden sich langfristig auch ökonomisch positiv auswirken. Selbst die Zwangsfusion der beiden Orchester würde nachträglich noch Sinn bekommen. In der künftig stärker werdenden Konkurrenz der Städte wird deren Imagequalität, ihre Attraktivität, die Qualität ihrer Kultureinrichtungen, eine erhebliche Rolle spielen.

Ein zweites Musikzentrum, ein ebenso besonderer Ort wie die fast 60 Jahre alte, immer noch junge Liederhalle könnte entstehen. In Erinnerung an die glanzvolle Vergangenheit des Ortes und in Erwartung einer ebensolchen Zukunft.

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