Von ihm hätte man gern mehr erfahren: Jonny Beauchamp als Aktivist in „Stonewall“Foto: Warner Foto:  

Der gebürtige Stuttgarter Regisseur Roland Emmerich ist eher bekannt für Science-Fiction- und Katastrophenfilme. Nun hat er ein Drama über die sogenannten Stonewall-Unruhen von 1969 gedreht, einem Wendepunkt in der Geschichte der Lesben- und Schwulenbewegung.

New York - Die sogenannten Stonewall-Unruhen in der Nacht des 27. Juni 1969 in New York gelten als Wendepunkt in der Geschichte der Lesben- und Schwulenbewegung. In der Bar Stonewall Inn in der Christopher Street setzte sich erstmals eine große Gruppe Homosexueller erfolgreich gegen eine Polizeirazzia zur Wehr. Seitdem erinnert jährlich der Christopher Street Day daran, mittlerweile in vielen Städten weltweit. Nun hat sich mit Roland Emmerich ein Regisseur des Themas angenommen, den viele vermutlich für ungeeignet hielten. Zwar lebt der gebürtige Stuttgarter seit langem offen schwul, ist aber eher bekannt für Science-Fiction- und Katastrophenfilme („Independence Day“, „2012“) mit bombastischen Spezialeffekten.

In den USA entfachte schon der Trailer einen Proteststurm, weil die schwul-lesbische Gemeinde schwere Geschichtsklitterung witterte – statt der Afroamerikaner und Latinos, die den Aufstand trugen, würde ein Weißer als Initiator hingestellt.

Jener fiktive Weiße ist die Hauptfigur, ein Provinzler aus Kansas: Der junge Danny Winters (Jeremy Irvine) wirkt wie das Klischeebild eines All-American-Boys – groß, kräftig, auf etwas belanglose Weise hübsch. Nachdem sein Vater ihn aus dem Elternhaus geschmissen hat, weil er beim Oralsex mit einem Mann erwischt wurde, sucht Danny sein Glück und ein freies Leben in New York.

Emmerich wollte eine Hauptfigur, die auch ein breites heterosexuelles Publikum akzeptiert

Dort kommt er mit einer Schwulen-Gang um den androgynen Latino Ray (Jonny ­Beauchamp) in Kontakt, ist fasziniert von deren exzentrischem Verhalten, der stolz zur Schau getragenen Homosexualität. Ray verliebt sich in Danny, doch dieser erliegt dem Werben des intellektuellen Schwulenaktivisten Trevor (Jonathan Rhys Meyers).

Charakter entwickelt dieser Danny nicht, wie er da mit staunenden großen Augen durch den Film treibt. Er kommt kurz in Kontakt mit historischen Aktivisten wie der exzentrischen afroamerikanischen Drag-Queen Marsha P. Johnson oder dem eher Anpassung und gewaltfreien Protest propagierenden Frank Kameny, erfährt am eigenen Leib Polizeigewalt und -willkür oder das Kidnapping durch einen mafiösen Barbetreiber.

Warum lässt Emmerich ausgerechnet Danny am 27. Juni den ersten Stein werfen? In einem Interview sagte der Regisseur, er ­habe eine Figur gebraucht, die auch für ein breites heterosexuelles Publikum akzeptabel sei. Angst vor der eigenen Courage? ­Immerhin steht diese Aussage im Widerspruch zu dem im Abspann formulierten ­Anliegen, den Film den schwulen und lesbischen Obdachlosen zu widmen, die „namenlose Helden“ des Aufstands gewesen seien.

Ein einfühlsames Drama, das mit erfreulich wenig Pathos auskommt

Einer davon ist Ray, der mit Abstand interessanteste Charakter des Films. Ein selbstbewusster Latino, der sich keinem Geschlecht zuordnen lassen will, mal in Männerkleidern, mal als Drag-Queen auftritt. Jonny Beauchamp spielt ihn ausdrucksstark, bei aller Exaltiertheit nie zur Karikatur überzogen – und auch in seiner Verzweiflung glaubhaft, wenn er von Freiern misshandelt wurde oder von seinem kaputten Elternhaus erzählt. Von ihm hätte man gerne mehr erfahren, auch von den Lesben in der Bewegung und den historischen Hintergründen und Auswirkungen der Krawalle, die recht knapp am Ende des Films abgehandelt werden.

Trotz solcher Wermutstropfen bleibt „Stonewall“ ein über weite Strecken einfühlsames Drama, das mit erfreulich wenig Pathos auskommt und seine Stärken darin hat, den Zeitgeist einzufangen: In den Schulen laufen „Aufklärungsfilme“ über Homosexuelle, die als psychisch krank bezeichnet werden, gegenüber dem reaktionären Klima auf dem Land herrscht nur in Großstädten wie New York eine relative Freiheit, die gesellschaftliche Diskriminierung ist aber hier genauso institutionalisiert – etwa durch das Verbot, Homosexuelle im Staatsdienst einzustellen. Ein Mainstreampublikum daran zu erinnern ist schon ein Verdienst.

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