Der Mann, der Pink Floyd erfand und nun zerstört: Roger Waters Foto: imago/Everett Collection

Erst begibt er sich moralisch mit seiner Israel-Kritik auf dünnes Eis, dann setzt er sein musikalisches Erbe aufs Spiel, indem er „The Dark Side of the Moon“, das beste Album seiner Band Pink Floyd, neu aufnimmt. Was ist bloß los mit Roger Waters, der an diesem Mittwoch 80 Jahre alt wird?

Fans von Pink Floyd müssen jetzt stark sein. Wo sind nur der knackige Basslauf, die funky Gitarre und der fiese Registrierkassen-Groove geblieben, die einen zu dieser lakonischen Hymne auf die Geldgier zuckend tanzen ließen? Der Song „Money“ hat sich in einen mürrischen Blues verwandelt, der sich im Schneckentempo von Ton zu Ton quält, während Roger Waters, der an diesem Mittwoch 80 Jahre alt wird, mit Grabesstimme davon träumt, wie Dagobert Duck mit beiden Händen in Münzbergen zu wühlen, ein Footballteam oder einen Learjet zu kaufen. Diese „Money“-Uminterpretation ist ein Vorbote auf das Album „The Dark Side of the Moon Redux“, mit dem Waters das beste und wichtigste Pink-Floyd-Album noch einmal neu erfinden will. Und, na ja, diese zähe Zeitlupenversion des Songs macht nicht wirklich Lust auf die Platte.

 

Ist Roger Waters ein Antisemit?

Es ist nicht die erste schwere Prüfung, die Fans von Roger Waters und Pink Floyd überstehen müssen. Zuletzt fiel der Brite vor allem durch seine – vorsichtig ausgedrückt – umstrittenen Äußerungen zu Israel auf. Diese hatten dazu geführt, dass bei den fünf Konzerten, die Waters im Mai in Deutschland gab, Boykottaufrufe laut wurden und Protestaktion stattfanden. Das Land Hessen und die Stadt Frankfurt versuchten sogar als Betreiber der Halle, das Konzert in der Frankfurter Festhalle abzusagen, scheiterten aber vor dem Verwaltungsgericht.

Roger Warters im Jahr 2014 bei seiner Show „The Wall Live“ in Zürich Foto: dpa/Walter Bieri

Es ist allerdings Quatsch, Roger Waters als Nazi zu bezeichnen, nur weil er auf der Bühne einen Gestapomantel mit roter Armbinde trägt oder weil er in seinen Shows aufblasbare Schweine durch die Halle schweben lässt, auf denen neben vielen anderen Symbolen auch ein Davidstern zu sehen ist. Wer ihm das vorwirft, verwechselt eine künstlerische Inszenierung mit dem wirklichen Leben. Wer sich daran stört, hält wahrscheinlich auch jeden Schauspieler, der im Kino oder im Theater eine NS-Uniform trägt, für einen Nazi.

Israel und der Ukraine-Krieg

Roger Waters beim Konzert am 21. Mai in München Foto: dpa/Angelika Warmuth

Besorgniserregend ist nicht, was Waters in den Shows macht, sondern wie er sich abseits der Bühne äußert. In einem Interview verglich er zum Beispiel Israels Politik mit dem Holocaust: „Es gab viele Menschen, die so taten, als wenn die Unterdrückung der Juden nicht stattfinden würde. Zwischen 1933 und 1946. Nun gibt es ein neues Szenario. Nur dass es jetzt die Palästinenser sind, die ermordet werden.“ Er bezeichnet Israel als „tyrannisches, rassistisches Regime“, und ihm wird vorgeworfen, palästinensischen Terror zum Widerstand zu verklären. Gegen die Anschuldigung, ein Antisemit zu sein, wehrt sich Waters allerdings.

Roger Waters, der am 6. September 1943 geboren wurde und als Halbwaise in einem Dorf in der englischen Grafschaft Surrey aufwuchs, nachdem sein Vater 1944 als Offizier im Krieg fiel, gilt als die Sorte Mensch, die man gerne als schwierig bezeichnet. Als einer, der nicht nur mit seiner Meinung zu Israel oder auch zum Angriff Russlands auf die Ukraine provoziert und polarisiert. Als einer, der sich schwer damit tut, sich anderen unterzuordnen und der gerne seinen Dickkopf durchsetzt.

Das Mastermind hinter den Pink-Floyd-Klassikern

Roger Waters bei einem Konzert von Pink Floyd im Jahr 1975 Foto: imago stock&people/John Collier

Die ersten Jahre seiner musikalischen Karriere fiel das noch nicht auf. In der Band, die Waters (Gesang, Bass) mit Nick Mason (Schlagzeug), Richard Wright (Gesang, Keyboards) und Syd Barrett (Gesang, Gitarre) im Jahr 1965 gründete, stand er zunächst im Schatten des kreativen Exzentrikers Syd Barrett. Erst als dieser 1968 wegen psychischer Probleme die Band verließ, durch den Gitarristen David Gilmour ersetzt wurde und Pink Floyd anfingen, statt Psychedelic-Rock Progressive-Rock zu spielen, arbeitete sich Roger Waters langsam zum Alleinherrscher in der Band hoch. Er war das Mastermind hinter so großartigen Alben wie „The Dark Side of the Moon“ (1973), „Wish You Were Here“ (1975), „Animals“ (1977) und „The Wall“ (1979) – nach dessen Veröffentlichung aber der Streit zwischen ihm und David Gilmour um die kreative Macht bei Pink Floyd so sehr eskalierte, dass Waters 1986 das Kapitel Pink Floyd für beendet erklärte und im Alleingang die Band auflösen wollte.

Pink Floyd entschleunigt

Erst nach einer langen juristischen Auseinansetzung wurde es schließlich David Gilmour erlaubt, weiterhin unter dem Namen Pink Floyd Musik zu veröffentlichen und aufzutreten. Doch weder die Pink-Floyd-Alben, die seither erschienen sind, noch die Solowerke Roger Waters’ können es in Sachen künstlerischer Qualität und kommerziellem Erfolg mit den Alben der klassischen Pink-Floyd-Phase aufnehmen.

Das Cover das Albums „The Dark Side of the Moon Redux“, das am 6. Oktober erscheint Foto: SGB/Cooking Vinyl

Dass sich Roger Waters jetzt noch einmal das beste aller Pink-Floyd-Alben vorgenommen hat, ist darum nachvollziehbar. Doch die Vorfreude hält sich in Grenzen. Wie schon „Money“ enttäuscht auch die Neuinterpretation der Ballade „Time“, die all ihre Dramatik einbüßt. Bisher gibt es zwar nur diese beiden Songs vom „The Dark Side of the Moon Redux“-Album zu hören, das am 6. Oktober erscheint. Doch alles klingt danach, dass der moralischen Selbstdemontage Roger Waters nun die musikalische folgt.

Roger Waters: Musiker und Aktivist

Musiker
 Roger Waters wird am 6. September 1943 in Great Bookham in England geboren. 1965 gründet er mit Studienfreunden die Band Sigma 6, aus der Pink Floyd hervorgeht. Mit dieser schafft er als kreativer Kopf Klassiker wie „The Dark Side of the Moon“ oder „The Wall“, bevor er 1986 die Band verlässt.

Aktivist
 Seit 2006 unterstützt Waters öffentlich die gegen Israel gerichtete Kampagne BDS, forderte Bands wie Radiohead oder die Rolling Stones auf, nicht in Israel aufzutreten. Er wehrt sich jedoch gegen den Vorwurf, ein Antisemit zu sein. Umstritten sind auch seine Äußerungen zum russischen Angriff auf die Ukraine: Er gibt den USA als „Hauptaggressor“ die Schuld an dem Krieg.