Sie sehen putzig aus, sind aber Krankheitsüberträger: Rötelmäuse. Bei Kontakt mit ihren Ausscheidungen können sich Menschen das Hanta­virus einfangen. Foto: CezaryKorkosz/Shutterstock.com

Die Rötelmaus sieht zwar putzig aus, doch sie überträgt das Hantavirus. Dagegen kann man sich aber mit einer FFP2-Maske schützen. Und die hat derzeit fast jeder im Haus.

Göppingen - Corona hält seit mehr als einem Jahr die Welt in Atem. Doch auch ein anderes Virus gerät mehr und mehr in den Blickpunkt: das Hantavirus. Experten erwarten in diesem Jahr einen starken Anstieg der Fälle. „Es könnte sein, dass 2021 ein Ausbruchsjahr wird“, sagt auch Martin Kimmel, Chefarzt der Klinik für Nieren-, Hochdruck- und Autoimmunerkrankungen in der Klinik am Eichert in Göppingen. Die Zahlen sprechen für sich: Dem Robert-Koch-Institut wurden in den ersten drei Monaten 183 Infektionen deutschlandweit gemeldet, im vergangenen Jahr waren es im gleichen Zeitraum gerade einmal 45.

26 Patienten seit Oktober

In der Göppinger Klinik wurden seit Oktober bereits 26 Patienten mit einer Hantavirus-Infektion stationär behandelt. Kimmel geht davon aus, dass es noch viel mehr werden. Die Häufung an Krankheitsfällen trete zyklisch auf, erklärt der Mediziner. In diesem Jahr scheint das Nahrungsangebot für den Überträger der Krankheit, die Rötelmaus, üppig zu sein. Dadurch vermehren sich die Nager stark und übertragen dementsprechend häufig die Krankheit. Kimmel glaubt, dass die gemeldeten Fälle nur die Spitze des Eisbergs sind. Es gebe eine hohe Dunkelziffer an Infizierten, die die Erkrankung einfach wie eine Grippe auskurieren.

Bei einer Infektion, die bis zu 60 Tage dauern kann, treten zunächst die typischen Symptome eines Virusinfekts auf: Abgeschlagenheit, Unwohlsein, Kopf- und Gliederschmerzen, Fieber. Spätestens wenn Flanken- und Bauchschmerzen sowie leichte Sehstörungen hinzukommen, sollte man zum Arzt gehen, warnt der Nephrologe. Denn das Hantavirus greift die Nieren an, bei schweren Verläufen kann es zu einem akuten Nierenversagen mit vorübergehend notwendiger Dialyse kommen – inklusive stationärer Aufnahme. Das ist die schlechte Nachricht. Es gibt aber auch eine gute: „Die Nierenfunktion erholt sich wieder. Prognose ist sehr gut, die Infektion bleibt fast immer ohne Folgeschäden.“

Vor der Arbeit lüften

Dennoch sollten die Menschen wachsam sein. Das Hantavirus wütet vor allem im Süden Deutschlands, und hier hauptsächlich in den Regionen Stuttgart, Tübingen, Reutlingen und Göppingen. Typische Situationen für eine Infektion: Beim Kehren der Garage oder beim Aufräumen des Gartenhäuschens oder des Kellers wird Staub aufgewirbelt, in dem sich Ausscheidungen der Rötelmaus befinden können. Den Staub mit den Viruspartikeln atmet man ein, so gelangt der Erreger in den Körper. Ordentliches Lüften vor der Arbeit hilft – oder: eine FFP2-Maske tragen. Diese hat ja in Corona-Zeiten jeder zu Hause und griffbereit.

Kimmel schließt nicht aus, dass auch die Pandemie zu höheren Fallzahlen bei der Hantavirus-Erkrankung führt: „Die Menschen sind mehr zu Hause, widmen sich der Gartenarbeit und sind häufiger in der Natur unterwegs.“ Im Frühjahr und Sommer sei die Infektionsrate dementsprechend besonders hoch, weil sich in dieser Jahreszeit die Menschen eben am meisten draußen aufhalten oder zu Hause aufhalten. Eine klare Risikogruppe gibt es nicht, betont Kimmel. Von Mensch zu Mensch ist der Erreger nicht übertragbar.

Grippeähnliche Symptome

Der 50-jährige Chefarzt, der auch Autor verschiedener medizinischer Standardwerke ist, will keine Panik verbreiten, sondern ein Bewusstsein für die Erkrankung in der Bevölkerung schaffen. Man sollte vor allem in diesem Jahr wachsam sein und bei grippeähnlichen Symptomen zum Arzt gehen. Es könnte sich um eine Hantavirus-Infektion handeln – auch wenn Corona derzeit alle anderen Erreger in den Schatten stellt.

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