Der massive Rückschnitt von Bäumen und Sträuchern entlang der Panoramastrecke sorgt in Stuttgart-Heslach für Ärger.
Stuttgart - Über der Rebenreute in Heslach liegt seit Tagen der Lärm von Motorsägen. Wer bis zum Ende der Straße geht, wo die sonst so stille Sackgasse in einen Fußweg hinauf zum Hasenberg mündet, stößt auf eine steile, mehrere hundert Meter lange Böschung, die bis vor einigen Tagen mit niedrigen Sträuchern und Bäumen dicht bewachsen war. Nun liegen hier zahllose dünne Stämme kreuz und quer über den Hang verteilt, und auch das Buschwerk ist verschwunden.
„Schon seit Ende vergangener Woche wird hier geschnitten“, erzählt Arnulf Mangold, der eines der hintersten Häuser in der Rebenreute bewohnt. Der 81-jährige Rechtsanwalt lebt schon nahezu sein ganzes Leben lang in der Straße, aber so einen Kahlschlag wie er entlang der Gäubahnlinie zwischen dem Südportal des Hasenbergtunnels und dem ehemaligen Heslacher Bahnhof aktuell stattfindet, habe es „noch nie gegeben“, sagt er. Auch andere Heslacher äußern Kritik.
Kahlflächen sollen Umsiedlung von Mauereidechsen dienen
Nach Auskunft der Bahn wird derzeit entlang der Panoramastrecke zwischen Stuttgart-Nord und -Süd aus Verkehrssicherungsgründen die Vegetation zurückgeschnitten, was, so ein Bahnsprecher, in regelmäßigen Abständen geschehe. „Doch dieses Mal“, sagt Arnulf Mangold, „wurden nicht, wie sonst üblich, nur Bäume gefällt, die den Verkehr auf der Eisenbahnlinie gefährden könnten. Auch das ganze Buschwerk wurde beseitigt.“ Zu welchem Zweck?, fragt der Pensionär.
Die Begründung der Bahn, dass die neuen Kahlflächen nicht nur den sicheren Eisenbahnverkehr gewährleisten sollen, sondern auch einer künftig geplanten Umsiedlung von Mauereidechsen dienen könnte, die dem Bau des Abstellbahnhofs in Untertürkheim weichen müssen, hält der Anwalt indes für nicht schlüssig. „Hier lebt entlang der Bahnlinie nicht nur bereits eine Vielzahl an Mauer- und Zauneidechsen, sondern auch die seltene Smaragdeidechse“, sagt Mangold, der hinter seinem Haus ein großes Gartengelände direkt unterhalb der Bahnlinie besitzt. Soll heißen: Das Biotop für die Eidechsen besteht entlang der Panoramastrecke längst. Es nun durch Abholzen erst herzustellen zu wollen, erscheine wenig plausibel.
In Heslach leben bereits Smaragdeidechsen
Dass die stark gefährdete Smaragdeidechse hier tatsächlich heimisch ist, beschreibt auch die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg: „Es gibt heutzutage nur noch Vorkommen in der südlichen Oberrheinebene, im Bereich des Kaiserstuhls und des Tunibergs. Weitere ausgesetzte Vorkommen existieren in Stuttgart und in Tübingen am Spitzberg“, ist in einer Fachveröffentlichung des LUBW zu lesen. Gemeint ist in Bezug auf Stuttgart eben jenes Areal oberhalb von Heslach. Das außergewöhnliche Vorkommen der Smaragdeidechse dort war überdies jüngst sogar Anlass für einen Beitrags des Biberacher Eidechsenexperten Guntram Deichsel in der Fachzeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde. Mangold hatte hierfür Bildmaterial zu den Tieren bereitgestellt. Demnach wurde die eigentlich in südlichen Gefilden beheimatete Smaragdeidechse bereits in den 1950-Jahren in einem Heslacher Garten ausgewildert und hatte sich fortan in dem Gebiet verbreitet.
„Der Kahlschlag wird nun dazu führen, dass den Eidechsen und Schlangen wie der Schlingnatter die Deckung fehlt“, sagt Arnulf Mangold. Einen Sinn in Bezug auf den Artenschutz kann der pensionierte Anwalt in den aktuellen Abholzungsmaßnahmen deshalb nicht erkennen. Das Gegenteil sei der Fall.