„Wir hatten plötzlich alle Angst, dass die Eisvögel bald Geschichte sein könnten“, so die Autorin und Stadträtin Christine Lehmann. Beim Rudern hatten sie und ihre Mitruderer festgestellt, dass mehrere Teilabschnitte am Neckar gerodet worden waren.
Stuttgart - Der gleichmäßige Ruderschlag hat für gewöhnlich etwas Beruhigendes. Doch als Christine Lehmann, Stadträtin und Schriftstellerin, vor Kurzem auf dem Neckar ruderte, war es vorbei mit der inneren Ausgeglichenheit. Denn ihr fiel auf, dass „am Neckarufer das gesamte Unterholz kahl geschnitten wird“. Das sei so zwischen der Schleuse Cannstatt und Schleuse Hofen. „Ab Aubrücke Richtung Hofen, also beim Max-Eyth-See, ist fast das ganze Ufer gereinigt, und gegenüber haben sie auch viel weg gemacht. Etwa die Hälften der Uferstrecken zeigen Baumstümpfe und keinerlei Unterholz mehr – so sieht es auch auf der Seite von Stuttgart-Münster den Damm entlang aus.“
Ihr und ihren Mitruderern kamen sofort die Eisvögel in den Sinn, die sie schon seit rund sechs Jahren dort am Neckarufer beobachten. „Wir hatten plötzlich alle Angst, dass die Eisvögel bald Geschichte sein könnten“, sagt Lehmann. Denn, so Lehmann: „Die Vögel haben dann buchstäblich keinen einzigen Zweig mehr über dem Wasser, auf dem sie ansitzen und jagen können.“
„Ein Kahlschlag ist und war zu vermeiden“
Walter Braun, der Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamts Neckar, bestätigt, dass in einigen Teilabschnitten in Hofen, Bad Cannstatt und Obertürkheim in die Vegetation eingegriffen wurde. Diese Abschnitte seien Dammstrecken, „dort ist, auch wenn es teilweise mit dem Augen vom Ufer aus nicht erkennbar ist, der Wasserspiegel dauerhaft höher als das dahinter liegenden Land“, so Braun. Für diese Abschnitte gelten laut ihm erhöhte Sicherheitsaspekte.
„Bei den häufigen kleineren Hochwasserabflüssen, wie wir es auch die nächsten Tage wieder erwarten, treten schnelle, aber intensive Wellen auf, die genau den Flächenstreifen oberhalb des harten Böschungsschutzes gegen den Wellenschlag aus der Schifffahrt und den höheren Dammlagen beanspruchen. Ist dieser glatt, rutscht die Welle durch. Ist dieser mit Bäumen und Strauchwerk bewachsen, tobt sich dort die Welle aus und gefährdet bei ungepflegtem Zustand das Uferbauwerk.“
In freien Streckenabschnitten seien diese Bremswirkungen sehr gewünscht, verlangsamen sie doch die Hochwasserwellen und führen zu einem natürlichen Abbau der Energie. In einem Stadtgebiet quer durch Hochwassergefahrenflächen müsse dieser Effekt gesteuert werden.
Deshalb würden vom 12. bis zum 26. Februar Arbeiten an diesen Teilabschnitten durchgeführt. Dazu gehöre es, im Zuge der Gehölzpflege kleine Bäume bis 15 Zentimeter Durchmesser vom Wasseranschnitt bis zur Berme, also dem Absatz in der Böschung des Damms, auf Stock zu setzen. Dabei werden jeweils in Abschnitten von 20 bis 30 Metern alle Sträucher in der Hecke in wenigen Zentimeter Höhe abgeschnitten. Zudem seien Totholz und vielen Überhänge beseitigt worden, die im Wasser hingen. Vorhandene Sträucher wie etwa die Haselnuss waren runterzuschneiden, aber nur so weit, dass diese in der Wachstumsperiode wieder austreiben und neues Vegetationsmaterial für Vögel bieten. „Ein Kahlschlag ist und war zu vermeiden“, sagt Braun.
„Ich denke, der Eisvogel findet am und rund um den Neckar noch genug Plätze“
Die Sträucher und der andere Kleinbewuchs, fügt er an, werde nach Erfahrung sehr schnell wachsen, so dass dann auch die Vögel ihre Zufluchten und Ansitzstellen haben. „In der aktuellen Jahreszeit findet keine Bruttätigkeit statt, die Vögel weichen entlang des Gewässers aus und kommen anschließend umgehend wieder, kaum, dass wir abgezogen sind“, so Braun.
Ulrich Tammler, Ornithologe beim Nabu Stuttgart, sagt, dass Braun damit „vermutlich nicht unrecht“ habe. „Die meisten Eisvögel, die hier leben, halten sich wegen der Gewässergüte und der Fließgeschwindigkeit des Neckars sowieso lieber an Altarmen des Flusses oder am Max-Eyth-See auf“, sagt der Ornithologe. Dort fänden die Vögel – Tammler geht von derzeit zehn bis 15 Eisvögeln aus – genügend überstehende Äste, auf denen sie ansitzen können. Die Ansitzwarten, also Äste, von denen aus die Vögel etwa kleine Fische oder Frösche jagen, müssten nicht direkt über dem Wasser liegen – eine Höhe zwischen 30 Zentimeter bis zwei Meter wäre für die Vögel im akzeptablen Bereich. „Ich sehe momentan relativ wenig Probleme, ich denke, der Eisvogel findet am und rund um den Neckar noch genug Plätze“, so Tammler, der erst vor Kurzem drei Eisvögel am Max-Eyth-See gesehen hat.
Man kann man immer mal wieder einen blauen Blitz dicht übers Wasser fliegen sehen
So auch Günther Jaumann, der eine Mail mit Bild an unsere Zeitung schrieb: „Am Max-Eyth-See kann man gerade sehr leicht Eisvögel sehen, sofern man etwas Geduld mitbringt. Bei einem Spaziergang um den See und einem scharfen Blick auf die Uferzone kann man an einigen Stellen, über den ganzen See verteilt, immer mal wieder einen blauen Blitz dicht übers Wasser fliegen sehen – und mit etwas Glück setzt sich der Vogel dann auf einen Zweig über dem Wasser.“