Foto: Oberstdorf Tourismus

Rodeln liegt im Trend. Kaum ein Skigebiet, das nicht eine eigene Rodelbahn in Betrieb genommen hat. Im Allgäu bieten zahlreiche Schlittenbahnen kilometerlange Abfahrten.

Endlich ist er da, der Schnee. Lange genug haben die vierjährige Lea und ihre drei Jahre ältere Schwester Anna darauf gewartet. Jetzt tanzen die dicken weißen Flocken vom Himmel, und der Vater hat die Schlitten vom Dachboden geholt. Etwas eingestaubt waren sie schon. Aber jetzt muss alles ganz schnell gehen – nichts wie raus in den Schnee.

Heute geht’s zum Familienausflug nach Bad Hindelang im Oberallgäu. Hier warten gleich drei Abfahrten auf Rodelfreunde, jeweils rund dreieinhalb Kilometer lang. Und das Beste, zumindest aus der Sicht der Kinder: Hier müssen sie nicht mühsam den Berg hinaufstapfen, sondern fahren gemütlich mit der Achter-Kabinenbahn in rund fünf Minuten hinauf zur 1320 Meter hoch gelegenen Seilbahn-Bergstation.

Anna setzt sich vorn bei ihrer Mutter auf den Schlitten, Lea nimmt auf Vaters Rodel Platz. Noch etwas ängstlich klammert sich die Kleine mit beiden Händen fest an die oberen Holzlatten des Schlittens. Dann geht es los – und wie!

Der trockene Pulverschnee knirscht unter den Kufen. Die Eltern haben anfangs alle Mühe, die Hacken in den Schnee zu hauen und so vor den Kurven zu bremsen. Schon bald aber stellt sich eine gewisse Routine ein. Die kurvige Strecke führt durch den tief verschneiten Winterwald bis hinunter zur Talstation. Und nun? Gut, dass Vater Halbtageskarten gekauft hat und es erneut hinaufgeht mit der Bahn zu einer weiteren Abfahrt. Kinder bis sechs Jahre werden in Bad Hindelang sogar umsonst befördert.

Das flotte Fahren auf zwei Kufen bergab hat sich im Allgäu in den vergangenen Jahren zu einem Trend entwickelt. Auch für Skifahrer, die mal etwas Abwechslung in den Urlaub bringen wollen. So beispielsweise an der Alpspitzbahn in Nesselwang (Ostallgäu), wo mit der Kombibahn entweder mit der Achter-Kabinenbahn oder mit dem Vierersessel hinaufgefahren werden kann. "Ab 80 Jahren dürfen unsere Gäste sogar kostenlos rodeln", berichtet Seilbahn-Geschäftsführer Ralf Speck. Die rund vier Kilometer lange Abfahrt von der Mittelstation an der Alpspitze ist sehr kurvenreich und wird bei entsprechender Schneelage von der Pistenraupe präpariert. Seit dieser Wintersaison kann eine 1,5 Kilometer lange Strecke auch abends bei Flutlicht befahren werden – täglich von 18 bis 21 Uhr. Lea, Anna und ihre Eltern sind am nächsten Tag gleich nochmals auf Tour. Diesmal am Grünten bei Rettenberg (Oberallgäu). Wer will, kann auch hier die Sesselbahn benutzen, um zum Ausgangspunkt der 2,3 Kilometer langen Abfahrt zu gelangen. Wie an den meisten längeren Rodelbahnen laden auch am Grünten mehrere Gasthäuser und Alpen zur Rast ein. Und wer keinen eigenen Schlitten besitzt, der kann nahezu in allen Allgäuer Gebieten die Gefährte ausleihen.

Dass Schlittenfahren nicht nur ein Spaß für Familien mit Kindern ist, erfahren wir einige Tage später bei einer abendlichen Hüttenbrotzeit im Staufner Haus bei Oberstaufen. Uns gegenüber sitzen Ewald (55) und der zehn Jahre jüngere Bert aus dem oberschwäbischen Aulendorf. Sie gehören zu denjenigen, die mehrmals im Winter zum bewirtschafteten Staufner Haus kommen. Aber sie sind nicht mit der Hochgratbahn hinaufgekommen, sondern legten die rund 700 Aufstiegsmeter zu Fuß zurück – die Schlitten im Schlepptau. Hinunter fahren sie erst zu später Stunde. Ohne Licht? Ewald lacht und deutet auf seinen Helm. Stirnlampen haben sie dort montiert, gespeist werden sie aus Bohrmaschinen-Akkus – Marke Eigenbau.

Mit Schutzhelm auf dem Schlitten? Warum nicht, wenn inzwischen auch die meisten Skifahrer mit Helm auf der Piste unterwegs sind. Falls vorhanden, sollten vor allem Kinder einen Helm tragen, empfiehlt die Bergwacht. Vor einer nächtlichen Rodelpartie sollte man sich erkundigen, ob und wie lange die Strecke beleuchtet ist. Ansonsten muss jeder Rodler eine helle Stirnlampe tragen.

Beim Schlittenkauf hat der Rodelfreund inzwischen die Qual der Wahl. Kinder werden sich wohl am ehesten einen Bob wünschen – die gibt es inzwischen mit allerlei Schnickschnack wie Hupe und Beleuchtung.

Klassiker ist nach wie vor der alte Davoser Holzschlitten, den es ab etwa 45 Euro zu kaufen gibt. Mit Davoser Rodeln fand 1883 in der Schweiz das erste historisch belegte Schlitten-Wettrennen statt. Sicher ist der klassische Holzschlitten nicht das bequemste und schnellste Kufengefährt, aber eben doch ein ausgesprochen langlebiges Wintersportgerät. Gebaut wird der Davoser unter anderem bei Glogger im schwäbischen Lutzingen – und das übrigens seit über 90 Jahren. Nicht geeignet zum Befahren von kurvenreichen Schlittenbahnen sind einfache Plastikteller, da sie sich kaum lenken lassen. Sie sollten nur auf freien Schneeflächen verwendet werden, raten auch die Hersteller dieser oft nur wenige Euro teuren Geräte.

Lea und Anna haben übers Rodeln ihre Leidenschaft für den Schneesport entdeckt. Nun wollen sie einen Skikurs machen.

Rodelbahnen im Allgäu – eine Auswahl Bad Hindelang:Hornbahn, drei Abfahrten mit je 3,5 Kilometer Länge

Balderschwang: 1,5 Kilometer lange Naturrodelbahn, Aufstieg nur zu Fuß

Buching: Winterrodel-Sesselbahn, 2,5 Kilometer lange Abfahrt Fischen: 200 Meter lange Naturrodelbahn

Füssen: Naturrodelkbahn von der Saloberalpe

Immenstadt: Mit 5,2 Kilometern die längste Rodelbahn des Allgäus am Mittag (Schwebebahn)

Kleinwalsertal: Zahlreiche Möglichkeiten in allen Talorten, auch an der Ifenbahn-Talstation und auf dem Ifen in 2000 Meter Höhe Nesselwang: Vier Kilometer lange Abfahrt an der Alpspitze; Auffahrt mit der Bergbahn; täglich von 18 bis 21 Uhr Flutlichtrodeln mit Seilbahnbetrieb; Streckenlänge 1500 Meter

Obermaiselstein: 300 Meter lange Rodelbahn am Idealhanglift im Ortsteil Niederdorf

Oberstaufen: Drei Kilometer lange Naturrodelbahn in der Skiarena Steibis

Oberstdorf: Drei Kilometer lange Abfahrt von der Seealpe im Nebelhorn-Skigebiet; Auffahrt mit der Kabinenbahn bis zur Station Seealpe

Oberreute: Kleine Naturrodelbahn am Skilift Ofterschwang: 2,5 Kilometer lange Rodelbahn im Skigebiet, Nachtrodeln samstags von 17.30 bis 21.30 Uhr

Pfronten-Kappel: 2,3 Kilometer lange Rodelbahn von der Hündleskopfhütte; ca. 45 Minuten Aufstieg Rettenberg: 1,5 und 2,3 Kilometer lange Naturrodelbahnen am Grünten; mittwochs, freitags und samstags Nachtrodeln Schwangau: Kleinere Rodelbahn an der Tegelbergbahn; Abfahrt von der Drehhütte Tannheimer Tal: Abfahrt von der Krinnenalpe (Sesselbahn)

Infos im Internet: http://www.allgaeu.info

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