Ermittler präsentieren im baden-württembergischen Landeskriminalamt Waffen, Drogen und Geld, die sie bei Razzien bei Mitgliedern der Rockergruppe „Osmanen Germania“ sichergestellt haben. Foto: dpa

Die Präsidenten des baden-württembergischen Landeskriminalamtes warnen im Interview vor der Rockergruppe „Osmanen Germania“. Die zeichne eine gefährlichen Mischung aus Kriminalität und Polit aus.

Stuttgart - Die Präsidenten des Landeskriminalamtes sind von der rasanten Ausbreitung der Rockergruppe im Südwesten überrascht. Sie warnen vor einer Mischung aus Kriminalität und Politik.

Herr Michelfelder, Herr Ziwey, in der vergangenen Woche haben Ermittler unter Führung des Landeskriminalamtes 18 Objekte in Baden-Württemberg und weitere in anderen Bundesländern durchsucht und acht beschuldigte Mitglieder der Rockergruppe Osmanen Germania verhaftet. Ist die Gefahr, die von den Osmanen ausgeht, damit beendet?
Michelfelder: Mitnichten. Wir haben durch unser stringentes Vorgehen in den vergangenen Monaten erste, bemerkenswerte Erfolge verzeichnet. Wir stellen in der Szene fest, dass sie verunsichert ist. Wir haben die Signale deutlich erkennbar auf „Stopp“ gestellt. Aber klar ist, dass unsere Ermittlungen weitergehen werden.
Ziwey: Lassen Sie mich die Brisanz unserer Ermittlungen mit einer Zahl verdeutlichen: Von den etwa 400 polizeibekannten Mitgliedern der Osmanen Germania leben über 100 in Baden-Württemberg. Das zeigt, dass wir einen eindeutigen Brennpunkt im Land haben . . .
Frage: . . . woran machen Sie den fest?

Michelfelder: Was uns als Ermittler überrascht hat, ist die Rasanz, mit der sich die Osmanen im Land ausbreiten. Wir haben vor genau zwei Jahren das erste Chapter, also quasi den ersten Verein, dieser rockerähnlichen Gruppe in Baden-Württemberg polizeilich festgestellt. Ein Jahr später waren wir mit neun Chaptern alleine im Südwesten konfrontiert.

Ziwey: Es sind zwei Bereiche, die wir bei den in der Regel aus türkischen Migranten gebildeten Gruppen der Osmanen feststellen. Da ist zum einen die klare, türkisch-nationalistische Ideologie, die die Mitglieder vertreten. Und zum zweiten die kriminelle Motivation: Das Spektrum reicht von Gewalt-, Drogen- und Rotlichtlichtdelikten bis zum Waffenhandel. Für uns ist das klar der Einstieg in die organisierte Kriminalität. Dies ist eine bisher nicht da gewesene Mischung, die offenbar auf fruchtbaren Nährboden fällt.
Michelfelder: Lassen Sie mich einen Punkt ergänzen: Wir erleben in diesen Monaten, wie durch die Osmanen der in der Türkei offen ausgetragene Konflikt zwischen Türken und Kurden zu uns nach Deutschland gebracht wird. Feind der Osmanen ist die kurdisch dominierte, rockerähnliche Gruppe Bahoz, dem kurdischen Wort für Sturm. Beide Gruppen tragen ihren aus der Türkei herrührenden Konflikt hier inzwischen mit einer Schärfe aus, dass wir von Glück sprechen, dass es noch keine Toten gegeben hat.
Frage: Mit welchem Konzept wollen Sie das eindämmen?
Ziwey: Für uns ist die Bekämpfung der Gewalt im öffentlichen Raum generell zu einem ebenso wichtigen Thema wie der Kampf gegen Wohnungseinbrüche geworden. Deshalb ermitteln in diesem Fall – übrigens erstmals in einem Bundesland überhaupt – Beamte des Staatsschutzes gemeinsam mit denen aus der Bekämpfung der organisierten Kriminalität. Deshalb haben wir die Ermittlungen zentral bei uns übernommen.
Michelfelder: Unsere nächsten Ermittlungsschwerpunkte sehen wir in zwei Bereichen: Zum einen interessieren wir uns für die Finanzströme der Gruppen. Zum anderen aber auch für die Strukturen und Netzwerke, die in Baden-Württemberg existieren. Da haben die Recherchen Ihrer Zeitung zu diesem Thema in den vergangenen Monaten ja schon etliches aufgezeigt.
Frage: Es fällt auf, dass Sie in der vergangenen Woche sowohl das Spezialeinsatzkommando (SEK) Baden-Württembergs, aber auch besonders für Razzien ausgebildeten Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten (BFE) für die Durchsuchungen herangezogen haben. ­Warum?
Michelfelder: Für uns gibt es da nur eine Null-Toleranz-Politik. Alleine vergangene Woche haben wir bei den Durchsuchungen zahlreiche Waffen, darunter auch eine scharfe Schusswaffe, beschlagnahmt. Das zeigt, dass die Osmanen keine friedliebenden Bürger, sondern gewaltbereite Kriminelle sind. Denen begegnen wir mit unseren Spezialeinheiten, da klopfen wir nicht vorher nett an der Haustüre an.
Ziwey: Es gibt Menschen in Baden-Württemberg, die sich unwohl fühlen oder gar nicht mehr erst trauen über Plätze zu gehen, an denen sich Osmanen oder Bahoz treffen. So etwas darf es in einem Rechtsstaat nicht geben. Das können und werden wir nicht tolerieren.
Frage: Sie sprechen von Fahndungserfolgen. Wie genau sehen die aus?
Michelfelder: Zunächst einmal haben wir inzwischen 20 Mitglieder der Osmanen oder von Bahoz hinter Schloss und Riegel gebracht. Wir führen gegen Mitglieder beider Gruppierungen über 50 Ermittlungsverfahren. Wir erleben, dass Mitglieder die Gruppe verlassen. Und wir bemerken vor allem in der Kommunikation, dass sich Osmanen- wie Bahoz-Mitglieder zunehmend zurückhalten.
Ziwey: Bei den die Chapter verlassenden Mitgliedern ist uns aber sehr wohl auch bewusst, dass die mit dem Austritt nicht ihre Ideologie und kriminelle Energie ablegen. Insofern haben wir die weiterhin im Blick.
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