Acris spielt in Weissach: Der Gig zur Veröffentlichung des neuen Albums war ausverkauft. Foto: Simon Granville

Seit fast 40 Jahren gibt es die Band Acris aus Leonberg und Umgebung. Jüngst erschien ihr viertes Album, auf dem es auch um aktuelle Themen geht. Wie bleibt eine alte Band jung?

Es war einmal eine der größten Rockbands aller Zeiten. Die Gruppe aus der englischen Arbeitermetropole Birmingham entschied sich im Jahr 1972, ihr viertes Album schlicht „Vol. 4“, also übersetzt „Folge 4“ zu nennen. Die Scheibe gilt mittlerweile als ikonisch. Und wer weiß, vielleicht entdecken ja heute, morgen oder übermorgen massenhaft Fans der härteren, erdigen Gitarrenmusik auch das neue Album einer anderen Band. Denn der neueste Output der Leonberger Formation Acris heißt ebenfalls „Volume 4“, es ist das vierte Studiowerk des 1986 formierten Quintetts. Zu diesem Zeitpunkt existierte die eingangs gefeierte – und erst jüngst endgültig zu Grabe getragene – Combo bereits seit 17 Jahren. Ihr Name: Black Sabbath.

 

Acris kommen wie Black Sabbath aus einer Zeit lange vor Spotify und Co.

Nun sind die Parallelen zwischen beiden Bands zugegebenermaßen überschaubar. Der Sound ähnelt sich kaum, abgesehen von hier und da auftauchenden Blues-Anleihen. Auch in Sachen Bekanntheitsgrad ist man ehrlicherweise in komplett unterschiedlichen Sphären unterwegs. Was die Musiker aber eint: Sie entstammen einer völlig anderen Zeit, in der noch niemand an Spotify, Downloads oder mp3 dachte.

Acris sind (von links): Helmut Nothum (Orgel, Klavier, Backing-Vocals), Jan Ulmer (Drums), Roland Engler (Bass und Gesang), Frank Krämer (Gitarre und Gesang) und Peter Müller (Gitarre und Gesang). Foto: privat

„Es gibt definitiv auch weiterhin ein Publikum für unsere Art von Musik“, sagt Gitarrist, Sänger und Gründungsmitglied Frank Krämer. Das kann er mit Fug und Recht behaupten: Der Gig zur Veröffentlichung von „Volume 4“ im Weissacher Herrenhaus vor gut einer Woche war ausverkauft. Mehr als 100 Besucherinnen und Besucher wollten Acris sehen. „Ich schaue dabei auch immer auf die Leute, die mittanzen und sich richtig drauf einlassen“, fügt Krämer hinzu. Das seien in Weissach eine ganze Menge gewesen.

„Sich richtig drauf einlassen“ – das ist schon seit den Anfangstagen das Lebenselexir von Acris. Das gilt für die Gründungsmitglieder Frank Krämer, seinen Mit-Gitarristen und -Sänger Peter Müller sowie Drummer Jan Ulmer, allesamt 56 Jahre alt, ebenso wie für die beiden „Neuen“ im Bandgefüge: Helmut Nothum an Orgel und Klavier sowie Bassist Roland Engler sind seit 2018 mit an Bord – und mit 72 beziehungsweise 69 Jahren zugleich die Ältesten.

Vollblutmusiker sind alle, auch wenn sich die musikalische Sozialisation qua Alter ein wenig unterscheidet. Das Trio aus der Ur-Besetzung wagte sich gleich an Heavy-Metal-Coverversionen etwa von Iron Maiden – deren „Powerslave“-Meisterwerk war erst kurz zuvor erschienen. Engler und Nothum dagegen entstammen der Jazz-, Soul- und Beat-Richtung.

Die Hammond-Orgel hat den Acris-Sound verändert

Der Besetzungswechsel hat den Acris-Sound ein wenig verändert. „Ich habe von Anfang an gesagt: Mit einer Hammond-Orgel werdet ihr ‚älter’ klingen“, sagt Tastenmann Helmut Nothum und grinst. In der Tat hört sich die Band auf „Volume 4“ etwas geerdeter an als noch vor einigen Jahren, als häufig sphärische Synthieteppiche ins Klangbild eingewoben waren.

Auch die textlichen Themen sind andere. „Früher ging es viel um Partnerschaften und auch ums Verlassenwerden“, blickt Krämer zurück. Auf dem neuen Album gebe es nun einen Mix aus anderen, eben jetzt aktuellen Themen: Die Geburt von Kindern, der Tod von Freunden, Trump, Corona. „Wir sind eine Band, die sich mitteilt“, sagt Basser Roland Engler.

Acris haben nur sehr wenige Besetzungswechsel hinter sich

Und Acris sind eine Band, die seit nunmehr 39 Jahren existiert, die in so gut wie jedem Jahr ihres Bestehens Konzerte gespielt hat, und deren Mitglieder in Freundschaft verbunden sind, auch außerhalb des Probenraums. Zusammen hat man schon vieles erlebt, Auftritte im In- und Ausland gehabt. Außerdem stehen in dieser ganzen Zeit nur äußerst wenige Besetzungswechsel in den Büchern – auch das ist bemerkenswert. Was also fehlt den Mitgliedern zu ihrem vollständigen Rocker-Glück?

Es ist vor allem eines: Es wird, trotz einer vorhandenen Fanbase, immer schwieriger, vernünftige Gigs an Land zu ziehen. „Musik ist häufig nichts mehr wert“, sagt Helmut Nothum. Feste Gagen gebe es im Prinzip nicht mehr. Sie alle haben noch andere Zeiten erlebt. Läden wie das Gleis 2 in Renningen seien rar. „Oder sie haben ihre besten Zeiten schon lange hinter sich“, fügt Krämer hinzu. Zudem setzten Veranstalter häufig auf ein Konzept mit Tributebands, um ganz auf Nummer sicher zu gehen.

Gig an Halloween ist für Acris der Jahresabschluss – Stand jetzt

Trotz aller Widrigkeiten machen Acris weiter – natürlich. „Wir müssen ja auch nicht unsere Mieten mit der Band bezahlen“, sagt Krämer. Zwei Auftritte stehen in diesem Jahr noch an: beim „End Of Summer Open Air“ spielt der Fünfer am Freitag, 26. September, in Rutesheim. Den Jahresabschluss bildet Stand jetzt ein Gig am Halloween-Abend – also am Freitag, 31. Oktober – im Renninger Gleis 2. Vielleicht böte sich da ja eine Black-Sabbath-Coverversion an? „Sabbath Bloody Sabbath“ wäre zum Beispiel ein wunderbar gruseliger Soundtrack zu einer Runde „Süßes oder Saures“.

Album und Band

Album
Elf Stücke sind auf „Volume 4“. Aufgenommen haben Acris das Album im Weilimdorfer Probenraum unter der Regie von Bassist Roland Engler, der ausgebildeter Soundingenieur ist. Nur der Gesang wurde im Esslinger Trident-Hill-Studio mit Stefan Mayer eingetütet. Die Aufnahmen starteten Anfang 2024. Erhältlich ist die CD im schnieken Digipak per E-Mail an info@acris-rock.de.

Band
Alle Acris-Mitglieder haben oder hatten reguläre Jobs: Frank Krämer ist im Qualitätsmanagement bei der Leonberger Firma Geze tätig, Peter Müller Erster Beigeordneter bei der Renninger Stadtverwaltung. Jan Ulmer ist als Mediengestalter tätig. Roland Engler verdiente sein Geld als Zahntechniker, Helmut Nothum war Nachrichtentechniker.

Nicht verwechseln
Sucht man auf Youtube nach „Acris Band“ stößt man auf eine andere Band gleichen Namens: die Death-Metal-Band Acris aus Odessa in der Ukraine. Freunde der härteren Gangart können aber auch hier ein Ohr riskieren, das Quartett macht seine Sache mehr als ordentlich.