Als französischer Historiker bekommt er den höchsten Orden Baden-Württembergs. Das weiß Robert Steegmann ganz besonders zu schätzen.
Stuttgart - Robert Steegmann ist ein eher zurückhaltender Mann. Der emeritierte Geschichtsdozent aus Straßburg stellt sich ganz in den Dienst seiner Sache und die ist das ehemalige Konzentrationslager Natzweiler-Struthof. Sich selbst nimmt er nicht besonders wichtig. Doch eines freut ihn außerordentlich. Er hat unlängst vom baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl den Verdienstorden des Landes verliehen bekommen.
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„Das ist ein unvergesslicher Moment in meinem Leben“, sagte der französische Historiker bei der Verleihung im baden-württembergischen Innenministerium. „Das ist eine große und spezielle Ehrung, weil sie aus Deutschland kommt“. Er sehe die Auszeichnung als eine „europäische Ehrung“ an. Bei aller noblen Zurückhaltung setzt er doch eine kleine Spitze, der Prophet gelte halt in seinem Vaterland nichts. In Natzweiler saßen keine Elsässer, deshalb sei das Lager in Frankreich nicht so bekannt.
Grenzen spielen keine Rolle
Dabei spielen Grenzen für den gebürtigen Elsässer eigentlich keine Rolle. Die Eltern von Robert Steegmann sind ebenso als Deutsche geboren, wie sein Großvater, erzählt er. Sein Projekt siedelt er von Anfang an auf der europäischen Kulturebene an. „Geschichte schreibt sich auf beiden Seiten des Rheins“, sagt der 68-jährige Franzose.
Mehr als 30 Jahre lang hat sich Steegmann mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigt und das KZ Natzweiler-Struthof unter einem besonderen Blickwinkel untersucht. „Man kannte die Geschichte des Lagers, aber nicht die der Menschen“, erinnert Steegmann an die Anfänge seiner Forschungsarbeit. „Es war mir wichtig, jeder Häftlingsnummer einen Namen zu geben“.
Akribischer Rechercheur
In dem KZ-Komplex mit dem ehemaligen Hauptlager Natzweiler-Struthof im Elsass und mehr als 60 Außenlagern rechts und links des Rheins waren im Zweiten Weltkrieg rund 52 000 Menschen aus mehr als 30 europäischen Staaten inhaftiert. Außenstellen gab es etwa in Leonberg, Echterdingen oder Geislingen/Steige. Nahezu 22 000 Häftlinge starben an Hunger, Entkräftung, Krankheiten – oder wurden direkt ermordet. Die Überlebenden wurden von deutschen Unternehmen, insbesondere im heutigen Baden-Württemberg und dem Elsass, erbarmungslos ausgebeutet.
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Robert Steegmann hat die Geschichte des KZ-Komplexes akribisch recherchiert und die Schicksale der Gefangenen rekonstruiert, wie Innenminister Thomas Strobl bei der Ordensverleihung hervorhob. Die Forschungsergebnisse hat Steegmann in seinem Buch „Das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof und seine Außenkommandos an Rhein und Neckar“ 2005 veröffentlicht.
Zum Ausgleich Arbeit bei der Tafel
Noch heute arbeitet der ehemalige Unidozent und Geschichtslehrer am Lycée Fustel de Coulanges in Straßburg nahezu täglich an den Häftlingslisten und sammelt emsig Namen zu den Nummern. „Das ist eine Lebensaufgabe. Ich hoffe nur, dass mein Computer nie eine Panne hat. Das wäre eine Katastrophe für mich“, schmunzelt Steegmann. Ja, ja, er sollte die Dateien extra sichern, sagt er schulterzuckend. „Zum Durchatmen“, arbeitet er donnerstags und freitags in der Lebensmittelausgabe einer Tafel für Bedürftige. „Das ist wichtig und normal“, erzählt der Pensionär eher beiläufig.
Bis heute pflegt er die Kontakte
Zu manchen, deren Schicksal im KZ er erforscht hat, hat er noch heute Kontakt. „Ich telefoniere täglich mit meinem jüngsten Freund“, erzählt er lächelnd. Der KZ-Überlebende ist 100 Jahre alt und lebt in Montbéliard. Den Mann hat er bei einer Gedenkzeremonie in Struthof kennengelernt. Steegmann hat viel geforscht und lernt immer noch dazu: „Es ist großartig, was diese Leute uns über das Leben lehren können“, sagt er.