Die Schüler hatten viele Fragen, unter anderem, warum es an Schulen in Baden-Württemberg keinen islamischen Religionsunterricht gibt. Foto: picture alliance/dpa-Bildfunk/Oliver Berg

Erstmals sind Vertreter des Rats der Religionen an einer Schule zu Gast gewesen, um für mehr Verständnis zwischen den Gläubigen zu werben und das aktiv vorzuleben. Wie haben die Zehntklässler reagiert?

Vaihingen - Es sind ganz persönliche Fragen gewesen, welche die Zehntklässler der Robert-Koch-Realschule Anfang der Woche ihren Gästen gestellt haben. Wie stehen Sie zu Atheisten? Akzeptieren Sie Homosexualität? Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod? Und darf ein Mensch Suizid begehen? Die Antworten fielen den beiden Geistlichen nicht immer leicht, aber sie drückten sich vor keiner einzigen. Zu wichtig war ihnen ihre Mission. Denn der evangelische Stadtdekan Søren Schwesig und Ali Ipek von der Türkisch-Islamischen Union (Ditib) waren gekommen, um für mehr Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Andersgläubigen zu werben. Und diesen Respekt wollten sie nicht nur predigen, sondern auch aktiv vorleben.

Beide sind Vertreter des Rats der Religionen. Dieser wurde vor etwa fünf Jahren in Stuttgart gegründet. Das Ziel war es, dass die Verantwortlichen unterschiedlicher Konfessionen sich regelmäßig treffen. 19 Religionsgemeinschaften gehören aktuell dem Rat an beziehungsweise nehmen als Gäste teil. Seit September ist Ipek der Koordinator des Gremiums, davor war es Schwesig gewesen.

Die Schüler glauben ganz unterschiedlich

Der evangelische Stadtdekan machte klar, dass in der Religion stets der Mensch im Mittelpunkt stehe und zu achten sei – egal ober er an Gott glaube, und wenn ja, an welchen Gott er glaube. Auch die sexuelle Orientierung spiele für ihn dabei keine Rolle. Er persönlich wäre dazu bereit, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen – wohlwissend, dass sich seine Kirche damit noch schwer tue. Ipek antwortete ähnlich. Der Mensch müsse respektiert werden. Nur: „Der Islam an sich bevorzugt die Heterosexualität, weil die Familie einen sehr hohen Stellenwert hat.“

Gleich zu Beginn der Veranstaltung zeigte sich, dass auch die Schüler ganz unterschiedlich glauben. Viele räumten rundweg ein, dass sie mit Gott nichts am Hut haben. Einige der Mädchen und Jungen bezeichneten sich als Christen, deutlich mehr jedoch als Moslems. Und so konnte eine Frage kaum überraschen: „Warum gibt es an Stuttgarter Schulen keinen muslimischen Religionsunterricht?“ Ipek antwortete, dass das in Arbeit sei. Noch gelte es aber, einige rechtliche Fragen zu klären. Schwesig konkretisierte: Vor allem brauche der Staat einen verbindlichen Ansprechpartner, der als Träger des Unterrichts unter staatlicher Aufsicht fungiere. „Der Staat muss wissen, was in seinen staatlichen Klassenzimmern unterrichtet wird“, sagte der evangelische Stadtdekan.

Ein positives Fazit

Eineinhalb Stunden lang fragten die Mädchen und Jungen die Geistlichen geradezu aus. Vor allem Schwesig illustrierte auch immer wieder mit Erlebnissen aus seinem ganz privaten Leben, was genau er meinte. Er erzählte, wie belastend es für ihn und seine Geschwister war, ihre Mutter zu pflegen, als diese im Sterben lag. Doch am Ende habe diese schwere Zeit, diese Prüfung Gottes, die Familie wieder eng zusammengebracht und so auch ihr Gutes gehabt.

Es waren diese Geschichten, die Giolia Alit besonders gut gefielen. „Man konnte ihm gut zuhören und viel lernen“, sagte die Zehntklässlerin, die sich selbst als Muslima bezeichnete. Für Soufiane Arich war es das erste Mal, dass er mit einem christlichen Priester Kontakt hatte. „Ich habe viel über das Christentum erfahren“, sagte er. Beide Männer hätten viele Fragen beantworten können. „Man hat gemerkt, dass sie ein großes Wissen haben.“ Der Vormittag habe ihn in seinem islamischen Glauben bestärkt, sagte Soufiane Arich. Seine Schwester Safae ergänzte: „Den beiden Herren war es wichtig, uns zu vermitteln, dass man keine Vorurteile haben darf. Das ist auch meine Meinung.“ Der Besuch zog ebenfalls ein positives Fazit. „Ich bin beeindruckt, wie aufmerksam und interessiert ihr wart, und wie viel ihr wissen wolltet“, so Schwesig.

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