Eine Gedichtzeile von Georg Trakl macht dem Tänzer Louis Stiens Mut, bevor der auf die Bühne geht. Foto: Studio Pro

Auch die größten Bühnenprofis sind vor dem Auftritt nervös. Einige Stuttgarter Tänzer haben nun verraten, mit welchen Tricks und Ritualen sie das Lampenfieber mildern.

Stuttgart - Eltern kleiner Kinder wissen: Rituale helfen, um Ur-Ängste zu überwinden. Vor vielen Menschen auf eine Bühne zu treten ist etwas, das in jedem Alter nervös macht; selbst die größten Bühnenprofis packt in diesem Moment das Lampenfieber. Rituale helfen auch hier. Was sie dagegen tun, haben nun knapp zwanzig Künstler auf Nachfrage der Zeitschrift „Tanz“ verraten.

Mit dabei sind auch auffallend viele Stuttgarter Tänzer und Choreografen; ihre Einblicke kann man im neuen Jahrbuch des Fachmagazins nachlesen, das bezeichnenderweise den Titel „Fetisch“ trägt. Darin lässt sich zum Beispiel Louis Stiens in die Lampenfieber-Karten blicken. Der Halbsolist des Stuttgarter Balletts, der durch seine Zusammenarbeit mit der Punk-Legende Peaches für die spartenübergreifende Produktion „Die sieben Todsünden“ einem breiteren Publikum bekannt ist, murmelt vor jedem Auftritt eine Zeile aus Georg Trakls Gedicht „Klage“. Wenn der Tänzer die düsteren Worte „An schaurigen Riffen zerschellt der purpurne Leib“ ausspricht, dann werden sie für ihn zum Schlachtruf. „Dieser Vers gibt mir Mut, mich auf die Bühne zu stürzen“, sagt Louis Stiens.

Kaugummis und Kreise

Marco Goecke, viele Jahre lang als Haus-Choreograf dem Stuttgarter Ballett verbunden und nun als Ballettdirektor in Hannover am Start, greift zum Kaugummi. Sonst kaue er nie, doch bei Premieren, die er mit Dackel Gustav hinter der Bühne verfolgt, wie Goecke berichtet, sei das für ihn das Mittel der Wahl. „Die Sonnenbrille habe ich auch auf, damit ich etwas in eine andere Welt rücke“, sagt der Choreograf, der mit seinen Balletten international große Erfolge feiert.

Bei den Auftritten von Gauthier Dance gibt der Teamgeist ein Ritual vor, das man so eher von Sportplätzen kennt. „The Circle“, nennt Kompanie-Kopf Eric Gauthier das Procedere, das es so lange gibt wie Gauthier Dance. „Wir fassen uns um die Schultern, stecken die Köpfe zusammen, strecken ein Bein in die Mitte, bis wir uns treffen – und genießen gemeinsam diesen Moment der Ruhe“, beschreibt Eric Gauthier die Kreisformation, die Energie gibt für den Auftritt.

Rosario Guerra war viele Jahre lang Teil dieses Kreises, von der nächsten Spielzeit an tanzt der Protagonist von Gauthier Dance allerdings bei Marco Goecke in Hannover. Den „Circle“ kann der Italiener vielleicht auch bei seiner neuen Kompanie einführen, persönlich Kraft geben ihm aber zwei Steine, ein weißer und ein schwarzer, die er immer bei sich trägt – außer beim Tanzen. „Sie sollen gute Energien anziehen und schlechte Energien abwenden“, so Rosario Guerra. Wichtig für den Tänzer ist vor dem Auftritt aber vor allem ein Moment des Innehaltens. „Ich sage ein kleines, stilles Gebet auch und widme meinen Auftritt zwei Menschen, die mein Leben geprägt haben und denen ich dafür unendlich dankbar bin“, verrät Guerra. „Meinem Vater, der starb, als ich 14 Jahre alt war, und meinem besten Freund, der im letzten Jahr verstorben ist.“

Im Jahrbuch der Zeitschrift findet sich auch die Kritikerumfrage, in der 25 Tanzexperten Bilanz ziehen und auf die abgelaufene Saison zurückblicken. Zum Tänzer des Jahres kürte die Umfrage neben Jan Casier vom Ballett Zürich den Stuttgarter Starsolisten Friedemann Vogel.

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