Der Kakao-Anbau auf der eigenen Plantage in Nicaragua wirkt sich immer stärker auf die Geschäfte von Ritter Sport aus. Im Interview verrät Ritter-Sport-Chef Ronken, wie künftig Ritter-Schokolade schmecken soll und weshalb er in Waldenbuch den Bau einer Rösterei plant.
Waldenbuch - Zum Interview in Waldenbuch trägt er T-Shirt und wirkt wie eine Mischung aus Geschäftsführer und Kumpeltyp: Ritter-Sport-Chef Andreas Ronken legt viel Wert auf flache Hierarchien und eine gute Mitarbeiterkultur, Kritik inklusive. Das Miteinander sei im Zweifel wichtiger als die Strategie, meint er und fügt hinzu: „Wenn man sich nicht verstellen muss, ist man am leistungsstärksten.“
Herr Ronken, sind Sie sauer, wenn Discounter Ritter-Sport-Tafeln zu Billigpreisen verkaufen?
In Deutschland ist der Lebensmitteleinzelhandel stark von Aktionen getrieben. Wir mögen nicht jede Preisaktion, aber das liegt nicht in unserer Hand. Leider gilt Geiz bei Lebensmitteln oft noch immer als geil. Wir geben 14,99 Euro für Motoröl aus, aber 2,99 Euro für Olivenöl ist uns zu teuer.
Aber bei Schokolade geht es doch auch um Genuss. Zahlt der Verbraucher da nicht gerne mehr?
Das mag für den Wein gelten, da sind die Verbraucher besser informiert. Dabei gibt es beim Kakao eine ähnliche Reichhaltigkeit wie bei Reben – bei den Sorten, der Herkunft, dem Geschmack, der Verarbeitung. Aber für die Verbraucher ist es nur Schokolade, so als würde man im Supermarkt bei Wein nur fragen: „Haben Sie einen roten da?“
Was tun Sie dafür, dass Schokolade der neue Wein wird?
Wir wollen, dass Kakao der Held in der Schokolade ist. Wir müssen zurück zum Ursprung, zurück zum Puren, wie einst bei den Mayas. Es geht nicht darum, neue hippe Sorten mit Lavendel oder Meersalz zu kreieren. Die grundsätzlichen Zutaten müssen noch hochwertiger werden. Das ist harte Detailarbeit, aber dafür haben wir viele Schoko-Freaks hier bei Ritter Sport: Wir haben zum Beispiel 14 verschiedene Kakaosorten auf unserer eigenen Plantage in Nicaragua angepflanzt, um nach dem besten Geschmack zu suchen.
Ist Ritter Sport eigentlich Produzent oder Bauer?
Beides. Die eigene Plantage hat unser Unternehmen komplett verändert. Das hat zur Nachhaltigkeit beigetragen, und wir kennen uns jetzt noch viel besser mit Kakao aus. Dabei haben wir viel Lehrgeld gezahlt, denn Kakao anzubauen ist mit das Anspruchsvollste im Agrarmarkt. Unsere Mitarbeiter haben alles miterlebt: Überschwemmungen, Schädlingsbefall, die harte körperliche Arbeit. Auch deshalb ist der Respekt gegenüber Kakao und den Menschen, die diesen anbauen, im gesamten Unternehmen gestiegen.
Wie viel Kakao produziert Ritter Sport denn selbst?
Dieses Jahr schaffen wir bis zu 90 Tonnen. Wir haben ja bei null angefangen. Am Anfang hatten wir nicht genügend Pflanzen und mussten selber veredeln, deshalb war die erste Ernte sehr klein. In fünf Jahren wollen wir bei 3000 Tonnen sein. Die Plantage soll ein Drittel unseres Kakaobedarfs decken.
Sichert sich Ihr Unternehmen damit auch gegen die Rohstoffspekulationen am Weltmarkt ab?
Spekulationen von Investmentfonds sind ein großes Problem, weil es so wenig Kakao gibt, der Markt wächst ja auch kaum. Ein Hedgefonds kann deshalb mit einigen Hundert Millionen Euro den Kakaopreis am Weltmarkt verändern und die Balance zwischen Angebot und Nachfrage außer Kraft setzen. Das frustriert die Kakaobauern weltweit. Sie investieren zum Beispiel in Zertifikate, um die Nachhaltigkeit zu belegen, dann geht der Preis für Kakao herunter. Solange mit Lebensmitteln spekuliert wird, verdienen Leute, die nichts mit der Wertschöpfungskette zu tun haben.
Was müsste man aus Ihrer Sicht tun?
Man muss die Spekulation mit Lebensmitteln und Agrarrohstoffen verbieten, das ist unmoralisch, das braucht niemand. In Westafrika gibt es jetzt staatlich regulierte Preise. Die Länder greifen in den Markt ein, weil der Markt nicht funktioniert, um die Bauern zu stützen. Wir gehen Partnerschaften mit Bauern ein, um uns aus dem Weltmarktpreis herauszuhalten. Aber wenn nach Ablauf der Verträge die Weltmarktpreise stark gesunken sind, müssen auch wir neu verhandeln.
Auch Handelskonflikte stören das Geschäft. Ist da Ihre neue Strategie, verstärkt international zu wachsen, nicht riskant?
Wir wollen einen größeren Kundenstamm, damit wir breiter aufgestellt sind, vor allem in China und Russland bauen wir unsere Geschäfte aus, aber auch in Großbritannien haben wir einen guten Lauf – Brexit hin oder her. Wenn man sich internationalisiert, dann kauft man die globalen Probleme mit ein. Nur in Deutschland zu bleiben wäre aber das größte Risiko.
Derzeit beträgt der Auslandsumsatz 45 Prozent bei knapp 500 Millionen Euro Umsatz. Wie hoch soll er künftig sein?
Intern gehen wir von einem Umsatz von 700 Millionen Euro bis 2025 aus. Der mit Abstand größte Auslandsmarkt ist Russland, hier wachsen wir derzeit zweistellig. Die russischen Verbraucher mögen das Quadratische, das etwas Dickere, die Schokolade zum Anfassen kommt gut an. Und als Lebensmittelhersteller hat Deutschland einen guten Ruf.
Sie haben für die Expansion auch die Geschäftsführung neu aufgestellt. Warum?
Früher hatten wir einen zentralen Ansatz, es gab zu viele Schnittstellen und zu langsame Entscheidungen. Jetzt machen wir die Kommunikation in den einzelnen Märkten lokal. Wir wollen einfache, dezentrale Prozesse, die uns agil machen.
Agil werden wollen alle.
Aber wir leben es auch. Die Entscheidungen müssen da fallen, wo die höchste Kompetenz ist und nicht die höchste Hierarchie. Wir müssen den Rahmen schaffen, dass die Leute gut arbeiten können, sonst hat man kein nachhaltiges Unternehmen. Wenn ich morgen vom Fahrrad falle, darf das das Unternehmen gar nicht spüren. Da sind wir auf einem guten Weg.
Sie wollen die Zentrale in Waldenbuch weiter ausbauen. Wie konkret sind derzeit ihre Pläne?
In Waldenbuch produzieren wir drei bis vier Millionen Tafeln täglich, wir haben nur ein Werk, das unterscheidet uns fundamental von unseren großen Konkurrenten. Weil wir weiter wachsen wollen, werden wir eine neue Anlage für die Produktion von Tafeln bauen, sie wird frühestens Ende 2021 betriebsbereit sein. Außerdem haben wir im Industriegebiet Bonholz eine Fläche gekauft und wollen dort eine Kakaoverarbeitung und eventuell eine Rösterei für Haselnüsse bauen. Hier laufen noch die Verfahren.
Das heißt, sie werden vom Kakaobauern auch noch zum Veredler?
Wir wollen die volle Wertschöpfungskette vom Anbau bis zur fertigen Schokolade. Dazu gehört auch die Kakaoverarbeitung, auch wenn wir weiterhin mit anderen Kakaoverarbeitern kooperieren.
Sie werben damit, dass Sie als einziger Hersteller weltweit zu 100 Prozent Kakao aus nachhaltigem Anbau beziehen und außerdem fair bezahlen.
Wir werden als Familienunternehmen nicht überleben, wenn wir auf Kosten unserer Partner leben, dann haben wir keinen Kakao in guter Qualität, und die Verbraucher strafen uns ab. Das lohnt sich nicht. Profitabilität gegen Nachhaltigkeit auszuspielen ist totaler Quatsch. Vielleicht müssen wir das etwas lauter sagen, ohne marktschreierisch zu werden. Vielleicht sind wir zu bescheiden-schwäbisch unterwegs.
Können Sie Ihre Nachhaltigkeit auch belegen?
In unserem Leitbild steht zum Beispiel, dass wir die nachhaltigere Lösung nehmen, auch wenn es zehn bis 15 Prozent mehr kostet. Außerdem ist mir wichtig, dass es ein gutes Miteinander gibt. Menschen müssen das sagen können, was sie denken. Man muss Kritik zulassen, auch wenn sie unangenehm ist, nur so kann man die beste Performance erreichen. Eine gute Mitarbeiterkultur ist oft wichtiger als eine gute Strategie.