Russland ist für Ritter Sport der wichtigste Auslandsmarkt. Foto: dpa/Ulf Mauder

Die Geschäfte der baden-württembergischen Unternehmen mit Russland sind eingebrochen. Mercedes ist schon weg, Bosch denkt über den Verkauf des letzten Werks nach – und Ritter Sport will sich weniger abhängig machen.

Immer neue Sanktionen können die Geschäfte mit Russland nicht gänzlich verhindern. Manche der Unternehmen aus Baden-Württemberg, die vor zwei Jahren in den Fokus gerieten, liefern noch immer in Putins Reich. Ein Überblick.

 

Bosch vor der gänzlichen Abkehr Generell sind vor allem Maschinen(teile) von den Handelsbeschränkungen betroffen – was speziell Bosch hart trifft. In Folge der Sanktionen sei ein Großteil des Geschäfts in und nach Russland seit Langem unterbrochen oder zum Stillstand gekommen, sagt eine Konzernsprecherin. Die Fertigungsstandorte Engels und Samara seien inzwischen verkauft – alle Mitarbeiter wurden von den Käufern übernommen. Die Produktion am verbliebenen Fertigungsstandort für Hausgeräte in St. Petersburg ruhe seit März 2022 – die Mitarbeiterzahl dort sei entsprechend signifikant gesunken. Auch für das St. Petersburger Werk „wird an verschiedenen Optionen gearbeitet, darunter auch ein möglicher Verkauf“, heißt es. Dazu gebe es aber noch keine Entscheidung.

„Insgesamt erwarten wir vor dem Hintergrund der sich weiter verschärfenden wirtschaftspolitischen Lage und damit einhergehenden Marktbedingungen in Russland weitere Einschränkungen bis hin zu einem Auslaufen der geschäftlichen Aktivitäten von Bosch in Russland“, so die Sprecherin.

Kurz nach dem Einmarsch hatte Ukraines Außenminister Dmytro Kuleba Bosch beschuldigt, die Invasionsarmee mit Fahrzeugteilen auszurüsten. Heute stellt Bosch fest, man habe „umfangreiche Maßnahmen ergriffen und gleich zu Beginn des Ukraine-Kriegs Lieferungen von Erzeugnissen für Kraftfahrzeugausrüstung nach Russland und daraufhin an russische Kunden weitgehend gestoppt“. Die wegen der geopolitischen Entwicklungen immer komplexer werdenden internationalen Regularien habe Bosch „zum Anlass genommen, seine umfassenden Richtlinien und Verfahren zur Exportkontrolle zu verschärfen“.

Mercedes kappt die Verbindung Vorige Woche wurde bekannt, dass sich die Mercedes-Benz Group AG von ihrer strategischen Beteiligung am russischen Lkw-Bauer Kamaz getrennt hat. Der 15-Prozent-Anteil stammt aus alten gemeinsamen Zeiten mit Daimler Truck. Der Vollzug sei im Februar erfolgt, hieß es. Weitere Beteiligungen gibt es in Russland nicht mehr. Details über Käufer und Kaufsumme wurden nicht bekannt. Kamaz rüstet das russische Militär aus. Schon im Vorjahr hatte der Stuttgarter Autobauer sein 2019 errichtetes Pkw-Werk Moscovia an den lokalen Autohändler Avtodom verkauft.

Ritter Sport verliert Marktanteile Auch Ritter Sport wurde vor zwei Jahren von Vertretern der Ukraine ins Rampenlicht gezerrt, weil es die Lieferbeziehungen aufrecht erhalten hatte. Lebensmittel unterliegen keinen Sanktionen. Heute ist Russland für Ritter noch immer der wichtigste Auslandsmarkt, wenngleich es aus Waldenbuch heißt: „Das Geschäft hat sich leicht rückläufig entwickelt, ebenso unser Marktanteil.“ Konkrete Zahlen werden nicht genannt – vor zwei Jahren lag der Marktanteil in Putins Reich noch bei sieben Prozent. Unlängst hatte der Vorsitzende der Geschäftsführung, Andreas Ronken, betont, dass man sich vom russischen Markt unabhängiger machen wolle. Dessen Bedeutung für das Geschäft und die Lieferketten solle verringert werden.

Seit 2003 sind die Waldenbucher mit einer eigenen Vertriebs-Tochtergesellschaft in Russland präsent, für die etwa 100 Mitarbeitende tätig sind – zumeist in der Zentrale in Moskau, aber auch im ganzen Land. In Russland gebe es kein Produktionswerk.

Infolge der Anschuldigungen vor zwei Jahren spendet Ritter seine in Russland erwirtschafteten und ausgeführten Gewinne. Im Vorjahr wurden 940 000 Euro erzielt, die an humanitäre Hilfsorganisationen gingen.

Handel mit Russland am Boden Die Kriegsfolgen spiegeln sich auch in den (vorläufigen) Zahlen des Statistischen Landesamtes: 2023 reduzierte sich der Wert der baden-württembergischen Exporte nach Russland gegenüber 2022 um fast 40 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro. 2021 betrug der Wert der gelieferten Güter mit 3,8 Milliarden Euro noch mehr als das Dreifache.

Vor allem wegen des Lieferstopps für russische Energie sackten die Importe um 90 Prozent gegenüber 2022 ab – der Wert aller Einfuhren fiel von 2,8 Milliarden auf 275,4 Millionen Euro. In der Rangliste der Zielländer belegt die Russische Föderation nur noch Platz 32 (vorher 26) – bei den Herkunftsländern stürzte sie auf Rang 58 (20) ab.

Wie viele Unternehmen aus dem Südwesten noch mit Russland Geschäfte machen, dazu „liegen dem Wirtschaftsministerium keine Informationen vor“, heißt es dort.

Sanktionen werden umgangen Forscher des Ifo-Instituts stellen fest, dass Russland die Sanktionen bei westlichen Gütern vor allem über die GUS-Länder in Zentralasien, also Staaten auf dem Territorium der früheren UdSSR, plus die Türkei umgeht. So gelangen viele verbotene Produkte über Parallelimporte nach Russland. Für all die Länder „lassen sich teilweise erhöhte Handelsvolumina erkennen“, so das Wirtschaftsministerium. Die Gründe seien aber unklar.

Auffällig in der Statistik ist der Handelsaufschwung mit Kasachstan – mit Ausfuhren im Umfang von 394 Millionen Euro, nach 136 Millionen zwei Jahre zuvor. Vor allem Kraftwagen(teile) und Maschinen trugen mit 116 und 92 Millionen Euro dazu bei, zudem elektrische Ausrüstung. Ebenso stieg der Wert der Ausfuhren in die Türkei rasant von drei Milliarden im Jahr 2021 auf fünf Milliarden Euro im vorigen Jahr – auch hier vor allem bei Kraftwagenteilen und Maschinen.