Immer noch bleibt Baden-Württemberg bei den Finanzierungen mit Risikokapital unter seinen Möglichkeiten. Doch die Aufholjagd hat begonnen. Vor allem das Engagement von Geldgebern aus dem Südwesten wächst.
Wer genau das Geld gibt, das ist auf der Präsentationsfolie für den aktuellen Risikokapitalfonds der Stuttgarter Risikokapitalgesellschaft Grazia Equity nicht nachzulesen. „Chef und Gründer einer stark wachsenden Softwarefirma“ oder „Chef einer führenden Biotechfirma“ – so steht es anonymisiert auf einer der etwa zwei Dutzend grauen Boxen mit den künftigen Investoren. Diskretion ist in dem Geschäft, das Grazia-Gründer Alec Rauschenbusch seit fast einem Vierteljahrhundert von Stuttgart aus betreibt, ein wichtiges Gebot. „Da sind eine ganze Reihe erfolgreicher Menschen aus Baden-Württemberg dabei“, sagt er.
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Die Investoren sind in einer ersten Finanzierungsrunde, dem sogenannten Closing, in den neu aufgelegten Fonds eingestiegen, der in den kommenden Jahren mehr als 100 Millionen Euro in Start-ups etwa auf den Feldern nachhaltiger Konsum, Gesundheitswesen oder Digitalisierung investieren soll. Und damit ist der Risikokapitalfonds nach Angaben von Rauschenbusch der bisher größte dieser Form in Baden-Württemberg. Grazia Equity ist bei Start-up-Finanzierern in Deutschland durchaus eine Größe. Sieben Unternehmen, die man über die Jahre mitfinanziert hat, haben inzwischen eine Milliardenbewertung.
Kapital vermehrt aus Baden-Württemberg
Grazia hat immer global investiert, nicht nur regional – etwa in einen Online-Händler für Brillen, ein Statistikportal oder zurzeit in ein Unternehmen, das einen veganen Käse entwickelt. Dass Grazia Equity in Stuttgart beheimatet ist, hatte mit dem Lebensmittelpunkt seines Gründers zu tun und zunächst nicht mit einer regionalen Perspektive. Doch Rauschenbusch glaubt im Südwesten an ein zunehmendes Potenzial.
Dass der neue Risikokapitalfonds von Grazia Equity, der nun mit dem ersten Zeichnungsschluss zum größten Teil finanziert ist, auf Investorenseite verstärkt einen südwestdeutschen Touch hat, liege im Trend, sagt er.
Er hofft dabei auf mehr Start-ups wie etwa das Tübinger Biotechnologieunternehmen Immatics, eines seiner frühen Portfoliounternehmen, das innovative Krebstherapien entwickelt, oder auch wie dasaus Israel nach Heilbronn gebrachte Unternehmen Inspekto, das die Automatisierung der Qualitätsinspektion in der Industrie auf ein neues Niveau hebt. In beide hat er investiert. „Wir stärken sehr gerne das baden-württembergische Start-up-Ökosystem“, sagt der Investor.
Noch starker regionaler Fokus
Dass dies ein überregional agierender Risikokapitalgeber sagt, ist ein neuer Akzent. Risikokapitalfirmen wie Lea aus Karlsruhe, die beispielsweise mit der Landesförderbank L-Bank kooperieren, hatten von vorne herein ihren Schwerpunkt bei baden-württembergischen Unternehmen. Auch andere Kapitalgeber, etwa der Zukunftsfonds Heilbronn oder die Business Angels Region Stuttgart denken eher regional oder wollen zumindest die Unternehmen, in die sie investieren, ins Land holen.
Und die von der baden-württembergischen Landesregierung etablierten oder geförderten Finanzierungsmodelle bleiben aus politischen Gründen auf Firmen ausgerichtet, die im Land selbst ihren Sitz haben.
Bisher fehlende überregionale Perspektive
Die etwa im Vergleich zu Berlin oder München fehlende überregionale Perspektive galt lange als einer der größten Schwachpunkte des Start-up-Ökosystems in Baden-Württemberg. „Baden-Württemberg liegt bei den Finanzierungen mit Risikokapital in Deutschland zwar immer noch nicht auf dem Platz, der seiner Wirtschaftskraft entspricht, aber es hat in den vergangenen Jahren Boden gutgemacht,“ sagt Rauschenbusch.
Aber noch großer Nachholbedarf
Der Trend stimme in der Tat sagt Adrian Thoma, der den „Gründermotor“ in Stuttgart betreibt und auch für den Bundesverband Deutsche Start-ups im Land spricht. „Aber auch wenn der dritte Platz beim Finanzierungsvolumen gut aussieht, so ist doch der Abstand zu den Spitzenreitern Berlin und Bayern eher noch größer geworden.“ Wenn nur drei Prozent des Wagniskapitals in Deutschland in den Südwesten fließen, sei das viel zu wenig.
Aber das Potenzial sei da: „Wir haben gerade eine Gründerwelle im frühen Stadium“, sagt Thoma. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich das auch in Finanzierungen niederschlage. Auch beim „Gründermotor“ glaubt man, dass im Land noch mehr Investorenkapital anzuzapfen ist – das dann auch selbst eine Magnetwirkung für Gründer entwickelt. „Talente ziehen dorthin, wo auch das Kapital ist“, sagt Thoma.
Wo steht der Südwesten beim Start-up-Kapital?
Aufholjagd
Eine aktuelle Untersuchung der Beratungsgesellschaft EY bescheinigt Baden-Württemberg beim Thema Start-up-Finanzierung eine Aufholjagd. So hat sich beispielsweise in Baden-Württemberg die Anzahl von Finanzierungsrunden für Start-ups von 2020 auf 2021 mehr als verdoppelt – das zweitstärkste Wachstum aller Bundesländer. Besser war nur Niedersachsen, allerdings von einem deutlich niedrigeren Ausgangsniveau.
Platzierung
Und auch mit einem Anstieg der Finanzierungssumme um 286 Prozent auf fast 600 Millionen Euro liegt das Land klar über dem mit einem Plus von 229 Prozent ebenfalls 2021 sehr positiven Bundestrend. Beim Finanzvolumen reicht es im Vergleich der Bundesländer auf Platz drei, bei der Zahl der Finanzierungen für Platz fünf.