Bereit auch für die Bundesliga? Das ist die Weilimdorfer Frage. Im Bild links: der Leistungsträger Lukas Laible. Foto: Archiv/Günter Bergmann

Die SG Weilimdorf kann schon am Samstag Regionalliga-Meister werden – was im Verein nicht nur Freude bereitet. Ein Blick auf die Gründe. Und was ein Aufstieg bedeuten würde.

Eines ist sicher: Auch an diesem Samstagabend (20 Uhr) wird die Hütte wieder beben. Schließlich ist das dort immer so, wenn die Ringer der SG Weilimdorf in ihrer heimischen Lindenbachhalle auf die Matte gehen. Und nun kommt noch eine beflügelnde Komponente hinzu. Schnappen sich die Nord-Stuttgarter schon am drittletzten Kampftag der Saison den Meistertitel in der Regionalliga? Die Chancen stehen nicht schlecht. Und dennoch: nicht bei allen im Verein will Partystimmung aufkommen. „Es ist natürlich schon Freude“, sagt der sportliche Leiter Markus Laible tapfer lächelnd – wirkt dabei aber ein bisschen, als hätte er gerade eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt vor sich.

 

Kann einem im Hexenkessel zugleich heiß und frostig werden? Laible ist das beste Beispiel dafür, dass ja. Denn so toll und beachtlich der Erfolg der eigenen Mannschaft ist, er bringt auch ein Problemthema mit sich. Wie bereits vor zwei Jahren, als die Weilimdorfer in Baden-Württembergs höchster Klasse ebenfalls als Erster über die Ziellinie gegangen sind, lautet dieses: Hilfe, Aufstiegsgefahr! Abermals steuern die starken Männer von der Solitudestraße auf die heikle Frage zu: Bundesliga, ja oder nein? Mit dem Unterschied zu damals, dass es sich diesmal um den Sprung nicht nur in die zweite, sondern gleich nach ganz oben, also die erste, handelte.

Einmal mehr strukturiert der Deutsche Ringer-Bund nach dieser Saison seine Ligen um. Beschlossen ist für 2026 eine Rückkehr zum Konstrukt aus der Vor-Corona-Zeit. Heißt: drei bis vier regionale Erstliga-Staffeln, je nach letztlich tatsächlicher Starterzahl. Direkt darunter die Regionalliga, und dazwischen keine andere Stufe mehr. Laible und seine Mitstreiter werden also entscheiden müssen, ob man diesen gleich doppelten Höhenflug wagen will – nicht nur unter sportlichen, sondern auch strukturellen und finanziellen Kriterien. Es ist ein Abwägungsprozess, bei dem nur noch wenig Bedenkzeit bleibt. „Ein Wahnsinn“, sagt Laible mit Blick auf den Deadline-Day. Jener ist am 21. Dezember, mithin nur einen Tag nach dem heuer letzten Wettkampf. Bis dahin haben alle theoretisch qualifizierten Teams Farbe zu bekennen. Sprich: ihre dann verbindliche Teilnahmeanmeldung einzureichen oder nicht.

Drei mögliche Entscheidungswege

Praktisch betrachtet ergeben sich für die SG Weilimdorf sogar drei Verfahrenswege. Möglichkeit eins: Der Verein sagt „ja“ und bemüht sich zwecks sportlicher Konkurrenzfähigkeit um eine deutliche Aufrüstung von Etat und Kader. Ein Schritt ins Risiko. Motto: Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Diese Variante schließt allerdings nicht nur Laible kategorisch aus. „Wir haben keinerlei Lust, unsere Mannschaft auf den Kopf zu stellen“, sagt er. Selbst dann nicht, wenn eine gute Fee Geldscheine regnen lassen würde. Eine Frage von Philosophie und Prinzip. Unverhandelbar ist für Laible: „Bei uns werden immer überwiegend unsere eigenen Ringer ringen – das ist das, was auch unsere Zuschauer sehen wollen.“ Einmal ganz abgesehen davon, dass es in monetärer Hinsicht allein aus der jüngeren Vergangenheit genügend mahnende Exempel gibt: nämlich von Clubs, die sich übernommen haben. Die Opferliste reicht von Aalen über Schifferstadt und Adelhausen bis zuletzt Neuss und Heilbronn.

Möglichkeit zwei: Der Verein sagt „ja“ und setzt eben dennoch weiterhin auf Bewährtes – allen in diesem Fall anderen Risiken und Nebenwirkungen zum Trotz. In Kauf zu nehmen wäre hierbei, womöglich zum sportlichen Kanonenfutter zu mutieren. Deutlich teurer als bisher würde es auch so. Denn anders als in der Regional- fallen in der Bundesliga für jeden ausländischen Ringer auf der Kaderliste Meldegebühren an den internationalen Dachverband (UWW) an. Konkret: pro Athlet 2000 Euro pro Saison. Die Weilimdorfer wären demnach allein schon mit ihrem bisherigen ungarischen Trio bei 6000 Euro an rein formellen Zusatzkosten. Klingt im Vergleich etwa zur Fußballszene nach Peanuts, ist für einen reinen Amateursportverein aber viel. Erlaubt sind in der Bundesliga vom nächsten Jahr an je Verein acht Ausländer, von denen jeweils vier in einer Begegnung eingesetzt werden dürfen. Bisher stand die Zahl gar bei 13.

Möglichkeit drei schließlich: der Aufstiegsverzicht. Bundesliga – danke, nein. Klappe zu, Affe tot. So schön es klänge: Nüchternheit schlägt Abenteuerlust. Anno 2023, beim erwähnten Premierenfall, haben die Weilimdorfer den Daumen schließlich so gesenkt. Während in der Chefriege der Abteilung am Ende Einigkeit herrschte, wie sich Laible erinnert, war die Meinung in der Mannschaft durchaus gespalten.

Und dieses Mal? Aus seiner eigenen Tendenz macht Laible keinen Hehl: Es ist die gleiche wie damals. „Diese Sache beschäftigt die Jungs natürlich. Manch einer sagt sich: vielleicht eine einmalige Chance“, sagt er. Aber „allein dafür, um später mal sagen zu können: ich habe ein Jahr Bundesliga gerungen“? Hierfür alle erwähnten Begleitumstände auf sich nehmen?

Immerhin: ein Auseinanderbrechen des Kaders ist nach Laibles Einschätzung so oder so erneut nicht zu befürchten. Dazu sei die Verbundenheit aller mit dem Verein zu groß, ist er überzeugt. Als einzige Wackelkandidaten im bisherigen Aufgebot gelten Karoly Barath (aktuell 9:0 Saisonsiege, hofft auf ein Stipendium in den USA) und Anton Buchholz, deren Ausstieg freilich schwer wiegen würde. Letzterer sowie Laibles Sohn Lukas haben dem Vernehmen nach bereits Angebote aus der Bundesliga ausgeschlagen. Der eine aus Urloffen, der andere aus Freiburg. Diese beiden Akteure gehören definitiv zur Fraktion, die sich gerne auf höchster Ebene versuchen würde – am liebsten zuhause in Weilimdorf.

Karoly Barath (rechts) hofft auf ein Stipendium in den USA. Foto: Günter Bergmann

Laible senior vernimmt es einstweilen mit einem Schnaufen. Verflixte Gewinnerei aber auch! Hätte die Truppe nicht einfach guter Dritter oder Vierter werden können wie in der vergangenen Saison? Aber nein! Klar, so sagt Laible das nicht. Aber die in Falten gelegte Stirn lässt Ähnliches erahnen.

Nun sind der nächste Meistertitel und die nächste Lindenbachhallen-Party kaum mehr zu vermeiden. Erledigen die Weilimdorfer die Pflichtaufgabe gegen den punktlosen Letzten Ladenburg und lässt zugleich der Verfolger Hofstetten in seinem schweren Auswärtskampf in Dewangen etwas liegen, ist die Nummer schon an diesem Samstag durch. Und falls nicht, haben Laible und die Seinen nach zuletzt neun Siegen in Serie danach immer noch zwei Matchbälle. Bebende Hütte und Hexenkessel-Sorgen inklusive.

Bundesliga-Eckdaten – und was der Nachbar Musberg plant

Bundesliga
Vorgesehen ist für die nächste Bundesliga-Saison ein Starterfeld von maximal 24 und mindestens 18 Mannschaften. Die Wunschvorstellung des Verbands: drei Staffeln à acht Teams. Potenzielle Teilnehmer sind die aktuellen acht Erst- und 15 Zweitligisten sowie die acht Meister der Regionalligen. Sagen alle ja, wäre das sogar zu viel und bräuchte es eine Aufstiegsrunde. Aber tatsächlich dürfte sich der Andrang eher in Grenzen halten. Bereits fix ist, dass der RV Lübtheen (Mecklenburg-Vorpommern) nicht will.

KSV Musberg
Verzichtet der baden-württembergische Regionalliga-Erste auf den Aufstieg, geht das Recht auf den Zweiten über – welcher auch noch KSV Musberg heißen könnte (momentan Vierter). Doch möchte der Vereinschef Andreas Stäbler eine daraus denkbare Baustelle erst gar nicht aufmachen. „Eigentlich sind wir schon in unserer jetzigen Klasse über dem Limit. Mit dem Thema Bundesliga brauchen wir uns definitiv nicht zu beschäftigen“, sagt er. Auch sind die Musberger in dieser Hinsicht ein gebranntes Kind. Anders als der Nachbar Weilimdorf waren sie schon einmal zwei Jahre in der nationalen Beletage, in den Jahren 2010 und 2011, damals noch als Abteilung des TSV Musberg. Eine Zeit, an die Stäbler zwiespältige Erinnerungen hat: „Sportlich war es eine wahnsinnig tolle Sache“, blickt er zurück – „aber hinterher war auch viel Ärger da.“ Es folgten seinerzeit finanzielle Streitigkeiten mit dem Hauptverein, die in der späteren Abspaltung gipfelten, sowie nach dem Bundesliga-Rückzug die automatische Rückstufung in die Oberliga.