Rin veröffentlicht an diesem Freitag sein neues Album „Kleinstadt“. Wir haben mit Renato Simunovic, wie der Rap-Superstar aus Bietigheim-Bissingen bürgerlich heißt, über Erwartungshaltungen, Altersarmut, Elektro-Porsche und seine Einbürgerung gesprochen.
Bietigheim-Bissingen - Wie soll deutscher Rap im Jahr 2021 klingen? So ganz genau weiß das niemand. Hört man Rins neues Album, könnte man meinen, er hat sich nicht nur die Antwort, sondern auch die dazugehörige Frage ausgedacht. Grunge, Pop, Balladen – so hat Hip-Hop aus dem Südwesten jedenfalls noch nie geklungen. Gemeinsam mit den Producern Minhtendo und Alexis Troy hat der 27-jährige Rapper mit kroatischen und bosnischen Wurzeln ein Werk geschaffen, das der Region mit Doppelkennzeichen seinen ganz eigenen Sound geben will.
Rin, auf Ihrem neuen Album spielen Sie mit der Abwechslung und verschiedenen Genres. Wie wichtig ist Ihnen die Überraschung der Zuhörer?
Das Cross-over entstand eigentlich aus meiner eigenen Langeweile während der Coronapandemie. Ich glaube, dass die Musikbranche den größten Schaden innerhalb der Unterhaltungsbranche genommen hat.
Welche Gründe vermuten Sie?
Ich denke, der Grund dafür ist, dass Musik eine Monokultur ist.
Welche Bedeutung hatten die Genrewechsel für Sie als Künstler?
Ich fand Hip-Hop dieses Jahr einfach nicht so spaßig und wollte etwas Neues ausprobieren – soweit es meine Karriere und meine Skills eben zulassen. Jeder dieser Ausflüge bildet deinen Kopf. Wenn man wieder zum Hip-Hop zurückkehrt, hat man ganz andere Fähigkeiten. Letztendlich kann ich von Glück sprechen, die Musik nicht mehr aus monetären Gründen machen zu müssen.
War es mehr als eine Sinnkrise?
Wenn man Musik nicht mehr nur für Geld macht, stellt man sich die Frage: Warum mache ich es dann? Wenn der Job keinen Spaß macht und einen nicht weiterbringt, macht man das auch nicht lange. Und ich liebe es so sehr, dass ich es noch lange machen will.
Und das ist längst nicht mehr nur Musik. Sie machen jetzt auch einen Kräutertee.
Ja, der Tee war Teil meines Labels Ljubav. Mein Kopf ist ziemlich kompliziert und den ganzen Tag voller Ideen. Ich muss aufpassen, dass ich nicht durchdrehe, und habe etwas gebraucht, das nichts mit Musik zu tun hat. Im Dezember kommen noch mehr Produkte wie Skincare oder Handtücher.
Lesen Sie aus unserem Angebot: HipHop von Rin, Bausa und Shindy: Bietigheimer Beats
Was mögen Sie an Ihrem zweiten Standbein? Die Produktpalette geht ja schon über den normalen Künstler-Merch hinaus.
Ich genieße es, mit anderen und vor allem älteren Menschen zu sprechen. Ich lerne neue Leute kennen, die etwas sehr viel besser können als ich. Ich mag es nicht, der Klügste im Raum zu sein. Im Hip-Hop hat man immer dieses Ego-Thema, und es wird weniger substanzielles Wissen ausgetauscht. Nächstes Jahr wird es wirklich verrückte Produkte geben – auch deutsche, obwohl ich kein Deutscher bin.
Wollen Sie jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft?
Ja, es hat mich so genervt – jetzt will ich die doppelte Staatsbürgerschaft. Nächstes Mal kann ich auch wählen. Ich zahle schließlich siebenstellig Steuern. Ich werde ehrlich gesagt auch immer mehr zum Schwaben: Effizienz, regionales Denken und vor allem Nachhaltigkeit sind wichtig für mich geworden. Schwaben sind die nachhaltigsten Menschen, die es gibt. Auch noch der letzte Esslöffel Bolognese wird eingefroren (lacht). Ich habe mir jetzt sogar ein Elektroauto bestellt.
Was für eins?
Einen Porsche (lacht). Guilty.
Ist ja auch regional.
Stimmt, es sind keine 15 Minuten zwischen Zuffenhausen und mir. Aber ernsthaft, eine Zusammenarbeit mit Porsche wäre mein absoluter Lebenstraum.
Apropos Lebenstraum und Geld, Sie haben in einem Interview erzählt, dass Ihre Eltern ihre Eheringe verpfänden mussten und die Familie mehrmals insolvent war. Sie hatten Panikattacken, und die Zukunft sah nicht rosig aus.
Mit einer der größten Unterschiede zwischen mir und meinen deutschen Freunden war, dass mir bewusst war, dass ich mich irgendwann um meine Eltern kümmern muss. Hätte ich diesen Erfolg nicht gehabt, wären meine Eltern mit Vollgas in die Altersarmut hineingeschlittert. Das ist eine ganz andere Art von Antrieb, die dir über jegliche Art von Burn-out hinweghilft.
Verwöhnen Sie Ihre Eltern nun?
Ja, denn diese Menschen haben ihr Leben für mich geopfert, Tag und Nacht gearbeitet, damit ich nur ähnliche Möglichkeiten haben kann wie Kids, die hier groß geworden sind. Meinen ersten Vorschuss habe ich direkt eins zu eins an meine Eltern überwiesen, damit sie ihre Schulden begleichen konnten. Mein Vater ist schon Rentner und will trotzdem nicht aufhören zu arbeiten. Er kennt ja nichts anderes, weil er seit seinem zehnten Lebensjahr gearbeitet hat. Dabei soll er jetzt einfach seinen Lebensabend genießen.
Was hätten Sie studiert, wenn der NC keine Rolle gespielt hätte?
Als Kind Medizin, später hätte ich gerne Medienwirtschaft studiert. Doch dann bin ich bei Druck- und Medientechnik gelandet. Das war der einzige Studiengang ohne NC – ich habe rechts und links geguckt, und da saßen auch nur Jungs wie ich (lacht). Was mich am Ausländersein am meisten gestört hat, waren fehlende Ressourcen zu Bildung. Wenn man nicht kopflos studieren kann, daneben arbeiten muss und es sich durch die Startbedingungen einfach nicht leisten kann.
Haben Sie noch andere Träume?
Wenn ich das Vermögen von P. Diddy hätte, würde ich auf jeden Fall eine Musik-Uni eröffnen, um etwas zurückzugeben. Ich will auch irgendwann eine Professur haben und Dozent sein. Stell dir vor, da steht Professor auf meiner Bankkarte!
Wer ist Rin?
Rapper
Rin, der mit bürgerlichem Namen Renato Simunovic heißt, ist in Bietigheim-Bissingen bei Stuttgart geboren. Der 27-Jährige mit kroatischen und bosnischen Wurzeln ist einer der erfolgreichsten Rapper Deutschlands und hat bereits über 2,7 Millionen Tonträger verkauft.
Drittes Album Vor allem sein spezieller Sound und die gefühlvollen Texte machen seine Musikästhetik aus. Auf seinem dritten Studioalbum „Kleinstadt“, das an diesem Freitag erscheint, probiert er aber auch andere Stile wie Grunge, Rock und Balladen aus: So hat Hip-Hop aus dem Südwesten noch nie geklungen. Gemeinsam mit den Producern Minhtendo und Alexis Troy hat der 27-Jährige nun ein neues Werk geschaffen, das der Region seinen ganz eigenen Sound geben will.