Hoher Besuch im Literaturmuseum der Moderne: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit der Leiterin des Deutschen Literaturarchivs, Sandra Richter, und der baden-württembergischen Kunst- und Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (rechts) Foto: Christoph Schmidt

Unter dem Titel „Und dann und wann ein weißer Elefant“ präsentiert das Marbacher Literaturmuseum der Moderne seine Rilke-Schätze – und dann kommt auch noch der Bundespräsident vorbei.

Man hat in Marbach schon Staatsoberhäupter erlebt, denen der Sinn nach Pferden und nicht nach Literatur stand. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zählt definitiv nicht dazu. Er weiß, was ihn hier erwartet – und weiß es wohl zu schätzen. Schon zu Beginn seiner Amtszeit machte er bei seinem Antrittsbesuch in Baden-Württemberg nicht nur den üblichen politischen und wirtschaftlichen Schaltzentralen seine Aufwartung, sondern auch dem Deutschen Literaturarchiv auf der Schillerhöhe.

 

Seitdem könnte das Fremdenverkehrsamt der Stadt mit dem präsidialen Diktum werben: „Marbach ist einer der schönsten Orte, wenn man Literatur liebt.“ In diesem Jahr lässt sich diese Bestimmung zuspitzen: „Wenn man Rilke liebt“. Denn in dessen Namen glänzen die hier gehüteten intellektuellen Goldreserven gerade noch etwas mehr als sonst. Erstmals präsentiert das Literaturmuseum der Moderne, was mit der aufsehenerregenden Erwerbung des Gernsbacher Rilke-Nachlasses nach Marbach gelangt ist: über 300 nie zuvor gezeigte Exponate bringen den Dichter in all seinen widersprüchlichen Facetten zum Leuchten.

Am 4. Dezember, dem Tag der Eröffnung, Rilkes 150. Geburtstag, hätte man in Abwandlung eines hier geflügelten Wortes fragen können: Where is the President? Denn eigentlich wollte es sich Frank-Walter Steinmeier nicht nehmen lassen, die große Jubiläumsschau höchstselbst zu eröffnen. Ironischerweise verhinderte das eine Dienstreise zum britischen König Charles, dessen Mutter die Nachlasshüter einst bei einem Besuch mit der Frage „where are the horses?“ irritierte, weil sie sich in einem anderen Marbach, dem mit Gestüt auf der Alb, wähnte.

Steinmeier sieht in Rilke einen Dichter der Sehnsucht und Hoffnung

So blieb es fürs erste bei einem virtuellen Grußwort, in dem Steinmeier den Dichter, der an so vielen Orten seine Spuren hinterlassen hat, ohne irgendwo zuhause zu sein, als Europäer schlechthin würdigte: als ein Dichter der Sehnsucht und Hoffnung – ein Dichter des Advents.

Ausstellungsbesuch in kundiger Begleitung Foto: dpa/Christoph Schmidt

Statt Pferden dreht in der überwältigenden Ausstellung „dann und wann ein weißer Elefant“ die Runde, nach der dem Ganzen den Titel gebenden Verszeile aus dem Gedicht „Das Karussell“. Und dann schaut der Bundespräsident doch auch noch persönlich vorbei, eine Woche später als geplant.

Auf der Schillerhöhe herrscht an diesem Donnerstagvormittag Ausnahmezustand, Polizisten riegeln das Gelände ab, in Uniformen, nicht ganz so bunt wie die Husaren auf den Zeichnungen des jungen Rilke. Der hohe Gast dafür in leuchtend blauem Anzug. Umringt von einer illustren Begleitung, darunter die baden-württembergische Kunst- und Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne), ein Pulk von Journalisten, Fotografen, und ein Grüppchen junger Studierender.

Zum Schicksal des literaturaffinen Staatsoberhaupts gehört wohl, dass ihm die Betrachtung einer solchen Ausstellung nicht in aller Stille vergönnt ist, sondern zur Haupt- und Staatsaktion gerät. Die berühmte Zeile aus Rilkes Gedicht „Archaischer Torso Apollos“, „da ist keine Stelle, die dich nicht sieht“, ist für Steinmeier zur Alltagserfahrung geworden.

Andererseits gibt es natürlich Schlimmeres, als von der Direktorin der Marbacher Institute, Sandra Richter, durch die von ihr und Vera Hildenbrandt kuratierte Ausstellung geführt zu werden. Während Steinmeier im Blitzlichtgewitter einen Parcours hochformatiger Porträts abschreitet, erzählt ihm seine Führerin, Rilke habe sich nur ungern fotografieren lassen, sich überhaupt für wenig attraktiv gehalten. Die vielen Frauen, die ihn durchs Leben begleiteten, hätten dies wohl anders gesehen, flicht Steinmeier ein. Vielleicht lag es an der schönen Stimme. Oder an seiner Kunst der Selbststilisierung, die Sandra Richter an dem erfundenen Familienwappen veranschaulicht, das eine wohl eher zweifelhafte Abkunft aus kärntnerischem Uradel verbürgen soll.

Dieses Gästebuch landet mit Sicherheit einmal im Archiv. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Am Bild des Autors haben nicht nur seine Werke mitgeschrieben, sondern auch die Nachkommen, die jenen Schatz, der nun manche Korrektur erlaubt, eifersüchtig hüteten. Wie die Ausstellung zeigt, war Rilke alles andere als jener hochgestimmte einsame Genius, sondern vielfach vernetzt und in verschiedenen Rollen Teil des Literaturbetriebs seiner Zeit. So führt der Weg von den Prager Anfängen nach Paris, durch die halbe Welt, vorbei an jenem Raubtier, das wie Richter erklärt, für das Große, Schöne, Universale stehe.

Wie verhält es sich mit Rilkes späten Sympathien für Mussolini?

Aber auch bei jenem berühmten „Panther“, ein Welthit, wie Steinmeier meint, könnte man versucht sein, im Widerspruch intimer Kunsterfahrung und öffentlicher Zurschaustellung eine Form der Gefangenschaft zu sehen. Anders freilich als der Blick des Tiers im Gedicht ist jener des prominenten Betrachters alles andere als „müd geworden“. Kundig und interessiert folgt er den Ausführungen seiner Begleitung, und ihm entgehen nicht feine Details, etwa, dass Rilke die erste Reinschrift einer Duineser Elegie an seine Gönnerin Marie von Thurn und Taxis sendet, aber nicht an seine Frau.

Nordafrika, Ägypten, Russland, Spanien, Griechenland, Schweiz – vielleicht ist es über die verführerische Sprachmacht hinaus dieses kosmopolitische Bewegungsmuster, das den früheren Außenminister für Rilke einnimmt. Doch am Ende des Weges, der in vieler Hinsicht die Genese dieser Dichtung transparent macht, gewinnt ein in der Ausstellung nur am Rande behandelter Aspekt an Bedeutung: Wie es sich denn mit Rilkes späten Sympathien für den italienischen Diktator Mussolini verhalte, will Steinmeier wissen.

Rilkes umstrittene Ansichten: Gewalt als notwendiges Mittel?

Der Publizist Hans-Peter Kunisch ist jüngst in seiner Studie „Das Flimmern der Raubtierfelle“ dieser Frage nachgegangen. In drei Briefen an die Mailänder Gräfin Aurelia Gallarati-Scotti rechtfertigte Rilke Gewalt und die Einschränkung der Freiheit als notwendige Mittel gegen demokratische „Zaghaftigkeiten“ und Abstraktionen wie Internationalismus oder Humanität, die Europa schwächten. In der gegenwärtigen rechtspopulistischen Gemengelage klingen solche Töne vertrauter, als einem lieb sein kann.

Sandra Richter wendet dagegen ein, dass sich Rilke nicht auf solche Positionen festlegen lasse. Er habe ebenso Kontakt zu dem von Rechtsradikalen ermordeten Politiker Walther Rathenau gepflegt wie zu dem expressionistischen Dichter Ernst Toller: „Rilke sah sich als einen apolitischen Autor, er war nach dem ersten Weltkrieg der Überzeugung, man müsse Volk und Eliten zusammenbringen, um eine neue Gesellschaft aufzubauen, und dachte für eine kurze Zeit, das sei es, was in Italien geschehe.“

Im Anschluss unterhält sich Steinmeier noch mit Studierenden im Ausstellungscafé über ihre Wege zu Rilke. Der einer zukünftigen Lehrerin führt über den „Panther“, ein Gedicht, dass sie für Fragen des Tierwohls sensibilisiert habe, mit dem Ergebnis, dass sie nun Vegetarierin sei. Eine Kommilitonin wiederum untersucht, wie Rilkes Frau, die Bildhauerin Clara Westhoff, an seinem Werk mitgeschrieben hat.

In Marbach diskutiert Steinmeier mit Studenten über Rilke

Ob sie sich an dem gegenwärtigen Hype, den Lady-Gaga-Tattoos von Rilke-Sentenzen, nicht auch stören, fragt der Bundespräsident. Ganz im Gegenteil, es sei doch wunderbar, wenn so etwas Hochartifizielles in die Popkultur diffundiere. Und die Lehrerin in spe freut sich schon darauf, ihren zukünftigen Schülern den Dichter mit Lady Gaga schmackhaft zu machen. Wenn die Kinder dann noch wissen, wer Lady Gaga ist, erwidert Steinmeier trocken. Einer der jungen Leute will der Frage weiter nachgehen, wie apolitisch Rilke wirklich war. Nach seinem Studium zieht es ihn auf das politische Feld. Und vielleicht ist es diese wechselseitige Beziehung, die beim Besuch eines Bundespräsidenten, dem es dabei sichtlich nicht um Lippenbekenntnisse geht, an einem Ort wie diesem mit Hoffnung erfüllt. Ob er nicht ein Gedicht aufsagen wolle, wird er zum Schluss gefragt. Aber nein: „Gedichte rezitiere ich nur an Weihnachten“. Soviel zum Dichter des Advents.