Der Regisseur Ridley Scott war wegen der Metoo-Kampagne in großer Sorge um seinen Film „Alles Geld der Welt“. Foto: Getty Images

Im Herbst 2017 wurde Kevin Spacey vom Star zum Buhmann: wegen sexueller Belästigungen. Ridley Scott hatte gerade einen Film mit ihm abgedreht. Er schob das Material beiseite und drehte mit Christopher Plummer alles neu. Nun kommt „Alles Geld der Welt“ ins Kino, und Soctt ist froh über seine harte Entscheidung.

Berlin - Die Zeit war knapp, der Druck hoch: Als sein Hauptdarsteller Kevin Spacey öffentlich angegriffen wurde, musste Ridley Scott eilends entscheiden. Im Interview gibt er zu, dass dabei ökonomische Gründe sehr wichtig waren.

Mr. Scott, „Alles Geld der Welt“ war abgedreht, als im Herbst der Skandal um Kevin Spacey losbrach. Was war damals Ihre erste Reaktion?
Zunächst ging es ja los mit Harvey Weinstein. Da staunte ich, denn ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass Harvey noch eingeholt wird von seinem Verhalten. Aber als es kurz darauf um Kevin ging, war mein erster Gedanke: ach du Scheiße! Mir war klar, dass es da nicht um eine kurz mal aufflackernde Aufregung geht, sondern eine Art Säuberung bevorsteht. Dass diese Enthüllungen der Anfang einer großen Veränderung sind und all der Mist, der von vielen in dieser Branche über viele Jahre als normales Verhalten etabliert wurde, endlich aufhört.
Berechtigterweise?
Sicher gab es im Fall von Kevin auch einige Vorwürfe, die harmloser waren als andere. Wenn ein junger Mann Mitte 20 angebaggert wird, wird der sich schon zu helfen wissen. Aber Teenager? Das ist vollkommen inakzeptabel. Genau wie so vieles bei Weinstein.
Welche Konsequenzen befürchteten Sie?
Ich hatte keinen Zweifel daran, dass wir in diesem Strudel der Ereignisse untergehen würden. Dass niemand mehr Lust haben würde, Werbung für diesen Film zu machen, zumal in der Weihnachtszeit. Wir waren erledigt. Doch ich war ziemlich schnell überzeugt davon, dass ich Kevin würde ersetzen können. Ich besprach mich mit dem Investor, der den Film zum Großteil finanziert hatte, und berichtete von meinem Plan. Er wollte nur wissen, ob ich mir sicher sei, dass ich das in der knappen Zeit tatsächlich hinbekomme – und fragte dann, wie viel Geld ich brauche. Alle Beteiligten waren bereit, noch einmal anzutreten, um unsere gemeinsame Arbeit zu retten. Am Ende schafften wir es innerhalb von neun Drehtagen.
Haben Sie lediglich Spaceys Szenen mit Christopher Plummer nachgedreht oder auch noch komplett Neues?
Das war nicht nötig, der Film war perfekt, wenn ich das mal so selbstbewusst sagen darf. Wir haben nur das Nötigste gedreht, mit den gleichen Kulissen und dem gleichen Skript. Wobei Plummers Präsenz den Film selbstverständlich auf interessante Weise veränderte.
Haben Sie ihm die ursprüngliche Fassung gezeigt?
Nein, das wollte ich auf keinen Fall. Und er auch nicht. Er wollte unvoreingenommen sein und sein eigenes Ding machen. Was er dann auch tat.
b>Der knallharte alte Getty
Was interessierte Sie überhaupt an der Geschichte der Getty-Entführung?
Ich fand John Paul Getty und die ganze Familie schon in den sechziger Jahren spannend. Ich war schon in jungen Jahren recht erfolgreich und von Menschen mit viel Geld umgeben. Aber ein Milliardär wie Getty, das war etwas vollkommen Außergewöhnliches. Anders als heute hatte damals niemand Milliarden auf dem Konto. Die Öffentlichkeit kannte Getty eigentlich nur, weil er Geld hatte – und dann, nach der Entführung, war er plötzlich nicht mehr nur berühmt, sondern auch berüchtigt. Weil er eben von dem Geld nichts für seinen Enkel zahlen wollte.
Ist er für Sie der Antagonist dieser Geschichte?
Auf keinen Fall. Mir war das immer viel zu simpel, ihn als kaltherzig abzutun. Sich vor die Presse zu stellen und zu sagen: ich zahle nicht – das war natürlich eine Verhandlungstaktik, eine Botschaft an die Entführer. Auch Regierungen lassen sich nicht auf Erpressungen und Forderungen von Terroristen ein. Da steckt für mich sehr nachvollziehbares Kalkül dahinter.
Haben Sie Getty mal getroffen?
Nein, der alte Getty ist mir nie begegnet. Mit seinem Urenkel Balthazar habe ich vor vielen Jahren mal einen Film gedreht, „White Squall“. Da war er 19 Jahre alt oder so. John Paul Getty III wurde ja nur wenige Jahre nach der Entführung nach einer Überdosis zum Pflegefall. Seine Mutter Gail war zeitlebens an seiner Seite.
War sie irgendwie in die Arbeit an „Alles Geld der Welt“ eingebunden?
Das nicht, aber sie hat ihn gesehen. Sie ist mittlerweile 82 Jahre alt und ebenso blitzgescheit wie unberechenbar. Auch zweien ihrer Töchter habe ich den Film gezeigt. Er hat sie alle sehr bewegt und aufgewühlt.
Zum Abschluss noch ein Blick zurück auf Ihren zweiten Film des Jahres 2017. „Alien: Covenant“ blieb an den Kinokassen hinter den Erwartungen zurück. Ist damit das endgültige Ende dieser Reihe besiegelt?
Wo denken Sie hin? Wenn eine grauenvolle Schnapsidee wie „Alien vs. Predator“ damals das Alien nicht umbringen konnte, dann kann es niemand. Natürlich habe ich keine Ahnung, was nun passieren wird, wo 20th Century Fox von Disney gekauft wurde, die eigentlich nur Filme für Kinder, Teenager und deren Eltern machen. Aber ich habe die Arbeit an der Fortsetzung zu „Alien: Covenant“ längst begonnen.
          
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