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Die Bildung soll von der Medizin lernen, fordert der Psychiater Manfred Spitzer.

Stuttgart - Unterrichtsreformen könnten genauso wissenschaftlich überprüft werden wie neue Medikamente. Lehrer sollten auch lernen, was Gehirnforscher zu den Themen Lernen, Aufmerksamkeit und Neugier herausgefunden haben.

Mal wird im Mathe-Unterricht für Erstklässler die Mengenlehre eingeführt, dann wieder kurzerhand abgeschafft; mal wird in Ostdeutschland die Schulzeit um ein Jahr verlängert, dann wird sie auch an westdeutschen Gymnasien um ein Jahr verkürzt; Studenten wird das Ausland nahegelegt, aber künftige Lehrer dürfen nicht einmal im benachbarten Bundesland studieren... Wird im Bildungswesen hirn- und planlos herumgepfuscht? Von außen betrachtet, drängt sich dieser Eindruck auf. Der Psychiatrie-Professor Manfred Spitzer formuliert es höflicher. Er sagt zum Beispiel: "Erkenntnisse aus der Gehirnforschung könnten als Grundlage für eine Pädagogik auf wissenschaftlicher Basis dienen." Das bedeutet ungefähr das Gleiche, klingt aber freundlicher.

An der Universitätsklinik Ulm leitet Spitzer das von ihm gegründete Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen. Bekannt ist der umtriebige Forscher auch wegen seiner Fernsehserie "Gehirn und Geist", zahlreichen Büchern und Veröffentlichungen in Zeitschriften. Vor ein paar Jahren machte er sich Freunde, als er passend zur Computer-Messe CeBIT darauf hinwies, dass mit Computern in den Schulen nur "Zeit verbraten" werde, dass BildschirmMedien "dick, dumm und gewalttätig machen" und dass daran auch noch so viel Medienpädagogik nichts ändern könne, weil sie "nichts bringt". Spitzer ist ein Mann mit einer Mission: Die Bildung soll von der Medizin lernen.

Die Misere der Unterrichtsanstalten fängt schon bei der Lehrerausbildung an, sagt Spitzer: "Stellen Sie sich vor, ich hätte vor 30 Jahren den letzten Patienten gesehen. Wie könnte ich angehenden Ärzten vermitteln, wie sich depressive Menschen heute fühlen und wie man sie nach dem heutigen Stand des Wissens behandelt?" Im Bildungswesen sei das aber der Normalfall: "Professoren, die angehenden Lehrern das Lehren beibringen sollen, haben selbst keine Schüler und teilweise noch nie an einer Schule unterrichtet. Wie soll ein junger Mensch von ihnen lernen, wie man mit Migrationshintergrund, Aggressivität oder Motivationslosigkeit umgeht?" Spitzer empfiehlt den pädagogischen Hochschulen die Universitätskliniken als Vorbild: Sie sollten sich vor allem um die schwierigen Fälle kümmern. Also zum Beispiel Hauptschulen in Ausländervierteln betreuen.

Von der Pisa-Studie hält Spitzer nicht viel

Im Gesundheitswesen gebe es zwar auch viele Reformen und viel Geschrei von Lobbyisten, räumt Spitzer ein. "Aber da geht es nur um Geld." Inhaltliche Fragen, etwa ob eine neue Therapie sinnvoll ist, ab welchem Alter Brustkrebsuntersuchungen angebracht sind oder wie Rauchverbote wirken, würden dagegen nicht nach dem Bauchgefühl, sondern mit Hilfe von nachprüfbaren wissenschaftlichen Studien entschieden. Im Bildungsbereich müsse es genauso laufen, findet Spitzer: "Wie Kinder am besten lernen, ist eine Frage, die mit empirischer Forschung zu lösen ist." Statt zum Beispiel endlos zu streiten, wann der beste Zeitpunkt für den Übergang von der Grund- zur weiterführenden Schule ist, solle man lieber verschiedene Modelle ausprobieren, fleißig Daten sammeln und dann auswerten.

Von der berühmten Pisa-Studie und bloßen Leistungstests hält Spitzer allerdings nicht viel: Wie in der medizinischen Versorgungsforschung, die Krankenhausbetten zählt, schaue man da bloß nach, wer wo was wie macht. So könne man zwar Schwächen aufdecken, etwa die Leseschwierigkeiten von Immigrantenkindern, aber nicht herausfinden, wie der Unterricht zu verbessern sei: "Statistische Zusammenhänge sagen nichts über Ursachen und Wirkungen. Wirklicher Fortschritt kann aus dieser Ecke gar nicht kommen. Eine Sau wächst ja auch nicht schneller, wenn man sie täglich wiegt."

Das Hauptanliegen des Ulmer Neurowissenschaftlers ist, Ergebnisse der Gehirnforschung bekanntzumachen. Beispielsweise ist im Hirn der sogenannte Mandelkern das Angstzentrum: Er merkt sich furchterregende Sachen, lässt Puls und Blutdruck steigen und aktiviert den Körper für Abwehrreaktionen. Werden Dinge unter Beteiligung des Mandelkerns gespeichert, löst ein Abruf erneut Angst aus, und ein kreativer Umgang mit dem Material ist nicht mehr möglich. Genau der wäre aber zum Beispiel für mathematische Aufgaben nötig, schließlich kann man da die Lösungen nicht auswendig lernen. "Emotionen haben einen großen Einfluss auf Lernvorgänge", erläutert Spitzer: "Mathematik ist ein stark mit Angst belegtes Fach. Sehr viele Menschen verfallen beim Anblick einer Formel in eine Art intellektuelle Totenstarre."

Eine ganze Reihe von Studien belegt, dass frühkindliche Bildung besonders große Effekte bringt, und zwar für den gesamten weiteren Lebensweg. Wer als Wolfskind in einer wenig stimulierenden Umgebung aufwächst und nicht bis etwa vier Jahren eine Sprache erlernt hat, wird sich danach kaum noch geistig entwickeln. Bis zu den Bildungspolitikern hat sich das aber noch kaum herumgesprochen; Kindergärten und Grundschulen sind - vorsichtig formuliert - keine Investitionsschwerpunkte. "Mancherorts wird sogar die Lehrmittelfreiheit abgeschafft", empört sich Spitzer. "Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kinder nicht zählen."

Bereits Babys mit Relativitätstheorie zu traktieren, bringt andererseits auch nichts, sagt Spitzer: "Sie lernen schnell, aber nur nebenher. Wenn sie irgendetwas Bestimmtes lernen sollen, tun sie sich schwer." Solange das Frontalhirn noch nicht ausgereift ist, blendet es zu komplizierte Dinge einfach aus. Die Gehirnzellen werden erst nach und nach verdrahtet. Während der Pubertät schalten sie dann mehr oder weniger ab, beziehungsweise sind mit internen Umbauten so beschäftigt, dass Schulunterricht kaum noch durchdringt. "Für 14-Jährige wäre ein Auslandsaufenthalt oder ein halbes Jahr am Fließband wahrscheinlich das Beste", vermutet Spitzer. Diese Phase geht allerdings vorbei. Im Prinzip ist der Mensch bis zum Tod neugierig: "Im Gehirn sind Lernen und Glück eng miteinander verknüpft."

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