Richard von Weizsäcker ziert in Stein gemeißelt den Erbsenbrunnen in Bad Cannstatt: Fritz von Graevenitz, ein Onkel von Weizsäcker, modelliert das Büble auf dem Brunnen 1929 nach dem Vorbild seines damals neunjährigen Neffen. Foto: dpa

Glanz und Würde: Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker wird 90.

Stuttgart/Berlin - Von seinem Namen gehen Glanz und Würde aus, er ist beliebt - ein Konservativer, der im politischen Streit mit geschliffener Sprache brilliert. Am kommenden Donnerstag feiert Richard von Weizsäcker seinen 90. Geburtstag.

Vor einem knappen Monat hat sich der Jubilar mächtig geärgert. Da erschien der "Spiegel" mit dem Titel "Die Weizsäckers - Revolutionäre, Nazis, Staatsmänner". Richard von Weizsäcker - ein Abkömmling eines Hitler-Unterstützers? Das Magazin widmet dieser Frage lange Passagen einer im Prinzip wohlwollenden Geschichte über den "Mythos Weizsäcker".

Der Vater ist umstritten

Unter die Lupe genommen wird dabei die tragische Rolle des Vaters, unter Hitler Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Unterstellt werden Ernst von Weizsäcker nicht nur Opportunismus, sondern auch Menschenverachtung im Sinne des NS-Rassenwahns.

Neffe Ernst Ulrich von Weizsäcker (70) ist empört, spricht gegenüber den Stuttgarter Nachrichten von einer Fehldarstellung. "Ernst von Weizsäcker hat niemanden so gehasst wie die Nazis. Er wurde gezwungen, Mitglied der NSDAP zu werden. Es gab im Auswärtigen Amt ein ganzes Widerstandsnest."

Wegen der Deportation französischer Juden wurde Weizsäcker in Nürnberg als Kriegsverbrecher zu sieben Jahren Haft verurteilt - und vorzeitig entlassen. Der Weizsäcker-Biograf Martin Wein urteilt: "Bedächtig bis zur Ängstlichkeit, oft zu optimistisch und manchmal naiv, hatte der Patriot versucht, die brutale Außenpolitik des NS-Regimes zu bremsen, weil er in einem Weltkrieg die größte Gefahr für den Bestand der deutschen Nation sah."

Den braunen Fleck auf der Familiengeschichte hat die Lichtgestalt Richard von Weizsäcker stets überstrahlt. Hildegard Hamm-Brücher, die große alte Dame der FDP, nennt ihn den besten Präsidenten - nach Theodor Heuss.

"Die Parteien zur Räson zu bringen - das war seine heikelste Mission", die aber auch dringend notwendig gewesen sei. "Das wäre jetzt auch mal wieder fällig", sagt die 89-Jährige - eine Spitze gegen Amtsinhaber Horst Köhler.

"Er interessiert sich sehr für die junge Generation"

Ernst Ulrich von Weizsäcker, langjähriger Stuttgarter SPD-Abgeordneter, bedauert, dass er am 15. April nicht in Berlin sein kann, um zu gratulieren. Aber er ist sicher, dass der Onkel noch viele Geburtstage feiern wird: "Er ist jedes Mal voll lebendig, wenn ich mit ihm telefoniere, er interessiert sich sehr für die junge Generation."

Richard von Weizsäcker, von 1984 bis 1994 sechstes Staatsoberhaupt der Bundesrepublik, gilt als Glücksfall für die deutsche Politik. Nicht nur die "Neue Zürcher Zeitung" sieht in ihm eine moralische Autorität: Er rage unter den Bundespräsidenten unbestritten als Figur heraus, die mit nobler Zurückhaltung, aber großer Eindringlichkeit den Mahnfinger vor den Missständen der Zeit hob. "Und er stand über den Dingen."

Weizsäcker trocknet die Reste des braunen Sumpfs aus

Keine Frage, der Konservative - humorvoll, diszipliniert und intellektuell - beeindruckt auch Menschen in anderen politischen Lagern. SPD-Altkanzler Helmut Schmidt (92) preist Weizsäckers Rhetorik: "Er kann zum Volk reden und auch einen Saal voller Professoren fesseln."

Am 3. Oktober 1990, beim Festakt zur Wiedervereinigung Deutschlands in Berlin, prägt Weizsäcker die unvergessenen Worte: "Sich zu vereinigen heißt teilen lernen."

Staatsmann par excellence

Verbunden ist sein Name aber vor allem mit der Gedenkrede zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, eine der wichtigsten Reden der deutschen Geschichte.

Damals, 1985, bezeichnet er den 8. Mai 1945 als "Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft". Weizsäcker gelingt es, Überreste des braunen Sumpfs endgültig auszutrocknen. Ein Staatsmann par excellence.

Die in einem "Spiegel"-Leserbrief geäußerte Polemik, dass in jedem System die Weizsäckers immer oben schwammen, sie immer und überall eine gute Figur machten - "die problematische Seite des Bildungsbürgertums", verfängt bei ihm nicht.

Im Neuen Schloss geboren

Auf die Welt kommt Richard von Weizsäcker am 15. April 1920 an einem heiteren Frühlingstag - in einer Mansardenwohnung im Stuttgarter Neuen Schloss. Seine Jugend verbringt er in der Schweiz, in Dänemark und in Berlin - der Vater ist als Diplomat im Einsatz. Von 1939 bis 1945 ist Weizsäcker Soldat, im April 1945 wird er in Ostpreußen verletzt und nach Potsdam transportiert.

Bis 1950 studiert Weizsäcker Jura und Geschichte in Göttingen, bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse eilt er den Anwälten seines Vaters zu Hilfe. 1953 heiratet er Marianne von Kretschmann, aus der Ehe gehen vier Kinder hervor.

Die gescheiterte Präsidentschaft von 1974

1954 tritt Weizsäcker in die CDU ein, zwölf Jahre später ist er Mitglied des Parteibundesvorstands, von 1969 bis 1981 Mitglied des Bundestags.

Bei der Ratifizierung der Ostverträge stürzt sich Weizsäcker ins Gefecht, hält zwei vielbeachtete Reden - die Union enthält sich danach der Stimme und lässt so die Verträge passieren.

Im Mai 1973 unterliegt er Karl Carstens in einer Kampfabstimmung um den Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. 1974 bewirbt sich Weizsäcker aussichtslos um das Amt des Bundespräsidenten - gegen Walter Scheel bleibt ihm nur die Rolle des Zählkandidaten.

Miltitante Hausbesetzer lassen sich beruhigen

Sieben Jahre später schafft er es dann doch in ein hohes Amt, Weizsäcker hat in der Politik zu kämpfen gelernt: 1981 wird er Regierender Bürgermeister von Berlin, und die SPD muss zur Kenntnis nehmen, dass es ihm gelingt, die militante Hausbesetzerszene zu beruhigen.

Zuvor ist er zweimal - in den 60er Jahren und Ende der 70er Jahre - Präsident des Evangelischen Kirchentags.

Ärger mit Kohl

1984 dann der Sprung ins höchste Staatsamt, 1989 Wiederwahl mit großer Mehrheit: Er erhält in der Bundesversammlung 881 von 1022 Stimmen. Es ist die bislang einzige Wahl eines Bundespräsidenten, bei der es nur einen Bewerber gibt.

Mit Helmut Kohl hat sich Weizsäcker zwischenzeitlich überworfen. Der CDU-Chef wirft Weizsäcker vor, er habe vergessen, dass er auf der Parteischiene Karriere gemacht habe. Weizsäcker lässt im Gegenzug nicht ganz uneitel durchblicken, die CDU könne sich mit ihm brüsten.

Er bleibt stets auf Distanz zum Parteiensystem, und Anfang der 90er Jahre hält er den Parteien gar Machtversessenheit und Machtvergessenheit vor.

Auch nach seinem Abtritt als Bundespräsident ist Weizsäcker ein weltweit gesuchter Ansprechpartner geblieben, er engagiert sich in Stiftungen, darunter der Theodor-Heuss-Stiftung in Stuttgart - getreu der Tradition, dass sich die Weizsäckers stets als Diener der Gesellschaft verstanden haben.

Manchmal auch ohne Profil

Noch bis vor kurzem mischte sich Richard von Weizsäcker kräftig in die politische Debatte ein. Doch manchmal wurden bei ihm auch Ecken und Kanten vermisst.

Sein im vergangenen Jahr erschienenes Buch über den Fall der Mauer nennt die "Welt" so ausgewogen, als hätte er es noch in seiner Amtszeit verfasst, und bemängelt die "noble Überparteilichkeit, die allen ein wenig recht gibt, und, wo es schwierig wird, das meiste offen, also unentschieden lässt". Das Fazit: schlichtweg langweilig.

Rückblende auf den November 1992, als Berlin schwere Krawalle nach einer Demonstration gegen die zunehmende Ausländerfeindlichkeit erlebte.

Der Historiker Michael Wolfsohn bezichtigte Weizsäcker damals in einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten der Unfähigkeit: "Die Hilflosigkeit zeigte sich auch am Verhalten des Bundespräsidenten, der sich an den Text seiner Rede klammerte. Er hätte, weil das Staatsschiff in Seenot war, sich von dem Manuskript trennen und die Randalierer offensiv mit einer Schmährede packen müssen." Eine sinnlose Empfehlung: Weizsäcker ist ein Grandseigneur, kein Haudrauf.

Elderstatesman - und "selbstverständlich volksnah"

Der Vorwurf, dass Richard von Weizsäcker als Politiker unfähig zur Attacke war, ist freilich nicht haltbar. In seinem Buch "Drei Mal Stunde null?" (2001) zeigt er, dass er auch austeilen kann. Den Anspruch des SPD-Kanzlers Willy Brandt von 1969, mit der Demokratie erst richtig anfangen zu wollen, nennt er ein "unsinnig arrogantes Signal".

Auch die Union wird gerüffelt: Ihr Wahlslogan von 1976, "Freiheit oder Sozialismus", sei verantwortungslos gewesen.

Weizsäcker, der "Preuße aus Stuttgart" (Schmidt), wollte nie als aristokratisch abgehoben gelten, gleichwohl erwarb er sich schon früh den Rang eines Elderstatesman.

"Diejenigen, die man kennt und schätzt in der Aristokratie, haben sich immer dadurch ausgezeichnet, dass sie sich nix darauf einbilden", sagt Ernst Ulrich von Weizsäcker. "Die sind selbstverständlich volksnah."

So sei auch sein Onkel, dem er ein "fröhliches Weiter-so" auf den Weg gibt.

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