Das Ballet of Difference tanzt in Richard Siegals neuen Stück „Made for Walking“. Foto: www.raydemski.com

Balletterneuerer wie der Stuttgarter Haus-Choreograf Marco Goecke sind Mangelware. Entsprechend viel Aufmerksamkeit haben Schrittmacher, die Unkonventionelles wagen. Richard Siegal zum Beispiel, der nun mit seiner Kompanie Ballet of Difference in Ludwigsburg gastierte.

Ludwigsburg - Am 11. März jährt sich der Geburtstag von Marius Petipa zum 200. Mal. Der 1818 in Marseille geborene Tänzer und Choreograf, der am Mariinsky-Theater in St. Petersburg mit Stücken wie „La Bayadère“, „Schwanensee“, „Nussknacker“ und „Dornröschen“ Erfolge feierte, gilt als Vater des klassischen Balletts. Er verarbeitete italienische, russische, französische Elemente und brachte auch Volkstanzmotive in seine Klassiker ein.

Ein paar Epochen später ist es nicht mehr so leicht, zum starken Mann (noch schwieriger: zur starken Frau) der Ballettszene zu werden. Alles ist ausprobiert, alles sieht doch irgendwie immer ein bisschen nach den letzten großen Meistern van Manen, Kylián, Forsythe aus. Volle Aufmerksamkeit hat da einer wie der Stuttgarter Haus-Choreograf Marco Goecke, der mit elektrisierenden Gesten und kühlem Minimalismus dem Ballett eine neue Bewegungswelt öffnete.

Und auch dem amerikanischen Choreografen Richard Siegal eilt mit seiner 2016 in München gegründeten Kompanie der Ruf voraus, auf der Höhe der Zeit zu tanzen. Wie das aussieht und mit welcher Wucht, vor allem akustischer, das Wellen in den Zuschauerraum jagt, war am Dienstag im gut besuchten Forum am Schlosspark in Ludwigsburg zu erleben; kurz nach der Premiere in Köln stand hier Siegals dreiteiliger Abend „On Body“ auf dem Programm.

Partnerschaft mit dem Schauspiel Köln

Ballet of Difference (BoD) nennt Siegal seine heute in München und Köln beheimatete, 13-köpfige Truppe. Der Anspruch ist hoch - und kommt an. Siegal, der aus der Vielfalt seiner Kompanie künstlerisches Kapital schlagen will, wird nicht mehr allein von der Stadt München unterstützt, sondern darf sich auch über eine Partnerschaft mit dem Schauspiel Köln freuen, wo „On Body“ am 22. Februar Premiere hatte. 

Doch wie der Name der Kompanie bleibt auch „On Body“ am Ende von zwei ziemlich lauten Stunden ein eher uneingelöstes Versprechen. In jeder Hinsicht bunt gemischt ist inzwischen ja jede Ballettkompanie; den Unterschied, auf den der Name Ballet of Difference anspielt, macht eher die stilistische Vielfalt aus, die seine Tänzer ins Spiel bringen könnten - aber an diesem Abend leider nur sehr begrenzt dürfen. Und auch die Befragung des Körpers aus unterschiedlichen Perspektiven, die „On Body“ anvisiert, hat eher einen eingeengten Fokus.

Kostüme machen den Körper zur Skulptur

Zu sehen bekommt man in den beiden großen Ensemblestücken, dem Signaturstück „BoD“ aus dem Jahr 2017 und „Unitxt“, 2013 für das Bayerische Staatsballett entstanden, nämlich verblüffend konventionelle Ballettperlen: Arbabesken, Attitüden, Sprünge, Pirouetten reiht Siegal zu lauten Techno-Beats flott aneinander. Ja, es gibt Unübliches wie Drehungen auf den Knien, kantige Bollywood-Gesten, lockere Hüften, die Kostüme von Becca McCharen, die in „BoD“ mit upgecycelten Luftmatratzen das Thema Tutu witzig variiert und jeden Tänzer zu einer individuellen, assymmetrischen Körperskulptur macht, und überraschende Klang- wie Lichteffekte, die auf die Millisekunde genau Bewegungseffekte unterstreichen. Diese Hingucker sorgen dafür, dass der Abend wie eine knallbunte, auffällige Kette um den Hals des BoD liegt.

Richtig neu ist an Richard Siegals zusammengewürfeltem Kosmos aber nichts - und in der Summe sind „BoD“ und „Unitxt“ irgendwann langweilig, weil beide Stücke zwar eine Laborsituation suggerieren, aber nie klar machen, welche Notwendigkeit den Tanz antreibt und hier untersucht werden soll. Bleibt das Mittelstück des Abends, das mit vier Tänzern klein besetzte „Made for Walking“, das als einzig neues Stück Hoffnung macht. Nicht in Spitzenschuhen, sondern in Springerstiefeln tritt das Quartett an. Helle Kleider über schwarzen Leggings verwandeln die drei Tänzerinnen und ihren Kollegen in ein Unisex-Team, und im Dialog miteinander enttarnen sie klatschend und stampfend den Körper als sehr zeitgemäßen Resonanzboden. So kann das Miteinander, mit der langen, dunkelhäutigen Courtney Henry als Pol, endlich zum Thema werden. Wie sich Bewegungen, verschiedene Rhythmen und ihr Klang treffen, überlagern, dann wieder auseinanderdriften, macht den Unterschied aus, für den ein Ballet of Difference stehen könnte.

 

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