Peter Ruf moderierte die Veranstaltung, an der auch Sozialministerin Karin Altpeter (im Hintergrund links, mit schwarzen Haaren) teilnahm. Foto: Georg Linsenmann

„Uns steht das Wasser bis zum Hals“: Dieses alarmierende Resümee zog im Richard-Bürger-Heim eine Diskussionsrunde mit Sozialministerin Karin Altpeter zur „Situation der stationären Altenpflege“.

Stuttgart-Feuerbach - Dass ein Altenheim in Sachen Pflege zu einem dezidiert „politischen Stammtisch“ einlädt, das signalisiert einen besonderen Gesprächsbedarf. Zumal dann, wenn man nicht auf einem fernen Podium plaudern, sondern mitten im eigenen Haus die „Zukunft der stationären Altenpflege aus Sicht der Landespolitik“ diskutieren lässt: mitten unter den Heimbewohnern, mit zahlreichen Pflegekräften – und mit ministerieller Teilnahme. Wobei Karin Altpeter, Ministerin für „Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen“ in Baden-Württemberg, die Thematik nicht nur ein politisches Anliegen, sondern auch eine „Herzenssache“ ist: Sie hatte ihren beruflichen Werdegang einst als Altenpflegerin begonnen – und wurde auf dem „gemähten Wiesle“ entsprechend herzlich begrüßt.

Den „gewaltigen Brocken“ teilte Heimleiterin Eva Trede-Kretzschmar eingangs in drei handlichere Fragekomplexe: Welchen Stellenwert hat die stationäre Altenpflege aktuell? Welche Bedeutung hat die Pflegeversicherung? Und: Wie lässt sich der zunehmende Bedarf an Pflegekräften decken? Sogleich sah sich das mit geballter Fachkompetenz besetzte Quintett mit einem Zwiespalt konfrontiert: Auf der einen Seite das hohe Ansehen des Pflegeberufes, der nach der Feuerwehr gleich an zweiter Stelle steht, auf der anderen Seite die „massive Distanz“ der Bevölkerung zu stationärer Pflege.

Mediale Skandalisierung

Deren Image schwanke zwischen „Sagrotan und Apfelkuchen“, meinte Roland Sing vom Landesseniorenrat und kulminiere in dem resignierenden Satz: „Jetzt musst du halt ins Pflegeheim.“ Dabei zeigten große Erhebungen, dass „der weitaus überwiegende Teil der Heimbewohner positiv berichte“, stellte Dr. Waltraut Hannes vom medizinischen Dienst der Krankenversicherung Baden-Württemberg fest. Dominiert werde das öffentliche Bild aber von medialer Skandalisierung. Das verdecke, mit „wie viel Sorgfalt, Empathie und Professionalität die Menschen in der stationären Pflege in ihrer letzten Lebensphase begleitet werden“.

Verzerrend wirke auch der Eindruck von Apathie der Bewohner, meinte Heike Baehrens vom Diakonischen Werk: „Aber es gibt solche Lebenssituationen, es gibt Apathie und Demenz. Dementsprechend sollten wir die Pflege wertschätzen.“ Der Abstand schwinde erst bei „eigener Betroffenheit“, meinte Karin Altpeter. Der Grund sei, dass Pflege mit „der eigenen Endlichkeit“ konfrontiere, „und vom Ende des Lebens will man nicht soviel wissen“. Das Pflegethema müsse aber „in die Mitte der Gesellschaft gerückt werden“. Hinsichtlich der Belastung der Pflegenden scheute sie sich nicht, das Ernsteste zu benennen: „In Altenheimen wird auch gestorben, und die Leute sterben oft nicht schön.“

Chronische Unterfinanzierung in den Häusern

In diesem Horizont bekamen die Befunde zur finanziellen Situation der stationären Pflege eine ganz eigene Relevanz und Gewichtigkeit. So wurde die Einführung der Pflegeversicherung vor knapp 20 Jahren zwar allgemein als „Segen“ bezeichnet, zugleich aber auch deren „Webfehler“ benannt, die heute eine chronische Unterfinanzierung in den Häusern verursachten. Hans Kübler, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Altenheimat, sprach von einem Skandal und beschrieb von Trägerseite die Tricks des Alltags: Rationalisierung, Arbeitsverdichtung, aufgeschobene Stellenbesetzungen, Einsatz von Praktikanten: „So kann es nicht weitergehen, wenn wir eine würdevolle Pflege wollen. Warum stehen wir nicht zur stationären Pflege als einer Einrichtung, die wir brauchen wie Krankenhäuser, Schulen oder Kindergärten? Uns steht das Wasser bis zum Hals.“

Die Ministerin bestätigte die Dringlichkeit von Reformen. Auf Bundes-, aber auch auf Landesebene. So sei es ein Unding, dass im Land noch der Personalschlüssel aus den 1980er Jahren gelte, und dies bei deutlich mehr schwerst Pflegebedürftigen. Eine Pflegerin pflichtete ihr bei: „Unser Pensum ist unglaublich. Schlechte Pflege gibt es, weil nicht genug Geld da ist.“ Ein Befund, der auch Aspekt des perspektivisch wachsenden Bedarfs an Pflegekräften mit einem dicken Fragezeichen versah. Qualifikation ist der eine Ansatz. Auch, um Altenpfleger im Beruf zu halten. Und doch gilt auch hier: „Gute und ausreichende Pflege gibt es nur mit fairer Bezahlung.“ Wie eine Zusammenfassung des Abends – unter der kundigen Moderation von Peter Ruf – klang so der Prüfsatz an die Politik, den Roland Sing formulierte: „Wie haltet Ihr es mit der Solidarität mit der Pflege?“ Die Lage gebiete, „nicht leise zu sein“.

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