Bewegt sich auf sozialen Medien wie X stilsicher, selbstbewusst und oft provokant: Ricarda Lang. Foto: Christoph Soeder/dpa

2025 war Ricarda Lang eine der schlauesten Stimmen im deutschen Politdiskurs. Zeit, sich mit der Ex-Grünen-Chefin zum Rückblick zu treffen: Was bleibt von den Debatten des Jahres?

Ihr Amt als Bundesvorsitzende der Grünen legte Ricarda Lang Ende letzten Jahres nieder. Und profitierte dann 2025 von einem Phänomen, das man schon öfter beobachten konnte: Ohne die Last des Postens (und der grünen Koalitionsbeteiligung) wurde Lang – 31, in Filderstadt geboren, in Nürtingen aufgewachsen – zu einer der originellsten Stimmen im deutschen Politikbetrieb. Vor allem in sozialen Medien wie X, Instagram und TikTok, in denen sie sich so stilsicher, selbstbewusst und oft provokant bewegt, wie man es sonst nur von Medienprofis kennt.

 

Auch ein Buch hat sie geschrieben: „Der große Umbruch“, gemeinsam mit dem Soziologen Stefan Mau. Ein Treffen in ihrem Abgeordnetenbüro im Bundestag – für Ricarda Langs kritischen Rückblick auf die Debatten, Aufreger und Glückspunkte des Jahres.

„Auf die Barrikaden!“

19. Januar 2025. Eine Bundestagsrede der Linke-Politikerin Heidi Reichinnek geht viral – eine Anklage gegen Friedrich Merz, mit Migrationspolitik einen schmutzigen Wahlkampf zu machen.

Ich erinnere mich gut an diesen gespenstischen Moment im Plenarsaal. Gerade hatten größte Teile der Union und der FDP, erstmals und wissentlich mit der AfD, einen Antrag zu Asylrechtsverschärfungen beschlossen. Kolleginnen weinten, ich geriet in eine hitzige Debatte mit FDP-Kollegen: „Checkt ihr nicht, was ihr hier gerade tut?“ Das Besondere an Heidi Reichinneks Rede war, dass eine enorme emotionale Authentizität in ihr steckte, kurz vor der Wahl.

Entsprechend schnell stieg dann auch der Stimmenanteil der Linken auf fast neun Prozent. In der Situation konnten sie viele Leute erreichen, die auch wir Grüne zu lange vernachlässigt hatten. Insgesamt haben sich die progressiven Kräfte zuletzt zu weit in die Defensive drängen lassen. Wir waren nicht darauf vorbereitet, wie stark selbst Konservative bestimmte demokratische Grundwerte infrage stellen würden, und konzentrierten uns in der Folge fast nur noch darauf, den Status quo zu verteidigen. Plötzlich lag das Ideal der Veränderung weltweit bei autoritären und rechtsradikalen Kräften. Ich finde: Das kann so nicht bleiben. Es braucht wieder eine progressive, konstruktive Vision.

 


Geteiltes Heil

20. Januar 2025: Elon Musk, Unternehmer und damals US-Sparoffizier, beendet eine Rede mit einer Hitlergruß-Geste. Im Netz entbrennt ein Streit darüber, wie das genau zu verstehen sei.

Wir sollten uns nicht dümmer stellen, als wir sind. Viele haben gesagt, Musk habe die Hand aus Versehen gehoben oder einen Römischen Gruß gezeigt. Aber wenn ein Aktivist, der eine rechte bis rechtsextreme Agenda verfolgt, vor Tausenden diese Geste präsentiert, dann darf und sollte man es als das benennen, was es ist. Grundlegend hat die derzeitige US-amerikanische Administration eine Sache allerdings deutlicher erkannt als alle demokratischen Kräfte: dass Politik heute immer auch Entertainment ist.

Man konkurriert nicht mehr nur mit anderen Parteien, sondern auch mit Netflix, Games und sozialen Medien. Die Frage ist also: Wie kann ich in diesem Sinn agieren, ohne komplett ins Populistische zu verfallen? Ich selbst versuche, das auch mit Humor zu beantworten. Und bei aller Kritik: Auch Markus Söder zeigt mit seinen Essensfotos, dass er sich mit dem Thema auseinandersetzt. Auch wenn mir sein Ansatz zu unernst ist.

Zustände wie auf dem Pausenhof

28. Februar 2025: US-Präsident Trump demütigt den ukrainischen Präsidenten Selenskyj im Weißen Haus vor laufenden Kameras.

Die Szene symbolisiert für mich die Rückkehr der Hinterhofpolitik. So scheint die US-Regierung derzeit die Welt zu sehen: Ein paar mächtige Länder, und in diesen Ländern ein paar reiche Männer, teilen sich die Welt untereinander auf. Ohne Regeln, nur über das Recht des Stärkeren. In dieser Logik entscheidet die Ukraine natürlich nicht selbst über ihr Schicksal. Diese Schulhof-Mobbing-Attitüde wurde in Trumps Streit mit Selenskyj deutlich. Die EU wurde damals als Gegenentwurf zu dieser Art der Politik gegründet.

Und steht nun vor der Herausforderung, auf die auch ich noch keine Antwort habe: Wie setzen wir das Prinzip „Gleiche Regeln für alle“ in einer Welt mit immer mehr Regelbrechern durch? Ich finde ja, Friedrich Merz hat in Washington eine gute Figur gemacht, er wirkt auf der internationalen Bühne souveräner als Olaf Scholz. Aber mir scheint, auch er ist in dieser Frage nicht weiter. Ein paar gute Auftritte sind noch keine stringente Europapolitik.

Die weißen Tauben sind stinksauer

April 2025: In der Debatte um den deutschen Wehrdienst mehren sich Stimmen von Verweigerern. So erklärt der Journalist Ole Nymoen in Talkshows, er wolle im Kriegsfall nicht für Deutschland kämpfen.

In der Ukraine tobt seit Jahren ein brutaler Krieg. Und die alte Gewissheit, dass wir militärisch von einer Macht wie den USA geschützt werden, ist definitiv vorbei. Europa und Deutschland müssen mehr in ihre Verteidigungssicherheit investieren, das steht fest. Trotzdem fand ich es bis weilen befremdlich, mit welcher Härte auf Gegenpositionen reagiert wurde. Zum Beispiel auf den pazifistischen Essay von Jürgen Habermas oder die Aussagen von Ole Nymoen. Ich teile seine Argumente nicht, aber ich habe ein Problem damit, wie schnell auch in meinem Milieu gesagt wurde, man dürfe solchen Gedanken keine Bühne geben. Ich würde mir eine offenere Diskussion wünschen, vor allem mit jungen Menschen. Viele haben große Angst vor einem Krieg. Zugleich haben sie das Gefühl, dass insbesondere bei der Wehrpflicht über ihre Köpfe hinweg verhandelt und entschieden wird. Meine Sorge: Eine Regierung, die nicht mehr mit ihren jungen Bürgerinnen und Bürgern redet, wird diese Jugend verlieren. Das darf nicht passieren.

Ricarda Lang über Dubai-Schokolade: "Eins, zwei, drei… Zuckerschock!"

Juli 2025: Der Wirbel um die chinesischen Labubu-Knuddelfiguren erreicht Deutschland. Tausende stehen stundenlang an, um die Sammelobjekte für ihre Kinder (oder sich selbst) zu ergattern.

Ich gebe offen zu: Ich habe noch immer nicht verstanden, woher bei den Labubus die Faszination kommt. Natürlich verbringe ich viel Zeit auf TikTok, bekomme viele Social-Media-Trends mit und muss auch über Memes lachen, die im Bundestag vermutlich sonst nur wenige lustig finden. Auch Dubai-Schokolade habe ich mir gekauft. Aber bei den Labubus bin ich raus. Ich finde es interessant, wie Popkultur immer stärker aus dem asiatischen Raum geprägt wird, erst aus Japan, dann Südkorea, jetzt China.

Und ein wenig habe ich den Eindruck, dass vor allem das funktioniert, was Zusammengehörigkeit schafft. Labubu war und ist eine Bewegung, Millionen von Menschen teilen eine Leidenschaft. Das ist selten geworden. Vielleicht rührte daher auch der aktuelle Trend, dass Leute sich an öffentlichen Orten trafen, um Pudding mit der Gabel zu essen. Eigenartig, aber Hauptsache: gemeinsam. Ich kann’s verstehen.

Die Herrin der Ringe

26. August 2025: Die Popkünstlerin Taylor Swift gibt ihre Verlobung mit dem Footballspieler Travis Kelce bekannt. In den sozialen Medien herrscht für einige Tage Ausnahmezustand.

Ich bin seit Jahren großer Taylor-Swift-Fan. Dabei habe ich natürlich auch ihr Liebesleben mitverfolgt, das ja nur selten von allzu viel Freude geprägt war. Ihr Herzschmerz hat viele wunderbare, traurige Lieder hervorgebracht. Trotzdem habe ich mich natürlich sehr für sie gefreut, als ich die Bilder von der Verlobung sah. Einige haben kritisiert, sie habe das alles zu traditionell inszeniert. Aber für mich bedeuten Frauenrechte auch, dass alle selbst entscheiden können, wie sie ihr Glück feiern wollen.

Ich muss zugeben, dass ich die eher ausgelassenen Lieder auf Taylors neuem Album zuerst etwas gewöhnungsbedürftig fand. In einem erzählt sie relativ unverblümt vom Geschlechtsteil ihres Verlobten. Jahrelang habe ich den Zweiflern gesagt: „Hört mal richtig hin, ihre Liedtexte sind literarische Meisterwerke!“ Das muss ich nun zumindest in diesem Fall zurücknehmen. Daran, dass ich Swiftie bin, ändert das natürlich nichts.

Ein Meilenstein, ein schwerer Weg

13. Oktober 2025: Rund zwei Jahre nach dem Hamas-Angriff auf Israel und dem Beginn des Gazakriegs werden die letzten lebenden israelischen Geiseln nach Hause entlassen. Die Waffen ruhen.

Das waren großartige Bilder. Wie wahrscheinlich allen ging mir das Herz auf, als ich sah, wie die Geiseln von ihren Familien begrüßt wurden. Darüber gibt es nichts zu streiten, über die Debatte der letzten Jahre allerdings schon. Ich fand es schade, wie sich während des Krieges die öffentliche Lagerbildung verschärft hat und wir uns gegenseitig die Empathie abgesprochen haben, im Wunsch nach absoluter Eindeutigkeit. Oft wirkte es, als müsse man sich entscheiden: Entweder man zeigte sich empathisch mit den israelischen Geiseln, wofür einem dann vorgeworfen wurde, es sei einem gleichgültig, was im Gazastreifen passiert. Oder halt umgekehrt.

Gleichzeitig beklagten sich beide Seiten, dass medial nicht über sie berichtet werde. Ich bin überzeugt, dass unsere Menschenherzen groß genug sind, um die Not auf beiden Seiten zu sehen und für universelle Werte einzustehen. Die Hamas ist eine islamistische Terrororganisation und Antisemitismus ein unermessliches Übel. Israel wiederum hat in seiner Reaktion überzogen und viel Leid angerichtet. Bis zum Frieden liegt noch ein steiniger Weg vor uns allen. Ich hoffe, wir gehen ihn.

Ricarda Langs Angebot an Ralf Schumacher

Das ganze Jahr über: Der bizarre „Wir kaufen dein Auto“-YouTube-Werbespot mit Ralf Schumacher nervt und inspiriert die Internetnutzer – vermutlich bis in alle Ewigkeit.

Ja, auch ich bekomme den Spot immer wieder eingespielt. Und in einer Hinsicht ist das für mich ein beruhigendes Zeichen: In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz schon so viele faszinierende und gruselige Dinge tut, scheint das Microtargeting von Werbespots noch immer erstaunlich wenig über mich zu wissen. Ich besitze kein Auto, das ich verkaufen könnte, und hatte bislang auch nicht vor, mir eines zuzulegen.

Einen Führerschein habe ich, aber ich bin jahrelang kaum gefahren. Immerhin: Zuletzt habe ich zur Auffrischung wieder ein paar Stunden genommen, weil man in meinem Wahlkreis Backnang-Schwäbisch Gmünd mit dem Leihauto einfach immer noch deutlich besser vorankommt als mit den Öffentlichen. Sollte ich da irgendwann mal Ralf Schumacher treffen, nehme ich ihn gern bis zum nächsten Gebrauchtwagenhändler mit.