Aufgeladene Stimmung: Alberich (Olafur Sigurdarson) und das Goldkind Foto: dpa/Enrico Nawrath

Mit „Das Rheingold“ hat am Sonntagabend bei den Bayreuther Festspielen ein neuer „Ring des Nibelungen“ begonnen. Cornelius Meister dirigiert, und Valentin Schwarz inszeniert das Stück als Geschichte eines Familienclans. Viele Fragen bleiben offen.

Das fängt ja gut an. In die Dunkelheit des Bayreuther Festspielhauses hinein tönt jenes immer wieder ergreifende tiefe Es, mit dem Richard Wagners große, vierteilige Welterzählung beginnt, und auf der Bühne sieht man einen Film. Nabelschnüre, zwei Embryonen, Zwillinge, die einander im Fruchtwasser umkreisen, während das Orchester in der Musik die Wellen des Rheins wallen und fließen lässt. Plötzlich greift im Video ein Embryo dem anderen ans Auge, Blut füllt das Wasser – und der Bühnenvorhang gibt den Blick frei auf einen schicken Pool, den im Hintergrund eine amerikanisch anmutende Filmkulissenlandschaft säumt.

 

Nette Kinder toben da herum. Und drei Hausmädchen: die Rheintöchter. Ihr Wagalaweia gilt den Kleinen. Und das Rheingold? Augenzwinkernd macht der Regisseur Valentin Schwarz aus dem Schatz im „Ring des Nibelungen“, den Wagner als Hort bezeichnet, einen Kinderhort. Und definiert damit neu, wonach die Gesellschaft der Götter und Alben am ersten Abend des Vierteilers strebt: nach Zukunft. Es geht nicht um das Erbe, sondern um denErben (den das kinderlose Paar Wotan und Fricka nicht hat). Nebenbei geht es womöglich auch um Kindesmissbrauch, denn Alberich raubt den Jungen, der im Planschbecken am auffälligsten ist, ein lockiges Kind mit gelbem T-Shirt und Baseballkappe, just zu den Worten „listig erzwäng’ ich mir Lust“.

Wagners „Ring“ als Netflix-Serie

Fragen über Fragen. Dieses „Rheingold“ ist voll davon. Weil es am Sonntagabend außerdem wimmelt vor Cliffhangern, löst der Regie-Jungstar deutlich sein Versprechen ein: Den „Ring“, hieß es im Vorfeld, wolle er inszenieren wie eine Netflix-Serie, und so sieht das hier tatsächlich aus. Die Götterfamilie: eine Luxusdynastie mit Wotan im Sportdress, mit Loge als windigem, selbstverliebtem Familienanwalt, der elegant auf dem High-Society-Parkett tänzelt – und mit Donner, der anstelle seines Hammers einen Golfschläger schwingt (Rheingolf im „Rheingold“). Einmal fährt es ihm dabei mächtig ins Kreuz; man schmunzelt, aber nur hier.

Wer ist der goldige Knabe? Alberich und Mime, hier ein Erzieher im Hort, führen ihn ein in eine Welt der Gewalt, er könnte also Hagen sein, der dunkle Sohn. Oder doch Siegfried, der, antiautoritär erzogen, den Traum eines freien Menschen lebt (und deshalb alles kaputt macht, was die anderen Kinder – Nibelungen? oder doch eher künftige Walküren? – hübsch ordentlich gemalt und gebastelt haben)? Waren die beiden Ungeborenen im Film zu Beginn womöglich Siegfried und Hagen, die Valentin Schwarz hier als Zwillinge zusammenbringt, als Licht- und als Schattenfigur? Oder sollen sie doch Alberich und Wotan sein, dem hier ein schwarzer, schwieliger Zwergenzwilling das Auge auskratzt? Gleichzeitig ist das wilde Kind auch der Ring, mit dem Wotan sein Versprechen gegenüber den beiden ziemlich mafiösen Architekten Fasolt und Fafner einlöst. Deren riesiger schwarzer SUV parkt in der Garage neben dem Loft der göttlichen Familie, und der Brudermord findet passenderweise auf dessen Kühlerhaube statt. Die rothaarige Frau, die schon vor ihrem Auftritt immer wieder über die Bühne schreitet, ist Erda – kein Wunder, dass sie weiß, wie alles war und alles sein wird. Götter gibt es hier nicht. Nur Menschen, die sich schon im „Rheingold“ mit aller Kraft gegen den Untergang stemmen, den sie kommen sehen.

Unter den Sängern gab es etliche coronabedingte Umbesetzungen

Musikalisch liegt der Abend im mittleren Bereich. Man merkt, dass es unter den Sängern coronabedingte Umbesetzungen gab. Herausragend sind lediglich Okka von der Dameraus farbkräftig lodernde Erda und Elisabeth Teiges sehr klar gestaltete Freia. Egils Silins findet als Göttervater eher Einzeltöne als eine Linie, Daniel Kirch überzeugt als leicht tuntiger Loge spielerisch mehr denn sängerisch, Christa Mayer gibt der Fricka in der Höhe etwas Zickiges mit. Olafur Sigurdarson stemmt die Partie mit allzu viel Kraft, und Arnold Bezuyen wirkt als Mime stimmlich indifferent. Der Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister tritt am Pult des Festspielorchesters im Tempo zuweilen stark auf die Bremse, ohne dass man wüsste, warum, manche Details wirken fast überpräsent. Doch das Geschehen nimmt Fahrt auf, am Ende steht ein präsenter, gut durchhörbarer Klang aus dem Graben, und Meister hat ein sicheres Gespür für die wechselnden Atmosphären des Stücks.

Am Ende, zum „Rheingold!“-Gesang der Rheintöchter, hält Erda ein Hort-Mädchen an der Hand. Wir sind uns sicher: Das wird Brünnhilde sein, schließlich hat sie zuvor schon eifrig Pferde gemalt. Auf einen Wink des Göttervaters hin fährt Froh zum lauter werdenden Orchester die Hi-Fi-Anlage hoch, und Wotan tanzt. Wie’s weitergeht? Bleiben Sie dran!

Der Ring des Nibelungen“ in Bayreuth

Aktuell
Die Inszenierung von Valentin Schwarz endet mit „Siegfried“ (4. 8.) und „Götterdämmerung“ (6. 8.). Der ganze neue „Ring“ wird bis Ende August noch zwei weitere Male gezeigt.

Geschichte
Als maßstabsetzenden „Jahrhundert-Ring“ bezeichnet man heute die Bayreuther Aufführung des Vierteilers 1976 in der Regie von Patrice Chéreau und mit Pierre Boulez am Pult. Danach begeisterte 2013 Frank Castorfs Inszenierung – mit Kirill Petrenko als Dirigent.

Handlung Richard Wagner erzählt in „Der Ring des Nibelungen“, wie eine Welt im Konflikt zwischen Macht und Liebe untergeht. Der knapp 16 Stunden dauernde Musiktheater-Vierteiler wurde 1876 erstmals im Bayreuther Festspielhaus aufgeführt. (ben)