Deutschland Exporte leiden unter den Handelskonflikten Foto: dpa

Die Bundesrepublik ist in der EU fast Schlusslicht – das liegt nicht nur an den weltweiten Handelskonflikten, sondern hat auch hausgemachte Ursachen, meint StN-Autor Klaus Köster.

Stuttgart - Bundeskanzlerin Angela Merkel ist die Gelassenheit in Person. Dass die deutsche Wirtschaftsleistung im vergangenen Quartal gesunken ist, sei halb so wild, lässt sie verlauten. Und tatsächlich könnte man fragen: Was hat es schon zu bedeuten, wenn das Bruttoinlandsprodukt in einem Vierteljahr mal um ein Promille niedriger ausfällt? Aus 1000 Euro werden dann eben 999 Euro. Stört das irgendjemanden?

Nur das Brexit-Land schrumpft schneller

Die wirtschaftliche Entwicklung verläuft in Deutschland sehr uneinheitlich. Besonders stark unter Druck geraten ist der Sektor, dem das Land seit Jahrzehnten seinen Wohlstand verdankt – nämlich die exportorientierte Industrie. Sie schrumpfte um satte zwei Prozent, während die übrige Wirtschaft sogar um ein halbes Prozent wuchs. Doch nicht einmal der anhaltende Bauboom und der private Konsum konnten den Einbruch bei der Industrie ausgleichen, die vor allem unter der wachsenden Abschottung zwischen Wirtschaftsblöcken wie den USA und China leidet. Der gleiche Grund, aus dem Deutschland seit Jahren glänzte, wird nun zum Problem für das Land. Kein anderer EU-Staat außer dem Brexit-Land Großbritannien hat schlechtere Zahlen gemeldet als Deutschland.

Was aber kann die Politik in dieser Situation tun? Viel wäre schon gewonnen, wenn das Land aufhören würde, sich fortwährend selbst zu beschädigen und immer wieder den Rückzug in die Selbstisolation zu suchen. So hat der geradezu panische Ausstieg aus der Atomkraft im Jahr 2011 dazu geführt, dass Deutschland nicht nur verstärkt vom Import französischen Atomstroms abhängig ist, sondern auch dazu, dass die deutsche Industrie aus dieser Technologie weitgehend ausgestiegen ist, die aber – ob man es gut findet oder nicht – in aller Welt noch immer eine enorme Rolle spielt. Anstatt dazu beizutragen, dass diese Anlagen maximal sicher konstruiert und betrieben werden, überließ Deutschland das Feld anderen Ländern, denen Sicherheit teilweise weit weniger wichtig ist. Besten Umweltgewissens lässt Deutschland seine wirtschaftliche Basis dahinschmelzen.

Auch Verbrennungsmotoren werden weltweit noch lange eine Rolle spielen – doch je stärker Deutschland diese Technologie ungeachtet der nun endlich erzielten sprunghaften Fortschritte verdammt, desto eher überlässt man auch diese Technologie einschließlich der zugehörigen Arbeitsplätze anderen Ländern, was weder Deutschland noch der globalen Umwelt hilft.

Welchen Wert hat die eigene Zukunft?

Und bei den Zukunftstechnologien setzt Deutschland einseitig auf die Batteriemobilität, anstatt auch die Brennstoffzelle massiv voranzutreiben, deren Energie in Wasserstoff gespeichert wird, der in den Weltmeeren im Überfluss vorhanden ist. Auch die Entwicklung synthetischer Kraftstoffe, mit deren Hilfe nicht nur Autos, sondern auch Lastwagen, Schiffe und sogar Flugzeuge umweltfreundlich bis hin zur Klimaneutralität betrieben werden können, werden in Deutschland sträflich vernachlässigt. Von der digitalen Infrastruktur, ohne die neue Technologien unvorstellbar sind, ganz zu schweigen. Für Rentenpakete verschuldet sich das Land über beide Ohren, doch die eigene Zukunft ist ihm kaum etwas wert.

US-Präsident Donald Trump sieht die Weltwirtschaft als Kampfgebiet, in dem der eine nur gewinnen kann, was er dem anderen abknöpft. Deutschland dagegen könnte eine Politik verfolgen, die heimische Arbeitsplätze schafft, zugleich aber auch anderen Ländern zugute kommt. Die drohende Rezession ist eine eindringliche Mahnung an das Land, seine riesigen Stärken endlich wieder zu nutzen, anstatt sie unentwegt zu verteufeln.

klaus.koester@stuttgarter-nachrichten.de

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